Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Sylvia Schraut

Frauen und bürgerliche Frauenbewegung nach 1848

"Es ist wohl allgemein bekannt, wie, als von der Zeitepoche 1830–40 an ein frischer Zug durch die Welt ging, Fortschrittsbestrebungen und neue Anschauungen überall nach Geltung rangen, ebenfalls die Stellung der Frauen mit zur Sprache kam, wie auch sie ein erhöhtes Interesse an den Tagesfragen nahmen und viele dies gern mehr bekundet und bethätigt hätten als es ihnen vergönnt war."[1] Mit dieser Feststellung leitete Louise Otto-Peters 1890 eine Darstellung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) in den ersten 25 Jahre seines Bestehens ein. Sie führte damit (ein wenig verklausuliert) die Entstehung der ersten Vereine der deutschen Frauenbewegung in den 1860er Jahren auf die liberalen und demokratischen Bestrebungen des Vormärz und der Revolution von 1848/49 zurück. Es waren Bewegungen, an denen sie aktiv beteiligt gewesen war, und deren Unterdrückung in ihrem eigenen Leben tiefe Narben hinterlassen hatte.

Das Scheitern der deutschen Revolutionen 1849 hatte nicht nur zur politischen Windstille und zur strafrechtlichen Verfolgung vieler Demokraten geführt. Die Restauration traf politisierte Frauen besonders hart, untersagte doch das 1850 in Preußen und manchen anderen deutschen Ländern erlassene Koalitionsverbot dem weiblichen Geschlecht jegliche öffentliche Betätigung in politischen Fragen oder die Vereinsgründung zu solchen Zwecken. Dabei gab es gesellschaftliche Missstände genug, die einen energischen weiblichen öffentlichen Widerspruch nahelegten.

Frauenleben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ohnehin in den unteren gesellschaftlichen Schichten, aber auch im Bürgertum waren die Grenzen weiblicher Handlungsspielräume offensichtlich. Geringe Bildungsmöglichkeiten, kaum eine Chance zu qualifizierter außerhäuslicher Berufsarbeit, der Übergang von der Vormundschaft des Vaters in die des Ehemannes, politische Unmündigkeit, nicht selten die Notwendigkeit, als Witwe mit kargen Mitteln eine Familie zu versorgen, und nachfolgende Altersarmut waren die typischen Kennzeichen des Lebens vieler Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bildung und Ausbildung sollten auf den zukünftigen Beruf vorbereiten, und so schien in den bildungsfernen gesellschaftlichen Schichten das notwendige Schulwissen der Mädchen mit dem Berufsziel Hausfrau nahezu vernachlässigbar. Auch im Bürgertum erachtete man allzu viel Fachwissen für Mädchen als unpassend. Dass den Mädchen das Gymnasium und die Universität verschlossen waren, galt als selbstverständlich. Für bürgerliche Mädchen war als Beruf die Führung eines geselligen standesgemäßen Haushalts, idealerweise als Hausherrin an der Seite des Ehepartners vorgesehen. Die zukünftige Dame des Hauses musste sich auf Französisch unterhalten können und ein wenig künstlerisches Talent beweisen. Wenn das Fräulein – ohne zu gelehrt zu wirken – leicht fließende Konversation beherrschte, war eine wichtige Etappe des Erziehungs- und Ausbildungswegs gemeistert. Anschließend sollte die Zeit bis zur angestrebten Heirat als mithelfende Familienangehörige, vielleicht auch als Gesellschaftsdame oder Gouvernante in einer angesehenen Familie überbrückt werden. Einer besonderen Ausbildung bedurfte dieses Berufsziel nicht. "Und wohin nun mit diesen Allen, die sonst das Haus beschäftigte: den erwachsenen Töchtern, den Unverheirateten – deren Zahl umso mehr wächst, als die Männer sehen, wie kostspielig es ist, verheiratet zu sein – den Witwen?", fragte Louise Otto-Peters 1876.[2]

19 Jahre später resümierte noch immer in ähnlicher Weise Elisabeth Gnauck-Kühne (1850–1917), Gründerin erst der evangelischen, dann der katholischen Frauenbewegung: "Aber wie oft vergeht die Jugend, ohne dass die erwartete passende Heiratsmöglichkeit sich bietet. Der Gedanke an die Zukunft greift Platz – bis es zur Gewissheit wird: Du hast ein Leben unfreiwilliger Selbstständigkeit vor dir. Sind Mittel da, so kann die Frau auch in reiferen Jahren noch nach pflichtmäßiger Arbeit ausschauen und sich zu einem Berufe tüchtig machen, der ihr einen Lebenszweck gibt, aber wenn es an Mitteln fehlt, wenn sie Arbeit suchen muss, nicht nur zum Lebensinhalte sondern zum Lebensunterhalte, was wird dann aus ihr?"[3] Der Lehrerinnenberuf, gegebenenfalls nach Absolvierung eines Lehrerinnenseminars, stellte nahezu das einzige qualifizierte Berufsfeld für ledige Bürgerinnen dar. Doch hinter der Berufsbezeichnung "Lehrerin" verbargen sich höchst unterschiedliche Ausbildungsgänge und Berufswege; Arbeitsmöglichkeiten und Bezahlung unterlagen einer erstaunlichen Bandbreite. Eine Anstellung an einer staatlichen höheren Schule war gänzlich undenkbar. Angesichts der miserablen Bildungs- und Berufschancen der Mädchen aus dem Bürgertum ist es nicht weiter überraschend, dass die Frauenbewegung ihren Anfang als Bildungsbewegung nahm.

Fußnoten

1.
Louise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, gegründet am 18. Oktober 1865 in Leipzig, Leipzig 1890, S. 1.
2.
Dies., Frauenleben im Deutschen Reich. Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Hinweisen auf Gegenwart und Zukunft, Leipzig 1876, S. 154.
3.
Elisabeth Gnauck-Kühne, Die sociale Lage der Frau, Berlin 1895, S. 10.
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Autor: Sylvia Schraut für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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