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28.11.2005 | Von:
Thomas Druyen

Die große Alterswende

Der Beitrag ist ein Plädoyer für ein neues Altersbewusstsein. Es werden die Hintergründe eines paradoxen Altersbegriffs untersucht und seine zukunftsweisenden Chancen beschrieben.

Einleitung

Zurzeit verlängert sich das Leben durchschnittlich um drei Monate pro Jahr, und von wissenschaftlicher Seite gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass dieser Prozess in Kürze enden wird. In den letzten einhundert Jahren sind uns dank dieser Entwicklung bereits fünfunddreißig zusätzliche Lebensjahre geschenkt worden. Gerade die Phase des "jungen Alters", die klassisch nach dem vermeintlichen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben beginnt, ist ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges biologisches, soziales und kulturelles Phänomen. Hier vollzog sich eine unglaubliche Alterswende, deren positives Potenzial wir durch die Brille des Jugendwahns offensichtlich kaum wahrnehmen.






Infolgedessen könnte die Diskussion über das Altern nicht widersprüchlicher sein: Sie reicht von apokalyptischen Vorstellungen des Zivilisationsuntergangs bis hin zu Visionen vom ewigen Leben. Wir haben es mit einer spektakulären und historisch einmaligen Gemengelage zu tun. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass die Vorstellungen über das Alter so widersprüchlich sind und so weit auseinander klaffen. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Einschätzungen jedoch eine dramatische Erwartungshaltung, wie sie in folgendem Zitat zum Ausdruck kommt: "Denn der unaufhaltsame, sich von Tag zu Tag beschleunigende Verfall der Bevölkerung, die Überalterung unserer Gesellschaft, die graue Revolution wird das Antlitz Europas stärker verändern als die französische, die russische oder die osteuropäische Revolution, wird größere gesellschaftliche Veränderungen anrichten als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen."[1]

Demografische Entwicklung

Im Grunde verdanken wir es der Demografie, dass Altern und Bevölkerungsrückgang als globale und unausweichliche Entwicklungen einer fundamentalen Wendezeit in unser Bewusstsein getreten sind. Es gibt verlässliche empirische Daten, ausgefeilte Analyseverfahren, spitzentechnologische Simulationen und brillante Prognosen der künftigen Bevölkerungsentwicklung. Eine außergewöhnlich fundierte Informationsbasis liegt ausgebreitet vor Entscheidungsträgern und Betroffenen wie ein schreiendes elternloses Kind, für das sich niemand verantwortlich fühlt. Die Eindeutigkeit der seit Jahrzehnten bekannten Prognosen und die Ignoranz von Politik und Gesellschaften sind paradox; eine zukunftsfähige Antwort steht immer noch aus. Die Ursachen der demografischen Alterung, wie beispielsweise die niedrige Geburtenrate, die steigende Lebenserwartung oder die veränderte Altersstruktur, sind sattsam bekannt. Als plakative Worthülsen ständig präsent, verdrängen sie wirklich neue Altersansichten eher, als dass sie diese fördern. Denn nicht das Altern ist das zentrale demografische Problem, sondern der absehbare und sich voraussichtlich beschleunigende Rückgang unserer Bevölkerungen.

Es ist schwierig, einen gemeinsamen Nenner aller demografischen Entwicklungen zu finden, aber der grundlegende Zusammenhang ist familiären Ursprungs. Wenn auch unterschiedliche kulturelle Wertesysteme miteinander konkurrieren, haben sie eine universale Gemeinsamkeit: "Dies ist die Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen, über das eigene Leben hinaus zu denken, zu planen und darauf aufbauende Entscheidungen für die Zeit jenseits ihrer Lebensspanne zu treffen. Eines der wichtigsten Ergebnisse solcher Entscheidungen sind die Kinder, die die demographische Reproduktion einer Kultur gewährleisten."[2] In diesem Sinne ist Demografie sowohl das mathematische Ergebnis individuellen und gesellschaftlichen Verhaltens als auch Ausdruck eines persönlichen Lebens- und Kulturbewusstseins. Bevölkerungsforschung ist keine Methode zur Manipulation der Bürgerinnen und Bürger, sondern ein wissenschaftliches Instrumentarium, das uns verlässliche Daten über die Entwicklung gesellschaftlicher Altersgruppen liefert. Die Entscheidung darüber, wie der Fortgang von Bevölkerungen aussehen wird, liegt aber im persönlichen Ermessen der Einzelnen und ist nach wie vor von familiären Rahmenbedingungen abhängig.

