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5.1.2004 | Von:
Monika Gerlinghoff
Herbert Backmund

Magersucht und andere Essstörungen

Essstörungen sind eine Krankheit, für die neben biologischen und psychosozialen auch soziokulturelle Faktoren ausschlaggebend sind. Als wichtigster soziokultureller Faktor für die Entstehung von Essstörungen gilt das herrschende Schönheitsideal: schlank ist schön.

Einleitung

Magersucht (Anorexia nervosa) wird aus medizinischer Sicht zu den Essstörungen gerechnet. Dazu gehören auch die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) und die Esssucht (Binge Eating Disorder). Obwohl alle drei Formen der Essstörungen in der deutschen Benennung jeweils als Sucht bezeichnet werden, zählen sie nach medizinischen Kriterien, etwa den diagnostischen Leitlinien, nicht zu den eigentlichen Süchten, auch nicht zu den abnormen Gewohnheiten.





Essstörungen sind Krankheiten. Ihre jeweils kennzeichnenden Symptome sind in den international gebräuchlichen Verzeichnissen der Krankheiten (International Classification of Diseaes, ICD) oder der psychischen Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM), im Detail etwas unterschiedlich, festgelegt.





Die Magersucht ist charakterisiert durch ein abnorm niedriges Körpergewicht, das entweder um 15 Prozent unter dem zu erwartenden Gewicht liegt oder einem BMI (Body Mass Index; Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern im Quadrat) von 17,5 oder weniger entspricht. Der Gewichtsverlust wurde selbst herbeigeführt, entweder durch stark reduzierte Energiezufuhr, durch erhebliche Steigerung Energie verbrauchender körperlicher Aktivitäten oder durch Missbrauch von abführenden oder entwässernden Medikamenten. Dazu kommt eine krankhafte Angst, "dick" zu werden, und eine krankhaft verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, eine so genannte Körperschemastörung, die sich nicht selten auf einzelne Regionen, beispielsweise Bauch oder Oberschenkel, beziehen kann.

Kennzeichnend für die Bulimie ("Stierhunger") sind Heißhunger- oder Essattacken, von den Betroffenen meist als "Fressanfall" bezeichnet, bei denen in kurzer Zeit große Mengen an Nahrungsmitteln verschlungen werden. Im DSM-IV (DSM, 4.Version) gibt es zeitliche Angaben über die Häufigkeit derartiger Attacken wie "3 Monate lang im Durchschnitt mindestens zweimal pro Woche". Ein weiteres diagnostisches Merkmal der Bulimie ist der Versuch, der dick machenden Wirkung der zu viel genossenen Nahrung durch verschiedene so genannte kompensatorische Maßnahmen entgegenzutreten: selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln oder entwässernden Substanzen, Fasten oder übermäßige körperliche Betätigung.

Sowohl für Magersucht als auch für Bulimie hat die American Psychiatric Association (APA) 1994 als ein diagnostisches Kriterium den "übertriebenen Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung" in das DSM IV[1] eingeführt. Diese Abhängigkeit der eigenen Wertschätzung der Betroffenen von Aussehen und Figur hat es in früheren Versionen nicht gegeben und ist im DSM-IV eindeutiger formuliert als im International Classification of Deseases, 10. Version (ICD-10).[2]

Für die Esssucht (Binge Eating Disorder, BED) sind bisher nur im DSM-IV so genannte Forschungskriterien festgelegt; im ICD-10 kann sie unter den so genannten "Nicht Näher Bezeichneten Essstörungen" (NNB) eingeordnet werden. Den Merkmalen nach ist die BED der Bulimie ähnlich. Auch hier treten Heißhungerattacken auf, jedoch werden von den Betroffenen keine kompensatorischen Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme unternommen. Bei der Esssucht kommt es somit allmählich zu einem Übergewicht; als Diagnosekriterium gefordert wird eine erhebliche psychische Belastung wegen des eigenen Essverhaltens. Diese Form der Essstörung wird vermutlich häufiger werden. Über die Abgrenzung zur Bulimie und den Stellenwert der Esssucht innerhalb der Essstörungen wird noch diskutiert. [3]

Magersucht, Bulimie und Esssucht können im Lauf der Zeit ineinander übergehen. Bei der Magersucht gibt es zwei Typen, je nachdem, ob außer Hungern und exzessiver Bewegung (so genannter restriktiver oder asketischer Typ) noch andere kompensatorische Maßnahmen eingesetzt werden (binge-purging- oder bulimischer Typ). Mehr als die Hälfte der "asketischen" Magersüchtigen durchbrechen das restriktive Verhalten; die Betroffenen essen gelegentlich und dann immer häufiger viel mehr, als sie sich ursprünglich erlaubt haben, und versuchen dann, einer drohenden Gewichtszunahme entgegenzusteuern. Aus einer Magersucht vom asketischen Typ wird so eine Magersucht vom bulimischen oder binge-purging-Typ. Überschreitet eine Magersüchtige oder ein Magersüchtiger die BMI-Grenze von 17,5 nach oben, treffen die diagnostischen Kriterien einer Bulimia nervosa zu. Ebenso kann sich ausgehend von einer Esssucht oder einem Übergewicht zunächst ohne begleitende psychische Störungen eine Magersucht entwickeln. Auch bei Essstörungen ist es also sehr wichtig, eine genaue Anamnese über die Entwicklung der Krankheit über die Zeit zu erheben.


Fußnoten

1.
Vgl. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV, Göttingen-Bern-Toronto-Seattle 1996 (Deutsche Bearbeitung und Einführung von H. Saß/H.U. Wittchen/M. Zaudig).
2.
Vgl. H. Dilling/W. Mombour/M.H. Schmidt (Hrsg.), Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10, Kapitel V), Bern 1993.
3.
Vgl. M.J. Devlin/J.A. Goldfein/I. Dobrow, What is this thing called BED? Current status of binge eating disorder nosology, in: International Journal Eat Disord, 34 (2003), S. 2 - 8.