APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

5.1.2004 | Von:
Lucia A. Reisch
Michael Neuner
Gerhard Raab

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland

Kaufsucht ist eine stoffungebundene Sucht, die anderen Süchten stark ähnelt. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Forschung zur Kaufsucht. Er erläutert das Phänomen der Kaufsucht, seine Entstehung, Verbreitung und Therapieansätze.

Kaufsuchtforschung

Während in den USA und Kanada seit den achtziger Jahren Diskussionen über Kaufsucht geführt werden, wird diesem Phänomen in Deutschland erst seit einem guten Jahrzehnt Beachtung geschenkt. Im Jahre 1989 hat eine interdisziplinäre Forschungsgruppe an der Universität Hohenheim in Stuttgart mit der Kaufsuchtforschung in Deutschland begonnen und 1991 die erste europäische Studie zur Kaufsucht durchgeführt. Bis heute stellen die Hohenheimer Studien die - bezogen auf die Datenbasis - weltweit größten Untersuchungen über Kaufsucht und die einzigen bevölkerungsrepräsentativen epidemiologischen Erhebungen dar. Kaufsuchtstudien mit kleineren Datenbasen und teilweise spezielleren Fragestellungen wurden seit 1988 in den USA und Kanada sowie seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland und weiteren europäischen Ländern wie Großbritannien, Österreich, Spanien, Frankreich und der Schweiz durchgeführt.





Ausgangspunkt der Hohenheimer Studien waren Fragen danach, ob das Phänomen der Kaufsucht auch in Deutschland nachweisbar ist, worin die Ursachen dieser Sucht liegen, welche Folgen daraus für die Betroffenen entstehen, welche Personen oder Personengruppen besonders davon betroffen sind und nicht zuletzt, wie "Kaufsucht" gemessen werden kann. Um diesen Fragen näher zu kommen, wurden im Rahmen der Exploration mehrstündige Tiefeninterviews mit 26 Personen geführt, die sich selbst als "kaufsüchtig" bezeichneten und unter ihrem Verhalten litten. Die Gespräche wurden protokolliert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Zudem wurden die Kaufsüchtigen einer Reihe von psychologischen Tests unterzogen, die über die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen wie ihren Selbstwert, die Neigung zu Depressivität und Psychasthenie (psych. Kraftlosigkeit) Auskunft gaben.[1] Diese Tiefeninterviews waren die Grundlage für die weitere Forschungsarbeit, insbesondere für die 1991 durchgeführte erste Repräsentativuntersuchung von über 1 500 Personen in der damals gerade wiedervereinten Bundesrepublik.





Genau zehn Jahre später, im Oktober 2001, hat dieForschungsgruppe eine Wiederholungsstudie durchgeführt.[2] Im Zentrum stand dieses Mal die Frage, ob und gegebenenfalls wie sich die Tendenz zur Kaufsucht in den alten und neuen Bundesländern im zurückliegenden Jahrzehnt entwickelt hat. In einer bevölkerungsrepräsentativen Studie wurden wiederum über 1 000 Personen mit Hilfe eines "Kaufsuchtindikators" befragt, der bereits in der Erststudie zum Einsatz gekommen war (vgl. Tabelle: s. PDF-Version). Dieses Erhebungsinstrument wurde von der Forschungsgruppe entwickelt und mehrfach im Sinne der kritischen Testtheorie auf seine Zuverlässigkeit und Gültigkeit hin geprüft.





Das Instrument misst die Tendenz zum süchtigen Kaufen.[3] Hinzu traten neue Fragen zur Nutzung von Online-Medien, zum Internet-Shopping und zum Anlageverhalten - Dimensionen, bei denen ein Zusammenhang mit der Kaufsuchttendenz vermutet wurde. Die Ergebnisse dieser Wiederholungsstudie lassen Schlüsse bezüglich der Entwicklung der Kaufsucht in der Bundesrepublik im letzten Jahrzehnt zu. Von besonderem Interesse sind dabeidie Entwicklungen in den neuen und alten Bundesländern sowie der Zusammenhang zwischen Kaufsucht und soziodemographischen Variablen wie Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildung.