Um diesen Prozess fruchtbar zu gestalten, brauchen wir eine neue Gesellschaftsvereinbarung, die den absehbaren Entwicklungen einen zeitgemäßen Orientierungsrahmen bietet. Schauen wir uns deshalb die Konturen einer älter werdenden Gesellschaft an, erkennen wir sehr deutlich sieben Entwicklungstendenzen[3]:

Verjüngung - die Tendenz, jünger sein zu wollen, als man ist, und sich dementsprechend darzustellen.

Entberuflichung - ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung erlebt die Alterszeit ohne Berufstätigkeit.

Singularisierung - der Anteil Alleinlebender im Alter nimmt zu und damit die Wahrscheinlichkeit eines späteren Hilfebedarfs.

Feminisierung - infolge der höheren Lebenserwartung von Frauen wird die Alterspopulation eine Zwei-Drittel-Frauengesellschaft sein.

Hochaltrigkeit - die Zahl der über 100-Jährigen wächst unaufhaltsam. 1965 waren es 265 Personen, 1994 bereits 4 602 und 2025 werden etwa 44 000 Menschen über 100 Jahre alt sein.

Kinderlosigkeit - die eigentliche Ursache der demografischen Problematik, begründet in der nachlassenden Bereitschaft, Kinder zu bekommen.

Soziale Ungleichheit - die Differenz des Zukunftsbeitrages zwischen Eltern und Kinderlosen muss dringend geschlossen werden.

Die Verdrängung von Seiten des Individuums, seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Fortentwicklung zu leisten, hat vor allem ökonomische Ursachen. "Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto niedriger ist die Pro-Kopf-Geburtenzahl."[4] Die fatale Wechselwirkung zwischen ökonomischem Fortschritt und sinkender Geburtenrate begann in Deutschland in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Mit der Einführung der Bismarckschen Sozialversicherungen wurden Lebensrisiken wie Krankheit, Unfall oder Tod von der Familie auf die Gesellschaft verlagert. Mit diesem Einschnitt wurde wahrscheinlich jener "psychologische Grundstein" gelegt, der einerseits über Jahrzehnte hinweg zu einer steigenden Anspruchshaltung dem Staat gegenüber führte und andererseits die Bedeutung der Reproduktion für die Familien entschärfte. Wenn Ende des 19. Jahrhunderts vom Alter die Rede war, meinte man eine kurze Phase vor dem Tod. Der gleiche stereotype Altersbegriff wird heute immer noch angewandt, obwohl wir eine fast vierzigjährige, eigenständige Alternsphase erreicht haben. Diese gedankliche Übertragung ist falsch und kontraproduktiv.

Die absehbaren demografischen Veränderungen lassen sich in ihrer Dimension und ihrem Auftreten an zwei markanten Erscheinungen zeigen: Deutschland würde ohne Zuwanderung von 1998 bis 2050 einen Bevölkerungsrückgang von 82,1 auf 50,7 Millionen Menschen erleben, die Bevölkerungszahl könnte sich im Jahre 2100 sogar auf 24,3 Millionen verringern.[5] Und im Jahre 2010, wenn die ersten Babyboomer in Rente gehen, wird das bisherige Rentensystem endgültig kollabieren, denn dann kommen auf 80 bis 95 Rentner 100 Erwerbstätige.

Hinter den Kontroversen um die drohende Überalterung oder - genauer - Unterjüngung der Gesellschaft steht nicht nur das Problem dringender Reformen von Alterssicherung, Tarifpolitik, Sozialhilfe, Zuwanderungsregelung, Steuergesetzgebung und Familienpolitik, sondern vor allem auch eine falsche Vorstellung vom Alter. Mit ihm verbinden wir nicht nur eine bestimmte Lebensphase - die Zeit nach dem Ende des Erwerbslebens -, sondern auch eine spezifische Lebensform. "Altsein" ist immer noch weitgehend negativ besetzt und steht für all die Dinge, die in unserer Gesellschaft nicht erstrebenswert sind: Vereinsamung, Armut, Krankheit, Einschränkung von körperlicher und geistiger Vitalität und Verlust an Schönheit. Dass dies schon lange nicht mehr der Realität des Alters entspricht, änderte bisher nichts am schlechten Image.

