Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Gabriella Hauch

Für die "Harmonie der Menschheit". Zum Verhältnis von Revolution und Geschlecht im langen 19. Jahrhundert

"Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation einer Gesellschaft."[1] Mit dieser erstmals 1808 publizierten Vision von der Selbstbestimmung des Kollektivsubjekts "Frau" versuchte der französische Frühsozialist Charles Fourier (1772–1837) zu zeigen, wie eine völlig neue gesellschaftliche Ordnung zu konzipieren ist: Die Forderung der bürgerlichen Revolution nach Gleichheit und Freiheit müsse diejenige Bevölkerungsgruppe ins Zentrum stellen, bei der es am undenkbarsten schien, dass ihre Mitglieder, im Sinne Kants,[2] zu mündigen Subjekten der Gesellschaft würden. Wie revolutionär – heißt, die bestehenden Werte und Ordnungen grundsätzlich transformierend – diese Proklamation Fouriers war, wird in dem herrschenden Diskurs über das "weibliche Geschlecht" im 19. Jahrhundert deutlich, wie er in Äußerungen und Abhandlungen aus der Feder von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten, ob Demokraten oder Konservative, zum Ausdruck kam. Befürworter des Wahlrechts für Arbeiter etwa polemisierten in Diskussionen wie zu der Frage, "die Demokratie in jeder Hinsicht durch[zu]führen" sei, dass die Einführung des Wahlrechts der Frauen auch eines für "Kinder und Narren" hieße.[3] Unzählig waren die Abhandlungen über die weibliche Physis, von Muskel- oder Nervenschwäche bis zum leichteren Gehirn, wodurch Frauen qua Geschlecht für öffentliches politisches Engagement oder die Wissenschaften nicht geeignet sein sollten. [4]

Neben Stimmen wie Fourier, die eine grundlegende Neukreation des gesellschaftlichen Miteinanders thematisierten, gab es im fortschrittlichen Geschlechterdiskurs des 19. Jahrhunderts[5] auch Vorschläge, die auf die Einbeziehung von Frauen in bestehende Institutionen der bürgerlichen Ordnung rekurrierten. Diese beiden Haltungen, die mit den Begriffen von Revolution und Reform gefasst werden können, führen – mitunter dialektisch verbunden – in die Diskurse, die Frauen und Männer international seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts umtrieb: Ist die Frauenemanzipation beziehungsweise die Frauenbefreiung beziehungsweise die Lösung der "Frauenfrage" im Rahmen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung möglich? Oder braucht es eine Transformation von Politik und Ökonomie sowie der sexuellen Verhältnisse in Richtung von noch nicht Erprobtem, also eine Utopie, die zeitgenössisch mit den Begriffen Sozialismus, Anarchismus, Kommunismus verbunden wurde?[6]

Geschlecht – eine Kategorie ersten Ranges

Der Diskurs über eine menschen- und damit frauenfreundliche Zukunft im 19. Jahrhundert ging mit großen Emotionen einher,[7] die uns aus heutiger Perspektive fremd erscheinen mögen.[8] Zentral gesetzt wurde die "Harmonie der Menschheit", die solange nicht hergestellt sei, als "noch ein Mensch (…) gesetzlich oder gesellschaftlich gehindert" oder ihm von anderen "erschwert" würde, "sich selbst und seine Fähigkeiten zu entfalten und zu benutzen im Interesse seiner selbst in freier Selbstbestimmung" ebenso wie im Dienste des Allgemeinen, in "Unterordnung und Hingebung", wie es Louise Otto-Peters formulierte.[9]

Der strukturelle gesellschaftspolitische Kern, der im Laufe des 19. Jahrhunderts verschiedene "Fragen" provozierte, – neben der "Frauenfrage" unter anderem die "soziale Frage", die "Bauernfrage", die "Judenfrage" – ist in der Widersprüchlichkeit der bürgerlichen Moderne zu finden. Auf Basis des philosophischen Gedankengebäudes der Aufklärung und der grundlegenden Veränderungen der europäischen Welt seit Mitte des 18. Jahrhunderts begann der ungleichzeitig stattfindende Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft. Die Erkenntnis vom "frei und gleich geborenen Menschen", der jenseits aller "gottgewollten" Grenzen die Verpflichtung hatte, sich aus der "selbst verschuldeten Unmündigkeit" zu befreien,[10] barg ein nicht gelöstes Paradox in sich: die offensichtlich bestehenden Kollektivdifferenzen zwischen Menschen, wie soziale Positionierung, Ethnizität, Nationalität und Geschlecht.[11] In der Folge wurde die Kategorie "Geschlecht" zur Strukturkategorie ersten Ranges, die die bürgerliche Moderne nachhaltig prägte. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden gesellschaftliche Bereiche (institutionalisierte Politik, Wissenschaft und Bildung, Militär) entlang des Ein- beziehungsweise Ausschlusses an der Geschlechterlinie organisiert, und der Mann wurde in den Familienrechten der Bürgerlichen Gesetzbücher zum "Haupt" oder zum "Vormund" von Frauen bestimmt. Die meisten der Familienrechte und der Zugang von Frauen zum Militär wurden erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts reformiert, der Zugang zu institutionalisierter Politik und höherer Bildung gelang früher. Allerdings wurde in den Transformationsprozessen zu parlamentarischen Republiken nach dem Ersten Weltkrieg eine Geschlechterordnung etabliert, in der zwar gleiche politische Rechte galten, aber die soziale Ungleichheit aufrechterhalten wurde – mit nachhaltig-struktureller Wirkung bis heute.[12]