Merkmale der Kaufsucht

Unter Kaufsucht wird das episodisch auftretende, zwanghafte Kaufen von Konsumgütern und Dienstleistungen verstanden. Bis heute herrscht weder im klinischen noch im verhaltenswissenschaftlichen Forschungszweig Einigkeit darüber, ob das beschriebene Phänomen als Kaufsucht, Kaufzwang oder allgemeiner als pathologisches Kaufen bezeichnet werden sollte.[4] Mit anderen gehen wir davon aus, dass es sich um eine stoffungebundene Sucht handelt, die anderen Süchten wie z.B. Drogen-, Alkohol-, Ess- oder Arbeitssucht in der Entstehungsgeschichte und den Beschreibungsmerkmalen stark ähnelt.[5] Häufig tritt die Kaufsucht abwechselnd oder gleichzeitig mit anderen Süchten wie beispielsweise der Esssucht oder der Alkoholsucht auf.[6] Therapeuten beobachten auch "Suchtkarrieren", in welchen die Kaufsucht ein Stadium unter anderen darstellt. Tiefeninterviews mit Betroffenen haben gezeigt, dass die Kriterien, durch die im Allgemeinen Suchtverhalten definiert wird, auch für die Kaufsucht gelten:

1. Ein unwiderstehlicher Drang, der als stärker als der eigene Wille erfahren wird. Typische Aussagen der von Kaufsucht Betroffenen sind: "Es ist stärker als ich", oder "Wenn ich Geld habe, dann muss ich es einfach ausgeben", oder "An Sonderangeboten komme ich einfach nicht vorbei", oder "Die Dinge ziehen mich magisch an".

2. Eine Abhängigkeit vom Kaufen bis zum Verlust der Selbstkontrolle: Die Interessen der Süchtigen verengen sich auf das Kaufen, das als einziges Befriedigungsmittel übrig bleibt. Das Kaufen wird als einzig wirksame "Fluchtburg" erlebt, soziale Kontakte sterben ab und oftmals droht Überschuldung.

3. Eine Tendenz zur Dosissteigerung, d.h., um den gleichen Effekt zu erzielen, werden immer häufiger und in manchen Fällen auch immer teurere Dinge gekauft. Das Denken und Sehnen dreht sich zunehmend um das Kaufen.

4. Entzugserscheinungen, die von einer inneren Unruhe über Unwohlsein bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen und Selbstmordgedanken führen können.

Die euphorische Stimmung, die Kaufsüchtige während des Kaufens und unmittelbar danach noch empfinden, wird schon bald durch Scham und Schuldgefühle verdrängt. Betroffene haben das Gefühl, ihre Familie verraten zu haben, weil sie wegen ihrer Einkäufe kein Geld mehr für den Urlaub mit ihren Kindern haben; andere greifen auf die Ersparnisse ihrer Kinder zu, um ihre Sucht zu finanzieren. Die Sucht erfasst auch Arbeitsverhältnisse. Bei manchen ist der Kaufzwang so übermächtig, dass sie selbst die Portokasse ihrer Betriebe zur Finanzierung ihrer Sucht heranziehen. Die finanziellen Konsequenzen reichen von einem regelmäßig überzogenen Konto bis hin zur Verschuldung oder gar Überschuldung.[7] Der Leidensdruck wird häufig durch die erfahrene Einengung und Vereinsamung erhöht. Vorwürfe von der Familie, insbesondere vom Partner, treffen die ohnehin labilen Süchtigen tief. Sie verstärken die Sucht und können bis zum Selbstmord führen. Partnerprobleme, die häufig zu den auslösenden Faktoren gehören, verschlimmern sich noch, was weitere Kompensationshandlungen begünstigt.