Die Jugendobsession in den Medien, im Marketing und in der Alltagskultur drängt die Älteren an den Rand des aktiven Gesellschaftslebens. Der relative Wohlstand von Menschen, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg privates Vermögen erarbeitet haben und jetzt vom Rentensystem profitieren, sorgt für Missgunst und leistet Argumenten Vorschub, denen zufolge Ältere auf Kosten der Jüngeren leben. Wenn ein selbsternannter Anwalt der Generationengerechtigkeit in Deutschland in seiner Zukunftsprognose von "den Trümmern eines nicht bewusst geführten Krieges [der älteren Generation] gegen die Lebensgrundlagen dieses Planeten" spricht,[6] wird das enorme Konfliktpotenzial zwischen den Generationen deutlich. Dass die älteren Menschen in der Zukunft auch eine Verantwortung für die folgenden Generationen übernehmen sollten, steht außer Zweifel und muss sich in konstruktiven Vorschlägen niederschlagen. Aber dass ihnen die Schuld an der demografischen Veränderung zugeschrieben wird, zeugt von wenig Sachkenntnis, ist doch die Ursache - wie oben erwähnt - in den viel zu geringen Kinderzahlen zu suchen. Sie liegt also auch bei den nachfolgenden Elterngenerationen.

Wollen wir die demografischen Entwicklungen also als Chance für die gesellschaftliche Zukunft begreifen, so ist ein fundamentales Umdenken notwendig: Wir brauchen ein neues, auf den veränderten Bedingungen basierendes Verständnis vom Alter und Älterwerden und entsprechende Strukturen, in denen die veränderte Realität des Lebens gelebt werden kann. Die Verschiebung der Altersgruppen erfordert eine neue Logik des Sozialen und eine neue Philosophie der zweiten Lebenshälfte, die dem Zugewinn, der Vielfalt und der Weisheit Rechnung trägt. Es gilt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die der differenzierten Gruppe älterer Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten die Möglichkeit gibt, weiterhin aktiv am Gesellschaftsleben teilzunehmen.

Ein Neudenken des Alterns setzt voraus, dass das Alter als Teil des Lebens verstanden wird, der nicht an eine Jahreszahl gebunden ist und keine allgemein gültigen Halbwertszeiten aufweist, sondern sich abhängig von der individuellen und gesellschaftlichen Situation in sehr differenzierten Ausprägungen darstellen kann. Noch ist das Alter als Lebensphase der westlichen Gesellschaften sehr stark von der Institutionalisierung des Lebenslaufs geprägt. Man ist alt, wenn man in den gesetzlich festgelegten Ruhestand tritt, also zwischen 58 und 65 Jahren, oder wenn man die entsprechenden körperlichen Merkmale aufweist. Diese Stigmatisierung widerspricht dem subjektiven Selbstempfinden der Älteren fundamental.

So fest gefügt diese Markierungen erscheinen, zeigt die Geschichte doch, dass Altersbilder einem starken Wandel unterworfen sind und immer von den Bedingungen ihrer Zeit abhängen. "Altersbilder sind Kommunikationskonzepte", und die Vorstellungen und Wertungen, die mit diesen Bildern vermittelt werden, zeigen nicht die Wirklichkeit des Alters.[7] Sie sind Deutungsmuster, mit denen wir bestimmte soziale Praktiken, politische Maßnahmen oder Meinungen anzuerkennen versuchen. Das Alter ist also keineswegs eine menschheitsgeschichtliche Konstante, sondern in hohem Maße gesellschaftlich und kulturell geprägt. Machen wir uns dies bewusst, so wandelt sich das abstrakte Phänomen "Altern" zu einem Begriff, den jede Gesellschaft und jede Kultur für sich definieren kann und muss.

Ein neues Verständnis des Alters erfordert also eine Abkehr von dem Mythos, dass Älterwerden und Altsein einem bestimmten Muster folgen, das alle Menschen wie eine Krankheit durchlaufen und das durch Prozesse des körperlichen und geistigen Verfalls gekennzeichnet ist. Alter(n) ist keine klar definierte, in erster Linie biologische Entwicklung, sondern eine komplexe Erscheinung mit kulturellen, biologischen und individuellen Aspekten, deren Gestalt und Bedeutung sich im jeweiligen Umfeld einer Gesellschaft und ihrer Zeit äußert. Verstehen wir das Altern als dynamischen Vorgang, als Wechselspiel zwischen der individuellen Biografie und dem Lebenskontext, sehen wir ältere Menschen eigenständig und lebensoffen. Altern ist kein Schockzustand, der durch einen äußerlich festgelegten Zeitpunkt eintritt, sondern ein lebenslanger Prozess, der sich für jeden Menschen anders gestaltet.