Die Entwicklung von Geschlecht zu einer Kategorie ersten Ranges, die Machtverhältnisse zum Nachteil von Frauen begründete, war ein Ergebnis von Aushandlungen und Kämpfen.[13] Entscheidend dafür waren die politischen Verhältnisse, die in den meist militanten Auseinandersetzungen – "Revolutionen" genannt – zur Disposition standen.[14] Im Kontext der umfassenden gesellschaftspolitischen Transformation seit Mitte des 18. Jahrhunderts, die der Historiker Reinhart Koselleck als (erste) "Sattelzeit" definierte, fungierte das Ereignis "Revolution" als Katalysator für die Entwicklung der bürgerlichen Moderne.[15] Diese Transformationsprozesse sowie die Revolutionen sind als "soziale Räume" zu fassen, in denen auch Geschlechterordnungen verhandelt wurden – was Koselleck allerdings nicht thematisierte und die androzentrische, also männerzentrierte und -dominierte Geschichtsschreibung auch noch lange nach dem bahnbrechenden Aufsatz der Historikerin Karin Hausen von 1976 negierte.[16] Ebenso vernachlässigt wurden Fragen nach dem Stellenwert von Geschlecht in der Praxis der Revolutionsverläufe, nach den Akteurinnen der Revolution sowie den geschlechtsspezifischen Forderungen und Zielen. Erst die Frauen- und Geschlechtergeschichte, die in Zentraleuropa in den 1970er Jahren entstand, fragte nach den Gewordenheiten der Geschlechtscharaktere und der Geschlechterverhältnisse, machte auf die strukturellen Prozesse und Entwicklungen im 19. Jahrhundert aufmerksam und suchte die Geschichtsschreibung tief greifend zu verändern.[17]

Fußnoten

1.
Charles Fourier, Théories des Quatre Mouvements, in: ders., Œuvres Complètes, Paris 1841/1815, S. 43, zit. nach Sheila Rowbotham, Women, Resistance and Revolution. A History of Women and Revolution in the Modern World, London–New York 2014, S. 51; Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, hrsg. v. Theodor Adorno, Frankfurt/M. 1966.
2.
Vgl. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Berlinische Monatsschrift 12/1784, S. 481–494, http://www.deutschestextarchiv.de/kant_aufklaerung_1784«.
3.
Vgl. Anton Springer (Hrsg.), Protokoll des Verfassungs-Ausschusses im österreichischen Reichstage 1848–1849, Leipzig 1885, S. 184ff., Sitzung vom 12.2.1849 in Kremsier, Diskutanten: Hein, Brestel, Fischhof.
4.
Vgl. noch zur Jahrhundertwende Paul Julius Möbius, Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, Halle/S. 1900.
5.
Vgl. Ute Frevert, Mann und Weib und Weib und Mann. Geschlechterdifferenzen in der Moderne, München 1995.
6.
Vgl. Rowbotham (Anm. 1), S. 36–98; Karen Offen, European Feminisms, 1750–1950. A Political History, Stanford 2000, S. 77–257; Gisela Bock, Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2000.
7.
Vgl. Gabriella Hauch, Zur Geschichtsmächtigkeit von Gefühlen in der Wiener Revolution 1848: Liebe und Vertrauen, Rache und Hass, in: Maria Mesner/Sushila Mesquita (Hrsg.), Eine emotionale Geschichte. Geschlecht im Zentrum der Politik der Affekte, Wien 2018, S. 17–48.
8.
Hier gilt es zu bedenken und im Forschungsprozess mit zu reflektieren, dass die Akteur_innen, die zu dieser Zeit über Geschlechtergerechtigkeit nachdachten, keine Kenntnisse vom "Danach", vom "kurzen" 20. Jahrhundert hatten. Zu dieser philosophisch-historiografischen Diskussion vgl. das Schwerpunktheft der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 1/2016 "Apropos Rancière", darin die Beträge von Ruth Sommeregger und Gabriella Hauch.
9.
Louise Otto, Frauenleben im Deutschen Reich. Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Hinweisen auf Gegenwart und Zukunft, Lage 1997 (1876), S. 257, S. 266, zit. nach Susanne Schötz, Louise Otto-Peters (1819–1895), in: Sächsische Lebensbilder, Bd. 7, Stuttgart 2015, S. 411–459, hier S. 453f.
10.
Kant (Anm. 2), S. 481.
11.
Vgl. Ute Gerhard, Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert. Mit Dokumenten, Frankfurt/M. 1978; Gabriella Hauch, Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938, Innsbruck–Wien–Bozen 2009, S. 9–15.
12.
Vgl. beispielsweise Blaustrumpf Ahoi! (Hrsg.), "Sie meinen es politisch!" 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich. Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung, Wien 2019.
13.
Zu der Entwicklung in verschiedenen Ländern Europas vgl. Ute Gerhard (Hrsg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, S. 265–506.
14.
Vgl. Jack A. Goldstone, Revolutions. A Very Short Introduction, Oxford 2014, S. 1–9.
15.
Vgl. Elisabeth Dècultot/Daniel Fulda (Hrsg.), Sattelzeit. Historiographische Revisionen, Berlin 2016.
16.
Vgl. Karin Hausen, Der Aufsatz über die "Geschlechtscharaktere" und seine Rezeption. Eine Spätlese nach dreißig Jahren, in: dies., Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2012, S. 83–105.
17.
Vgl. zuletzt Gabriella Hauch, Geschichtswissenschaften: von einer Leitwissenschaft der Frauen- und Geschlechterforschung zur institutionalisierten Disziplin, in: Beate Kortendieck/Birgit Riegraf/Katja Sabisch (Hrsg.), Handbuch interdisziplinäre Geschlechterforschung, Wiesbaden 2019, https://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007%2F978-3-658-12500-4_165-1«; Goldstone (Anm. 14) fragt nicht nach den Geschlechterverhältnissen bzw. der Positionierung von Frauen.
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Autor: Gabriella Hauch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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