Kaufsucht ist eine eher unauffällige Sucht, sie ist für den Außenstehenden, der die Symptomatik nicht kennt, nur schwer erkennbar. Das Suchthafte am Kaufen bleibt oft lange Zeit unerkannt - sowohl von den Süchtigen selbst, die sich ihre Abhängigkeit nicht eingestehen möchten, als auch vom sozialen Umfeld, das die Kaufaktivitäten der Süchtigen eher anerkennt als kritisch kommentiert. Denn im Gegensatz zu anderen Süchten, die mehr oder weniger sozial geächtet sind und normabweichendes Verhalten darstellen, ist Kaufen - auch übermäßiges und kompensatorisches Kaufen - grundsätzlich gesellschaftlich erwünscht.

Das Suchtmittel Kaufen

Abhängig sind die von Kaufsucht Betroffenen von einem bestimmten "Suchterleben", das ihnen das Kaufen verschafft, nämlich Anregung, Beruhigung, aber auch Anerkennung, Bestätigung und Aufmerksamkeit. Bei der Kaufsucht verschafft das Kaufen selbst diese Befriedigung. Es ist nicht primär der Besitz oder der Konsum der Güter, auch wenn der Besitz kurzfristig positive Gefühle vermitteln kann. Kaufen kann zum einen als "Tranquilizer" dienen. Der Zweck besteht dann darin, eine innere Unruhe zu betäuben und aufsteigende Depressionen oder Ängste zu unterdrücken. Zum anderen kann Kaufen als "Aufputschmittel" wirken, um aus dem als sinnlos und ermüdend empfundenen Alltag auszubrechen. Kaufen soll zu Glücksgefühlen verhelfen, die ausbleiben, wenn andere die Süchtigen nicht beachten. Man beschenkt sich selbst, um eine innere Leere zu füllen, man versucht der Realität zu entfliehen, deren Anforderungen sich die Süchtigen nicht gewachsen fühlen.

Schließlich kann Kaufen auch der Selbstbestätigung dienen. Kaufen wird als Symbol für selbständiges, kompetentes Entscheiden empfunden ("Bei den Modefarben hab' ich den siebten Sinn, die Verkäuferinnen haben doch keine Ahnung"), als Symbol für Überfluss und ein intensives Leben ("Ich stelle mir vor, Geld spielt keine Rolle; ich genieße es, als Stammkundin bevorzugt bedient zu werden"), als emotionale Unterstützung ("Einkaufen versetzt mich in Hochstimmung"), als Bestärkung einer unsicheren Identität ("Ich kaufe Sportgeräte und teure Accessoires, um meiner jungen Frau zu imponieren"). Kaufen dient auch als Ersatz für Anerkennung in anderen Lebensbereichen ("Ich bin ja sonst nichts wert"), als Schutz vor einer inneren Leere und Minderwertigkeitsgefühlen ("Als Kundin mit lockerem Scheckbuch bin ich jemand"), als Belohnung ("Da gönne ich mir etwas, wenn ich es sonst schon so schwer habe") und Trost ("Kaufen ist bei mir Partnerersatz"), alsBestätigung eigener Fantasievorstellungen. Grundlage ist meist eine unerfüllte Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Zuneigung, Respekt und Beachtung. Dies ist auch daran abzulesen, dass Kaufsucht sehr häufig mit Depressionen einhergeht.

Fast alle Kaufsüchtigen spezialisieren sich auf bestimmte Produkte und Kaufumgebungen, die für sie mit einer bestimmten Symbolik verbunden sind. Frauen scheinen sich dabei mehr auf Kleidung, Schuhe, Schmuck, Lebensmittel und Bücher zu verlegen, Männer kaufen eher technische und modische Accessoires, technische Geräte, Sportgeräte etc. Manche Kaufsüchtigen kaufen nur reduzierte Waren, bei manchen entscheidet die Gemütslage, welche Art von Produkten - und damit welche Symbole - gekauft werden. Dass die Güter jedoch nach der Kaufsituation eine untergeordnete Rolle spielen, kann daran abgelesen werden, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie erst einmal gekauft worden sind: Häufig werden sie zu Hause gar nicht ausgepackt, nicht oder nur einmal benutzt, sie werden achtlos weggeräumt, verschenkt oder aus Angst vor Vorwürfen der Familie sogar versteckt oder weggeworfen. Aus dem Katalog bestellte Waren bleiben ungeöffnet in den Paketen, an den Kleidern hängen noch die Preisschilder, Lebensmittel werden im Keller gelagert und vergessen, bis sie ungenießbar geworden sind.