"Die Alten abzulehnen, ist Selbsthass und eine Zurückweisung dessen, wozu man selbst unweigerlich werden muss."[8] In einem Punkt "allerdings unterscheidet sich die Altersdiskriminierung von den meisten anderen Vorurteilen. Sie kann jeden von uns treffen. Die Voreingenommenen und ihre Opfer werden nicht in verschiedenen Lagern geboren, sondern sie trennt die Zeit. Die einst Voreingenommenen werden selbst zu Opfern."[9] Gibt es überhaupt einen größeren Undank dem Leben gegenüber, als das Alter in all seiner Unterschiedlichkeit, vor allem aber mit seiner neu geschenkten Zeit, zu ignorieren? Durch die aufmerksame Betrachtung des Alters unserer Mitmenschen bekommen wir doch eine Ahnung vom eigenen kommenden Alter. Diese Einsicht nicht als Kompass für eigene Zukunft zu verwenden, ist sträflich.

An der Art und Weise, wie wir in den nächsten Jahren mit dem Alter und dem Altern umgehen werden, wird sich die Zukunftsfähigkeit unserer Zivilisation erweisen. In der Vergangenheit haben wir das Thema des Alterns verdrängt. Erst die verstärkte Wahrnehmung des demografischen Wandels hat uns die Unabweisbarkeit dieses Lebensabschnittes vor Augen geführt. Der Fehler lag im Übersehen der immerwährenden Wiederkehr des Alterns in allen folgenden Generationen. Es gibt wohl kein anderes Phänomen, in dem das Verhalten der Jüngeren Älteren gegenüber ihnen später selbst widerfährt. Wie ich das Alter heute bewerte und dementsprechend handele, werde ich einst selbst behandelt werden. In diesem Sinne ist Alter für uns nicht nur ein demografischer Einschnitt, sondern vielmehr eine existenzielle Aufgabe, mit der wir unsere soziale Kompetenz und Verantwortung wiedergewinnen können.

Es gibt leider keine Wissenschaft, die sich ausschließlich mit dem möglichen Alter beschäftigt, keine Altersphilosophie, kein gesellschaftsfähiges Zukunftsmodell, noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache für die unterschiedlichen Altersphasen und Zustände. Dabei werden im Jahr 2050 zwei Milliarden Menschen leben, die über 60 Jahre alt sein werden. Ich glaube, die Demografie ist unsere große Chance, uns zu besinnen und uns vom Alter die ultimative Frage stellen zu lassen, ob wir wirklich alles wollen, was wir können. Die Jahre der zweiten Lebenshälfte beinhalten für sehr viele Menschen einen klaren Bezug zum Lebenssinn und eine vernünftige Einschätzung von Lebensmöglichkeiten. Diese Orientierungssicherheit entspringt einem kürzer werdenden Lebenshorizont und langjähriger Erfahrung. Diese sollte in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einfließen. Die Beantwortung der oben genannten Frage obliegt natürlich allen Generationen, aber wir sollten den Fundus der Reife nutzen, vor allem in der Gewissheit, dass die vermeintlich Alten nicht die "Anderen" sind, sondern beizeiten wir!

Veränderungen im Lebenszyklus

Aber eine positive Sicht des Alters allein ist keineswegs ausreichend, um die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Die Thematik ist eingebunden in Veränderungen unseres Lebenszyklus, der allzu selten in seiner Gesamtheit in den Blick genommen wird.

