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Terrorgruppen und Massenvernichtungs-
waffen

25.11.2005

Verwundbarkeit durch MVW-Terrorismus



Wie hoch würde der Schaden eines Terroranschlags mit Massenvernichtungswaffen sein? Zunächst gilt, dass sich ein hypothetischer Schaden aus der Verwundbarkeit eines Opfers und der Kapazität eines Täters ergibt. Verwundbar sind Staaten auf dreierlei Weise: militärisch, ökonomisch und politisch. Militärisch verwundbar sind sie in dem Maße, in dem ein Anschlag zu großen physischen Zerstörungen und einer hohen Zahl von Opfern führt; ökonomisch, wenn es durch einen Anschlag zu hohen finanziellen Folgeschäden und der Einbuße öffentlicher Wohlfahrt kommt; politisch verwundbar sind Staaten, wenn durch einen Anschlag die Funktionen des Staates beeinträchtigt und das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung erschüttert werden. Dabei zeigen sich starke Unterschiede hinsichtlich der Wirkung von nuklearen, biologischen und chemischen Waffen. Es ist deshalb irreführend, verallgemeinernd von "Massenvernichtungswaffen" zu sprechen, denn dadurch werden wichtige Unterschiede verdeckt.

Nuklearwaffen sind zweifellos die effektivsten Massenvernichtungswaffen, weil innerhalb kürzester Zeit riesige Destruktionsenergien in Form von Hitze, Druck und Strahlung freigesetzt werden. Hinzu kommt, dass ein großes Gebiet durch radioaktiven Fall-out verseucht wird, der über Jahre hinaus zu genetischen Veränderungen, Krankheit und Tod führen kann.[32] Ein nuklearer Sprengsatz von der Größe der Hiroshima-Bombe (13 kt) könnte eine Stadt zerstören und Hunderttausende Menschen töten und verletzen. Die heutigen Atomwaffen der Nuklearmächte haben eine mindestens zehnfache Sprengkraft (ca. 150 kt), aber Berechnungen zeigen, dass schon eine "kleine" Atombombe (1 kt) in Manhattan 210 000 Menschen das Leben kosten würde.[33] Denkbar sind allerdings auch radiologische Waffen, bei denen hoch radioaktives Material durch eine konventionelle Explosion verteilt wird, es aber nicht zu einer nuklearen Kettenreaktion kommt. Um mit chemischen Waffen viele Menschen zu töten, benötigt man große Mengen Gift, das gleichmäßig ausgebracht werden müsste. Man hat ausgerechnet, dass eine Tonne Sarin nötig ist, um in einem Gebiet von einem Quadratkilometer 50 Prozent der Menschen zu töten. Im Gegensatz dazu benötigt man nur wenige Kilogramm Milzbranderreger, um die gleiche Zahl an Opfern zu erzielen, vorausgesetzt, das biologische Material würde effektiv verteilt.[34]

Neben den unmittelbaren Effekten auf denMenschen sind auch sekundäre Effekte auf das Wirtschaftssystem zu erwarten. Dievolkswirtschaftlichen Folgekosten eines MVW-Anschlags können enorm sein, und der psychologische Schock könnte zu Panikverkäufen auf den Aktienmärkten führen und eine Wirtschaftskrise auslösen. Schwerer zu bestimmen ist die politische Verwundbarkeit gegenüber MVW-Terrorismus. Einerseits ist kaum denkbar, dass auf Grund eines Anschlags ein Staat vor einer Terrorgruppe kapituliert und seine Souveränität aufgibt. Insofern ist die Verwundbarkeit gegenüber Terroristen weit geringer als gegenüber feindlichen Staaten. Andererseits könnte die Bevölkerung das Vertrauen in das Regime verlieren, insbesondere dann, wenn die Regierung die Terrorbekämpfung zur Priorität erklärt und unrealistische Sicherheitsversprechen macht. Ein Staat könnte dann zu Gegenmaßnahmen gezwungen sein, die die bürgerlichen Freiheiten derart einschränken, dass sich das politische System dauerhaft verändert. Politisch verwundbar ist ein Staat also vor allem durch die eigenen Gegenmaßnahmen.



Fußnoten

32.
Vgl. Götz Neuneck, Terrorismus und Massenvernichtungswaffen: Eine neue Symbiose?, in: Hans Frank/Kai Hirschmann (Hrsg.), Die weltweite Gefahr. Terrorismus als internationale Herausforderung, Berlin 2002, S. 169 - 224.
33.
Vgl. Richard L. Garwin, Nuclear and Biological Megaterrorism, in: Richard Ragaini (Ed.), International Seminar on Nuclear War and Planetary Emergencies, Singapore 2003, S. 205 - 223, hier S. 218.
34.
Vgl. Jonathan B. Tucker, Introduction, in: ders. (Ed.), Toxic Terror: Assessing Terrorist Use of Chemical and Biological Weapons, Boston 2000, S. 1 - 14, hier S. 5.