Entstehung der Kaufsucht

Es wird angenommen, dass an der Entstehung der Kaufsucht eine Reihe psychologischer, sozialer und biologischer Faktoren - etwa eine ererbte Prädisposition für eine mangelhafte Impulskontrolle - beteiligt sind. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht muss die Entstehung der Suchtstruktur auf zwei Ebenen betrachtet werden: Auf der Ebene des Individuums stellt sich die Frage, wie die Suchtstruktur der Entwicklung des Individuums entspringt, welche Faktoren sie aufbauen und verstärken; auf der Ebene der Gesellschaft geht es um die Bedeutung gesellschaftlicher Institutionen wie Normen, Werte, Sozialisationsbedingungen und Kompensationsmöglichkeiten, die das Entstehen von Suchtstrukturen allgemein und für die Ausbreitung der Kaufsucht insbesondere begünstigen. Die beiden Ebenen sind nicht unabhängig voneinander, sondern - insbesondere durch die Sozialisationserfahrungen - miteinander verwoben.

Auf der Ebene des Individuums verweisen die Lebensgeschichten der Betroffenen auf spezifische Lernbedingungen, Erziehungsstile und Sozialisationsbedingungen, die zu einer Störung der Autonomie bei den Heranwachsenden führen und Suchtpersönlichkeiten hervorbringen. Durch seelische Verletzungen, emotionale Vernachlässigung, Ablehnung und Gleichgültigkeit von Seiten des Elternhauses oder aber durch ungebührliche Überversorgung und inkonsequentes Verwöhnen wurde den Heranwachsenden die Möglichkeit genommen, emotionale Selbstständigkeit und Kompetenz zu erlangen, die sie zur Entwicklung von Autonomie und zur Ausbildung eines gesunden Selbstwertgefühls benötigt hätten. Das Konzept des Selbstwerts scheint bei der Entstehung von Kaufsucht eine zentrale Rolle zu spielen. Das niedrige Selbstwertgefühl von Kaufsüchtigen wird auch auf inadäquate Eltern-Kind-Interaktionen zurückgeführt.[8] Psychoanalytische Erklärungen fokussieren auf narzisstische Charakterpathologien, Kastrationsangst oder unbewältigte Autonomiekonflikte.[9]

Suchtfördernd wirkt auch eine Erziehung, die materielle Güter zur Belohnung und Bestrafung einsetzt, wodurch Güter und Geschenke einen symbolisch überhöhten Stellenwert erhalten. Kaufsüchtigen wurde die Benachteiligung, die sie erlebt haben - z.B. im Vergleich zu bevorzugten Geschwistern -, oft am Beispiel der Versorgung mit Konsumgütern deutlich, die ihnen dann auch besonders stark in Erinnerung bleibt. Auch "Lernen am Modell" scheint eine Rolle zu spielen: In manchen Fällen wurde bereits am elterlichen Modell gelernt, wie man Konsum zu Kompensationszwecken einsetzt.[10]

In Anlehnung an die motivationspsychologische Theorie der Kausalitätsorientierungen scheinen Kaufsüchtige eher "impersonal" orientiert zu sein:[11] Ihre Haltung zum Leben und zu den Menschen beruht auf einem Gefühl der Unfähigkeit, mit den Herausforderungen des Alltags aus eigener Kraft fertig zu werden. Ihr Verhalten ist daher überwiegend wenig absichtsgelenkt (intentional), zielgerichtet und von der Person gesteuert, sondern nonintentional, zufällig und von dem Bewusstsein durchdrungen, dass ihr Verhalten an den Umständen nichts ändern kann. Dies kann durch traumatische Lebenssituationen oder kritische Lebensereignisse im Erwachsenenalter wie lange Arbeitslosigkeit, unglückliche Beziehungen, Abhängigkeiten oder körperliche Versehrtheit verstärkt werden.