Schauen wir uns jenen Wandel an und beginnen mit dem drastischen Rückgang der effektiven Beschäftigungszeiten und den gewonnenen Lebensjahren. Die Verringerung der Beschäftigungsquote von Männern zwischen 55 und 64 Jahren in den großen Industriegesellschaften in den Jahren 1970 bis 1998 ist bezeichnend. "1998 betrug sie in den USA nur noch 68 Prozent, in Großbritannien 64 Prozent, in Deutschland 56 Prozent, in den Niederlanden 48 Prozent und in Frankreich 41 Prozent."[10] Ungeachtet der Ursachen - Frühverrentung, Dauerarbeitslosigkeit oder Entmutigung - verlassen beinahe die Hälfte der Erwerbstätigen mit Anfang 50 für immer den Arbeitsmarkt. So reduziert sich die Lebensarbeitszeit praktisch auf einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren in einer Zeit vom 24. bis zum 54. Lebensjahr. Dem stehen dreißig gewonnene Jahre des Dritten Alters gegenüber. Dieses Verhältnis ist unausgewogen. Wir können also ziemlich sicher sein, dass wir bis zu einem Drittel unseres ganzen Lebens in jener nicht genau definierten Lebensspanne verbringen, die wir "Ruhestand" nennen. "Dabei ist jedoch der ehrwürdige 95-Jährige vom soeben mit 65 in den Ruhestand gegangenen chronologisch genauso weit entfernt wie das fünfjährige Vorschulkind vom auf Karriere bedachten Mittdreißiger."[11] So nutzbar die letztgenannte Altersphase auch für die Zukunft ist, die Tatsache, dass die Lebensarbeitszeit ihre zentrale Stellung in unserem Leben und in unserer Gesellschaft zu verlieren droht, wird bis jetzt beängstigenderweise kaum wahrgenommen.

In den vielen Jahrtausenden unserer Zivilisationsentwicklung befand sich der Rhythmus des menschlichen Lebens weitgehend mit den natürlichen und biologischen Rhythmen im Einklang. Folglich erschien es sinnvoll, dass Lebensrhythmus und Gesellschaftsgestaltung eng miteinander verzahnt waren. So verlief damals die Geschichte, "in der die meisten Neugeborenen als Kleinkinder sterben, in denen die reproduktive Kraft der Frauen frühzeitig genutzt werden musste, in der Jugend nur ein Augenblick war, in der alt zu werden ein solches Privileg darstellte, dass es den Respekt mit sich brachte, der einer einzigartigen Quelle von Erfahrung und Weisheit gebührte, und in der Epidemien periodisch große Teile der Bevölkerung vernichteten".[12] In den letzten zweihundert Jahren erlebten wir industrielle, wissenschaftliche und technologische Revolutionen, die uns von ehemals primär an der Natur orientierten zu gesellschaftlichen Prägungen führten. Das Leben war durch nachvollziehbare Muster wie Arbeit, Familie, Freizeit, Geschäft, Hobby oder Ruhestand geprägt. Und genau dieses Fundament verinnerlichter Orientierungen und Gewohnheiten befindet sich nun in einer schleichenden Auflösung, und wir stehen am Anfang einer kulturellen Eiszeit. Die Veränderung der Lebensarbeit und das Dritte Alter sind zwei maßgebliche Faktoren dieses nachhaltigen Wandels der uns bekannten Bedingungen. Ich stimme mit dem Soziologen Manuel Castells in seiner Vorstellung einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft völlig überein. Die von ihm beschriebene Transformation des Altersbildes vom "letzten Lebensstadium" zum vielfältigen Universum der Selbst- und Fremdsteigerung dokumentiert die neue Beziehung zwischen sozialer Lage, biologischer Befindlichkeit und milieubedingtem Ansehen. Die bekannten Grundlagen unseres Lebenszyklus sind - vor diesem Hintergrund betrachtet - aufgebrochen. Im Dritten Lebensalter tummeln sich unterschiedliche Generationen, von denen einige noch ein halbes und völlig unbestimmtes Leben vor sich haben. Die Unterschiedlichkeit sozialer Attribute ist so zahlreich, dass exakte Definitionen des Alterns immer häufiger ihre Gültigkeit verlieren.

Einen dritten schweren Angriff auf den Lebenszyklus stellen die veränderten Familien- und Reproduktionsgewohnheiten dar. In den ökonomisch am weitesten fortgeschrittenen Gesellschaften ist die Geburtenrate unter die Reproduktionsquote gefallen: Die Bevölkerungszahlen sinken. Gleichzeitig sind Lebensalter und biologische Verfassung keineswegs mehr notwendige Voraussetzungen für Fortpflanzung und Elternschaft. Die uns vertrauten Lebensmuster sind derart ins Wanken geraten, dass wir manchmal unseren Ohren nicht trauen. "60-jährige Eltern mit Kleinkindern; Kinder aus unterschiedlichen Ehen, die 30 Jahre ältere Brüder und Schwestern haben; Männer und Frauen, die mit oder ohne Sexualkontakt in einem beliebigen Lebensalter beschließen, ein Kind zu zeugen; Großmütter, die ein Kind gebären, das aus einer Eizelle der Tochter stammt - all dies sind Fälle aus dem wahren Leben. Es ist entscheidend, dass wir mit dieser Beobachtung kein Werturteil verbinden. Was aus traditionalistischer Sicht der Herausforderung des Zornes Gottes gleichkommt, bedeutet aus kulturrevolutionärer Perspektive den Triumph individueller Wünsche und vor allem die endgültige Bestätigung des Rechts von Frauen auf ihren Körper, auf ihr Leben."[13]