Kaufsucht wird auch mit Stimmung aufhellendem Selbstschenkverhalten in Verbindung gebracht, das Kaufsüchtige häufig zeigen.[12] Selbstgeschenke haben therapeutische Zwecke. Sie verhelfen kurzfristig zu positiven Gefühlen, schützen und stützen Selbstwert und Selbstkonzept und bieten die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt, der den Süchtigen häufig fehlt. Dass die Betroffenen die in der Kaufsituation hergestellten Sozialkontakte in der Regel genießen, wurde verschiedentlich gezeigt.[13] Obwohl auch hier mittel- und langfristig negative Konsequenzen auftreten wie Distress und Schamgefühle, beschenken sich Kaufsüchtige weiterhin, weil zum einen der kurzfristige emotionale "Lift" die späteren negativen Gefühle überwiegt und weil zum anderen insgesamt die Fähigkeit absinkt, zu widerstehen.

Jenseits individueller Sozialisationserfahrungen wird die Entwicklung der Kaufsucht auch durch die Bedingungen und Möglichkeiten einer modernen Konsumgesellschaft beeinflusst. Kaufen und Konsumieren spielen hier eine zentrale ökonomische, soziale, psychologische und kulturelle Rolle. Jenseits der unmittelbaren Bedarfsdeckung hat das Konsumieren wichtige symbolische Funktionen, die in die Kategorien Positions-, Kompetenz-, Expressions-, Hedonismus- und Kompensationsfunktion eingeteilt werden können.[14] Kaufsucht enthält Elemente aller fünf Funktionen, wobei insbesondere die Kompensationsfunktion im Mittelpunkt steht. Konsum ist Abbild und Voraussetzung sozialer Teilhabe und ist stark symbolisch überhöht. Kaufen symbolisiert Belohnung, Größe, Selbstständigkeit, Fülle und Sicherheit. Es ist der Bereich, den die Gesellschaft ihren Mitgliedern von Kindesbeinen an als zentralen Übungsplatz für selbstständiges Handeln bietet. Der "heimliche Lehrplan" der Werbung und Medien erzieht dazu, sich etwas zu gönnen, durch Güter zu kompensieren und Defizite durch den Problemlöser Produkt zu überdecken. Dass diese "Pseudotherapie" nicht gelingen kann, ist den Betroffenen zwar im Grunde bewusst; da sie jedoch kurzfristig Erleichterung verschafft, ist sie ein verführerisch einfaches und zuverlässig wirksames Mittel der kurzfristigen Problembewältigung in Form einer Fluchtburg.

Unter den Bedingungen einer postmodernen Konsumgesellschaft werden neben der symbolischen Überhöhung des Konsums weitere Einflüsse wirksam: Die zunehmende Komplexität des Konsums und seine Ästhetisierung, die zunehmende Nutzung von Konsumentenkrediten und virtuellen Zahlungsmöglichkeiten, der steigende Werbedruck und die zunehmende allgemeine Verunsicherung der Konsumenten sind das Umfeld, in dem sich Kaufsucht entwickeln kann.

Besondere Bedeutung für die Konsumkultur hat in diesem Zusammenhang die deutsche Wiedervereinigung. Die DDR-Gesellschaft verstand sich nie als Konsum-, sondern sah sich auf dem Weg zur Kulturgesellschaft. Insofern sie Konsumgesellschaft war, war sie eine eng auf Gebrauchswerte hin orientierte Gesellschaft. Das Verhältnis beider deutschen Gesellschaften zueinander lässt sich in Kategorien wie Tradition versus Moderne, Mangelversus Überfluss, Egalität versus Individualisierung, Standardisierung versus Pluralität von Lebensstilen, Plan versus Markt, Versorgung und Bedarfsdeckung versus Konsum und Shopping charakterisieren.

Kennzeichnend für die DDR war der Anspruch einer paternalistischen, am Versorgungsanspruch der Partei orientierten Konsumpolitik, die sich in dem seit den sechziger Jahren unternommenen Versuch manifestierte, erzieherisch auf den Geschmack und die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger einzuwirken. Grundlegend war dabei die Idee der Planbarkeit und Formbarkeit menschlicher Bedürfnisse. Konsumpraktisch zeigte sich die Versorgungssituation in der Weise, dass man kaufte, wenn es etwas gab, und nicht, wenn man etwas benötigte oder das Bedürfnis hatte zu kaufen.

Eine Modernisierung der Konsumkultur vollzog sich allenfalls im Hintergrund. Die Folie bildeten Enklaven westlicher Konsumkultur, die über das Westfernsehen, Weihnachtspakete aus dem Westen sowie marktfähige Verteilungsformen wie Intershops geschaffen wurden. Aufgrund dieser "Kolonialisierung" der ostdeutschen Lebenswelt durch Informationskanäle, Warentransfers und werberelevante Sozialtechniken waren DDR-Konsumenten nie vollständig von westlichen Konsumzusammenhängen abgeschnitten.

Der "Bedürfnisimport" aus dem Westen, die Erzeugung von auf breiter Basis noch nicht erfüllbaren Begehrlichkeiten im konsumtiven Bereich begünstigte die Assimilation der ostdeutschen an diewestdeutsche Konsumkultur. Anzunehmen ist,dass nicht alleine die wohlfahrtsrelevanten Aspekte der Konsumfreiheit, sondern auch die Schattenseiten der westlichen Konsumkultur, etwa die warengebundenen Kompensationsmuster und -strategien, assimiliert worden sind.

Verbreitung und Entwicklung

Die im Oktober 1991 in Deutschland durchgeführte bevölkerungsrepräsentative Studie hatte gezeigt, dass ca. fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung in den westdeutschen und nur ca. ein Prozent der Bevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern als "stark kaufsuchtgefährdet" bezeichnet werden mussten. Noch "deutlich kaufsuchtgefährdet" waren 20 Prozent (westdeutsche Bundesländer) bzw. 13 Prozent (ostdeutsche Bundesländer). Der Kaufsuchtindikator ersetzt keine psychologische Diagnose. In jedem Falle aber eignet sich das Messinstrument dazu, Tendenzen eines unkontrollierten und übermäßigen Kaufverhaltens, das sich vom Bedarf der Konsumenten weitgehend gelöst hat, aufzudecken und genauer einzuschätzen. Ein Jahrzehnt später, im Oktober 2001, hat sich die Situation deutlich verändert: Die Tendenz zum süchtigen Kaufen in Deutschland hat in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen. Dies gilt vor allem für die neuen Bundesländer, in denen sich die Situation der in den alten Ländern weitgehend angeglichen hat und sich die Anzahl der Kaufsuchtgefährdeten mehr als versechsfacht hat (vgl. Abbildung: s. PDF-Version).

Besonders betroffen sind die ostdeutschen Konsumentinnen. Offensichtlich haben die Konsumenten in den neuen Bundesländern mittlerweile die Konsummuster und Kompensationsstrategien von den Konsumenten der alten Bundesrepublik übernommen, die westliche Konsumkultur hat die östliche weitgehend verdrängt.

Die im Jahr 2001 durchgeführte Wiederholungsstudie bestätigte eine Reihe von Ergebnissen der ersten Studie von 1991 hinsichtlich des Zusammenhangs der Kaufsucht mit mehreren soziodemographischen Merkmalen. So scheinen grundsätzlich alle Einkommens- und Bildungsschichten von Kaufsucht betroffen zu sein. Allerdings zeichnete sich in der 2001 durchgeführten Studie ein interpretationsbedürftiger Trend ab, wonach die höchsten Kaufsuchtwerte bei Personen mit mittlerer bis guter Bildung sowie bei Personen mit niedrigem Einkommen liegen. Wie schon 1991 waren auch 2001 jüngere Konsumenten etwas stärker kaufsuchtgefährdet als ältere, Frauen stärker als Männer.