Unsere Belastbarkeit wird angesichts dieser Entwicklungen enorm strapaziert. Gleichwohl gilt es, dem Druck standzuhalten und nach neuen Wegen für den aus dem Rhythmus gekommenen Lebenszyklus zu suchen. Das Ordnungssystem unserer Eltern jedenfalls hat sich bis zum Schmelzpunkt erwärmt, und Salvatore Dalis zerlaufende Uhren scheinen eindrucksvoll und präzise unsere Realität zu beschreiben.

Der vierte "Überfall auf den Lebenszyklus" ergibt sich aus der Verleugnung des Todes. "Die herrschende Tendenz in unseren Gesellschaften ist es, als Ausdruck unseres technologischen Ehrgeizes und entsprechend unserer Feier des Augenblicks den Tod aus dem Leben auszulöschen oder ihn durch seine wiederholte Darstellung in den Medien bedeutungslos zu machen, wobei er dort immer der Tod der anderen ist, so dass unser eigener uns mit der Überraschung des Unerwarteten trifft."[14] Der Tod ist ohne Zweifel das zentrale Thema der Kulturen in der Geschichte. Als oberste Bemessungsgrenze von Zeit und Leben war er zugleich erster Ordnungsfaktor in der Wahrnehmung des Lebenszyklus. Wie auch immer die Strategien seiner Hinnahme aussahen - Flucht, Bekämpfung, Verdrängung oder Demut -, er besaß als Einziger die Qualität der Gewissheit. Ermutigt und geblendet durch immer neue Entwicklungen in Biologie, Medizin und Gentechnologie, gaukelt uns der Markt eine Überwindung des Todes vor. Um die Absurdität dieser Anmaßung nicht geschäftsschädigend werden zu lassen, beschränkt sich das Marketing auf die Ermutigungspropaganda "forever young" und entzieht sich ansonsten der Bedrohung des Todes durch Leugnung und Verschweigen.

Der Antrieb dieser funktionierenden Verdrängungsmaschinerie ist kein ethischer oder fürsorglicher, sondern ein ökonomischer: Wirtschaftliche Überlegungen und Interessen führen zur Herausbildung eines riesigen Dienstleistungsmarktes gegen Alter, Krankheit, Übergewicht und Sorgen. Industrie und Medien haben Todesfurcht und Lebenshoffnung längst flächendeckend vermarktet. Gesundheitskampagnen, Nahrungsmittel, Kuren und Vitaminphilosophien aller Art werden durch Marketing- und Journalistenheere lauthals beworben. Hierbei stört der natürliche Tod außerordentlich und wird deshalb schlicht entsorgt. "Die zeitliche und räumliche Abschottung des Todes ist so stark, dass die überwiegende Mehrzahl der Todesfälle (80 Prozent in den USA und ein steigender Prozentsatz in allen Ländern ...) im Krankenhaus stattfindet, sehr oft in besonderen Intensivstationen, wo die Körper bereits aus ihrer sozialen und emotionalen Umwelt herausgenommen sind."[15] Der Tod, der uns täglich in den Nachrichten schockiert und viele in die Kinos lockt, ist ein anderer und anonymerer als der, der unsere Lebenswelt nur für einen kurzen medialen Moment bedroht. Ich spreche von der Verleugnung des natürlichen Todes als Folge einer fundamentalen Veränderung unseres Lebensrhythmus.

Es ist müßig, über die Zukunft des Todes zu spekulieren. Ich möchte mich an dieser Stelle auf das Urteil berufener Wissenschaftler beziehen: "Wir werden das Altern im nächsten Jahrhundert verstehen, wir werden es bekämpfen, und reiche Länder werden sich schneller, als sie darauf reagieren können, in Gebiete mit immer mehr gesunden Höchstbetagten verwandeln. Damit kommen wir dem medizinischen und sozialen Traum der sich stets verbessernden Lebensqualität ein weites Stück näher. Ob es allerdings immer gut ist, wenn sich Träume erfüllen, sei dahingestellt."[16]

Die Anstrengung, den Tod zu verdrängen, führt nicht nur zu einer Störung der Lebensorientierung, sondern ist angesichts des heute zu verzeichnenden Gewinns einer neuen Lebensphase geradezu widersinnig. Paradoxerweise scheint die Unaushaltbarkeit des Todes auch der Motor für die Verleugnung des Alters zu sein. In der Wahnvorstellung, uns neu erfinden zu müssen, liegt die Ursache für diese Verdrängungskrise.

Es geht nicht nur darum, nicht alles zu tun, was wir können, sondern manches Mögliche erst gar nicht zu wollen. Mir erscheint die Vorstellung eines 150-jährigen Lebens äußerst umstritten, zumal vor dem Hintergrund seiner unvollkommenen Gestaltung. Solange wir den Tod in seiner Gnade nicht erkennen und nicht in der Lage sind, seine Umstände so humanistisch und humanitär wie nur denkbar zu gestalten, bleibt unsere Lebenskompetenz unvollkommen. In diesem Sinne traue ich den altersbewussten Generationen eine zweite Reifung zu und erwarte von ihnen Pionierleistungen in der Neugestaltung unseres Lebensrhythmus. "Wenn uns unsere Begegnungen mit eindrucksvollen Senioren auch nur etwas gelehrt haben, dann dies: Die Einstellung zum Tod, die jemand hat, reflektiert seine Einstellung zum Leben - und umgekehrt. Wenn wir lernen wollen, wie man stirbt, müssen wir erst einmal lernen zu leben."[17]

Zu dieser Lebensweisheit gehört auch, dass wir uns zwei genetische Tatbestände genauer anschauen. Wir wissen, dass das Gen die Grundeinheit der Evolution ist. Seine Aufgabe ist die Weitergabe ihres genetischen Lebensrezeptes. Die Gene bewegen sich durch die Zeit und bedienen sich sterblicher Körper. Sie sind Träger eines 130 000 Jahre alten Codes und ihr Befehl lautet: Sicherstellung der Fortpflanzung. Die Überbringer dieser Botschaft sind dabei sekundär oder sogar etwas flapsig als "Wegwerfartikel" zu begreifen. Würden die Menschen über ihre Fortpflanzungsfähigkeit hinaus immer älter auf Kosten des Nachwuchses, wäre unser Evolutionsprojekt in ernster Gefahr. Dies ist eine Paradoxie von höchster Bedeutung, denn der Tod ist die Voraussetzung unseres Lebens schlechthin. Also ist jeder einzelne Mensch in letzter Konsequenz entbehrlich und der Tod der Preis, den wir für die Unsterblichkeit unserer Gene zu zahlen haben.

Neben diesem ursächlichen Zusammenhang entzünden Alter und Tod unweigerlich Gefühle der Angst. Diese Angst aber ist ein Instrument unserer Fantasie. Sie entstand in der Evolution als Voraussetzung, überleben zu können, um uns vor bedrohlichen Situationen zu bewahren. Sie war konkret und überschaubar wie der Alltag unserer sammelnden und jagenden Vorfahren. In der Vielfalt unserer Zivilisation ist die Angst aber kein Mittel physischer Differenziertheit mehr, sondern eher ein Element der Vereinfachung. Die klassische Angst vor dem Alter ist eine schwerwiegende Verlustangst. Sie wird von einem ewig jugendlichen Ich-Bewusstsein gefördert, das die Aussicht, Kompetenzen zu verlieren, unerträglich findet. Deswegen liegt in der Bewältigung der Angst auch der Schlüssel für die Überwindung falscher Illusionen und der Selbstüberschätzung. Angst besiegt man durch Auseinandersetzung und Bewusstwerdung, während die Flucht vor ihr ihre Macht unberührt lässt.

Bewusstseinsveränderung

Erst wenn wir das Potenzial der großen Alterswende begriffen haben, eröffnet sich uns der eigentliche gesellschaftliche Zusammenhang, nämlich die Zukunftsfähigkeit unserer Kultur und unserer Wertegemeinschaft. Solange alles, das gesamte menschliche Leben und Handeln, ökonomischen und monetären Prinzipien unterworfen wird, haben wir keine Chance auf Gesundung.