Gegenstand der Untersuchung war auch die Frage, inwieweit die Möglichkeiten des Internets die Verbreitung der Kaufsucht beeinflussen. Die Studie ergab, dass Internetnutzung und Kaufsuchttendenz zueinander in einem positiven Zusammenhang stehen. Aufgrund der geringen Fallzahl sollte dieser Befund jedoch als vorläufiger Hinweise betrachtet werden. Dasselbe gilt für die Tendenz kaufsuchtgefährdeter Investoren zu risikoreichen Geldanlagen.

Therapieansätze

Die vorliegende Selbsthilfeliteratur nennt eine Reihe von Maßnahmen, mit denen man kurzfristig den Kaufdrang bremsen kann, die jedoch keine therapeutische und damit längerfristige Wirkung haben.[15] Da auch die Formen, in denen Kaufsucht auftritt, sehr unterschiedlich sind, lassen sich hier nur allgemeine Hinweise formulieren. Zu diesen "Sofortmaßnahmen" gehören:

- Rückgabe von Kredit- und Kundenkarten und Bargeldzahlung;

- durch Selbstbeobachtung herausfinden, auf welche Reize bzw. Situationen man mit Kaufen reagiert, und sich diese bewusst machen;

- Zeiten des Schlussverkaufs oder des saisonalen Hochkonsums (z.B. Vorweihnachtszeit) sowie Ausverkäufe meiden;

- alle Bestände an Kleidung (oder je nach Fokussierung der Sucht auch Sportgeräte, Accessoires etc.) inventarisieren und diese Liste beim Einkaufen bei sich tragen;

- "Dekontextualisierung" der Güter, indem beispielsweise mehrere davon zur Auswahl mit nach Hause genommen werden und auf diese Weise außerhalb der verführerischen Kaufatmosphäre "entzaubert" werden;

- Formen regelmäßiger Haushaltsbuchführung einführen (z.B. selbstgestaltetes Haushaltsbuch, Einnahmen- und Ausgabenerfassung, Finanzbuchhaltung).[16]

Diese praktischen Maßnahmen ersetzen nicht ein langfristiges Bemühen, sich aktiv mit seiner Situation auseinander zu setzen. Wer sich seine Sucht eingesteht, der hat bereits den ersten Schritt getan. Weitere Schritte sind dann Gespräche mit einer Vertrauensperson, die Unterstützung bei der Überwindung der Sucht geben kann. Als hilfreich werden auch begleitende Selbsthilfegruppen und Betroffenen-Netzwerke empfunden, die sich in manchen größeren Städten gebildet haben. Zur Unterstützung finanzieller Konsequenzen der Kaufsucht stehen Schuldnerberatungen zur Verfügung. Mittelfristig geht es dann auch darum, die eigene Konsumkompetenz zu verbessern. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit zur Reflexion des Bedarfs im Sinne der Frage: "Brauche ich dieses Produkt wirklich?"

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit unterschiedlichen Therapieansätzen.[17] Während in den USA die Pharmakotherapie eine wichtige Rolle spielt,[18] überwiegt in Deutschland die verhaltenstherapeutisch orientierte Behandlung von Kaufsucht.[19] Bei derzeit laufenden Studien an der Universitätsklinik Erlangen-Nürnberg sowie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf werden verhaltenstherapeutische Therapiekonzepte zur Kaufsuchtbehandlung entwickelt und getestet. Erste Ergebnisse werden für Herbst 2004 erwartet.