Diese Chancenlosigkeit beziehe ich auf gesellschaftliche Vorkommnisse, die es allen Generationen schwer machen, Angst und Irritation zu überwinden. Einige Stichworte mögen dies hinreichend belegen: die Arbeitslosigkeit, der mediale Jugendwahn, unentwegter Alltagsterror, ausufernde Vorstandsgehälter und neben den zunehmenden Naturkatastrophen auch eine totale Informationsüberflutung. In diesen Zeiten erscheint es schwierig, eine "normale" Lebensbiografie zu entwickeln.

Vor dem beschriebenen Hintergrund birgt die gegenwärtige Altersdebatte, wenn wir darin eine Chance zu einer neuen Wertfindung sehen, eine unglaubliche Hoffnung, endlich zukunftsfähige Orientierungen zu finden. Es geht keineswegs um eine Verschwörung der Alten oder ein "Methusalem-Komplott", sondern um die Etablierung eines wertvollen Altersbildes, zu dem alle Generationen beitragen können und von dem alle Generationen profitieren werden.

Aber solange wir die Gedanken zum Altern durch die Mühlen von Kommerz und Märkten laufen lassen, kommen wir zu den bekannten, peinlichen Resultaten nackter Generationenansprüche. Die ohne Zweifel notwendige Diskussion um Gerechtigkeit darf sich aber nicht lediglich um ökonomischen Proporz drehen, sondern wir sollten erkennen, dass das menschliche Leben keine Ware ist.

Es geht um die Veränderung unseres Bewusstseins, um die uralten, tief sitzenden Ängste vor dem Alter zu durchdringen und sie in einem neuen Licht des 21. Jahrhunderts erscheinen zu lassen. Erst wenn wir in der Lage sind, menschliche und kulturelle vor wirtschaftliche Interessen zu stellen und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen, werden wir nicht mehr die Sklaven unserer Errungenschaften sein, sondern ihre Wertschätzer und Nutznießer.

Erst wenn wir das Altern als einen lebenslangen Prozess mit Stärken und Schwächen verinnerlicht haben, wenn wir echte Freude über die fast dreißig Jahre an gewonnener Lebenszeit empfinden, werden wir aufhören, Millionen Menschen auszugrenzen und uns von den Ketten eines unheilvollen Jugendwahns losreißen.

Wie der Club of Rome uns 1972 die Grenzen des Wachstums vor Augen führte und damit die Grundlage für ein wachsendes ökologisches Bewusstsein schuf, müssen wir uns nun die konstruktive Rolle des Alterns und Alters verdeutlichen, um nicht unrettbar in jene spätkapitalistische Falle zu geraten, die uns alle zu Produzenten und Produkten degradiert. So seltsam es einigen auch erscheinen mag, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Alter das Nadelöhr, durch das wir zu neuen und besseren Einsichten gelangen können.

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Fußnoten

1.
Roland und Andrea Tichy, Die Pyramide steht Kopf, München 2001, S. 10.
2.
Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, München 2001, S. 19.
3.
Vgl. Horst W. Opaschowski, Der Generationenpakt, Darmstadt 2004, S. 26.
4.
H. Birg (Anm. 2), S. 24.
5.
Vgl. ebd., S. 98.
6.
Jörg Tremmel u.a., Das Prinzip Generationengerechtigkeit, in: Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog (Hrsg.), Generationen im Konflikt, München 2000, S. 220.
7.
Gerd Göckenjan, Das Alter würdigen, Frankfurt/M. 2000, S. 15.
8.
Peter Laslett, Das Dritte Alter, Weinheim-München 1995, S. 218.
9.
Vgl. ebd.
10.
Manuel Castells, Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001, S. 500.
11.
Connie Goldmann u.a., Es ist nie zu spät für einen neuen Anfang, München 2001, S. 174.
12.
Vgl. M. Castells (Anm. 10), S. 501.
13.
Ebd., S. 505.
14.
Ebd., S. 509.
15.
Ebd.
16.
Mark Benecke, Der Tod bliebt immer Sieger, in: Süddeutsche Zeitung, Wochenendausgabe Nr.42 vom 20.2. 1999, S.III.
17.
C. Goldmann (Anm. 11), S. 351.