1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Scherhorn/Lucia A. Reisch/Gerhard Raab, Addictive Buying in West Germany. An Empirical Study, in: Journal of Consumer Policy, 13 (1990), S. 355 - 387.
2.
Vgl. Michael Neuner/Lucia A. Reisch, Trends zur "Kaufsucht" von Konsumenten, in: Sparkasse, 119 (2002) 1, S. 40 - 43.
3.
Vgl. Gerhard Scherhorn u.a., Instrument zur Erhebung von Kaufsucht, Göttingen (in Vorbereitung).
4.
Vgl. Iver Hand, Pathologisches Kaufen - Kaufzwang, Kaufrausch oder Kaufsucht. Ein von der Psychoanalyse vernachlässigtes Thema, in: Gerhard Lenz/Ulrike Demal/Michael Bach (Hrsg.), Spektrum der Zwangsstörungen, Wien 1998, S. 123 - 132.
5.
Vgl. Gerhard Scherhorn, The Addictive Trait in Buying Behaviour, in: Journal of Consumer Policy, 13 (1990), S. 33 - 51; Werner Gross, Sucht ohne Drogen. Arbeiten, Spielen, Essen, Lieben, Frankfurt/M. 1990.
6.
Vgl. Ronald J. Faber u.a., Two Forms of Compulsive Consumption: Comorbidity of Compulsive Buying and Binge Eating, in: Journal of Consumer Research, 22 (1995), S. 296 - 303.
7.
Vgl. Michael Neuner, Verbraucherkonkurs und Restschuldbefreiung: Eine kritische Analyse aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht, in: Michael Neuner/Gerhard Raab (Hrsg.), Verbraucherinsolvenz und Restschuldbefreiung, Baden-Baden 2001, S. 115 - 142; vgl. auch Rolf Haubl, Geldpathologien und Überschuldung: am Beispiel Kaufsucht, in: Psyche, 50 (1996) 9/10, S. 916 - 953.
8.
Vgl. Ronald J. Faber/Thomas C. O'Guinn, Dysfunctional Consumer Socialization: A Search for the Roots of Compulsive Buying, in: P. Vanden Abeele (Hrsg.), Psychology in Micro and Macro Economics. Proceedings of the 13th Annual Colloquium of the International Association for Research in Economic Psychology, Leuven, Belgium, September 28 - October 1, 1988.
9.
Vgl. z.B. R. Haubl (Anm. 7)
10.
Vgl. G. Scherhorn/L.A. Reisch/G. Raab (Anm. 1).
11.
Vgl. Edward Deci/ Richard Ryan, The General Causality Orientations Scales: Self-Determination in Personality, in: Journal of Research in Personality, 19 (1985), S. 109 - 134.
12.
Vgl. z.B. Thomas C. O'Guinn/Ronald J. Faber, Compulsive Buying: A Phenomenological Exploration, in: Journal of Consumer Research, 16 (1989), S. 147 - 157.
13.
Vgl. z.B. Susan L. McElroy u.a., Treatment of Compulsive Shopping with Antidepressants: A Report of Three Cases, in: Annals of Clinical Psychiatry, 3 (1991), S. 199 - 204.
14.
Vgl. Lucia A. Reisch, "Symbols for Sale": Funktionen des symbolischen Konsums, in: Leviathan - Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Sonderheft, 21 (2002), S. 226 - 248.
15.
Vgl. Ellen M. Catalano/Nina Sonenberg, Consuming Passions. Help for Compulsive Shoppers, Oakland, Cal. 1993.
16.
Vgl. M. Neuner (Anm. 7).
17.
Vgl. April Lane Benson (Hrsg.), I Shop, Therefore I am: Compulsive Buying and the Search for Self, Northvale, N.J. 2000; Astrid Müller u.a., Pathologisches Kaufen - Eine Literaturübersicht, Erlangen (i.E.).
18.
Vgl. Donald W. Black/Patrick Monahan/Janelle Gabel, Fluvoxamine in the Treatment of Compulsive Buying, in: Journal of Clinical Psychiatry, 54 (1997) 4, S. 159 - 163; vgl. auch S. L. McElroy u.a. (Anm. 13).
19.
Vgl. Achim Bongers, Fallbeschreibung einer verhaltenstherapeutisch orientierten Behandlung von Kaufsucht, in: Stefan Poppelreuter/Werner Gross (Hrsg.), Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten, Weinheim 2000, S. 165 - 180.