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25.10.2005 | Von:
Georg Seeßlen

Die Lust und Last des Sehens

Die Geschichte des lustvollen Blickes im Kino ist auch eine Geschichte des schuldigen Vergnügens. In Zeiten des Mainstream-Kinos wird der lustvolle Blick jedoch mehr und mehr zur Utopie.

Einleitung

Seit wir uns des Blickes gewahr sind, gibt es die Frage nach dem Verbot. Jemand hat etwas gesehen, das er nicht sehen durfte, so fangen alle tragischen Mythen an - und ihre grotesken Ableitungen ohnehin. Seit es Bilder gibt, gibt es die Frage, was sie zeigen dürfen und was nicht. Und seitdem gibt es auch ein Spiel mit der Überschreitung von Grenzen, mit der offenbar grenzenlosen Neugier des Blicks. Eine Gesellschaft, so könnte man sehr vereinfacht sagen, ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich darüber verständigt, was gesehen und gezeigt wird, was verborgen bleiben soll, und welche Ausnahmen es gibt. Macht fließt auf diese Weise durch die Bilder.

Jedes Verbrechen, jeder Wahn, jeder Umsturz beginnt mit einer Veränderung von Zeigen und Sehen. In einer Mediengesellschaft, als die wir uns selber ein bisschen kokett und gedankenlos definieren, verschiebt sich der Schwerpunkt dieses Diskurses zunächst vom Körper auf das technisch reproduzierte Bild, und dann vom Abbild auf die Fiktion. Was ist in der Öffentlichkeit "schicklich", was in der Fernseh-Inszenierung? Und was ist schicklich für ein vollkommen künstliches Wesen, sagen wir Bart Simpson oder Lara Croft? Anders gesagt: In den Diskurs des Verbotenen und des Erlaubten, der Gier und der Bannung des Blicks, schiebt sich immer mehr eine dritte Größe, ein Bezugspunkt, der den moralischen oder zivilisationsgeschichtlichen Konflikt überschreitet: die Frage nach der Authentizität. An ein Bild wird nun neben die Fragen: Ist es legitim? Oder ist es eine Schweinerei? (I know it when I see it, war die berühmte Antwort eines amerikanischen Richters auf die Frage, was denn eigentlich "pornografisch" sei) eine dritte Frage gestellt: Ist es echt?

Es ist eine Sache, ob das Herz mit dem Pfeil eigentlich ein weibliches und ein männliches Geschlechtsorgan bedeutet, und eine ganz andere, ob es Michael Douglas und Sharon Stone in Basic Instinct vor der Filmkamera "richtig" miteinander getrieben haben. Zum einen heißt das: Nicht das Gemeinte, sondern die Art des Meinens ist der Skandal, und zum anderen: Nicht der sexuelle Vorgang, sondern die Einbindung des Subjekts in ihn birgt das Problem. Es besteht darin, dass sowohl das "Authentische" für sich - sei es der Einkaufskorb des Nachbarn - als auch das Verbotene - sei es das Schaufenster eines Video-Geschäfts - den Blick zugleich mit Lust und mit Scham auflädt.

Dass es Sexualität gibt, ist kein Geheimnis, dass sie sich konkretisiert in Menschen, die wir kennen, sehr wohl. Die pornografische Ur-Szene im bürgerlichen Abendland ist der Blick durchs Schlüsselloch, wo das Kind den Eltern, die Dienerin der Herrschaft, der Landstreicher den Bürgern bei ihrem Treiben zusah. Es ist die Verletzung eines sexuellen Machtraumes, und immer bleibt da dieser Reiz des Verbotenen, der paradoxe Reiz auch, sich gerade durch diese visuelle Tabu-Verletzung wieder in den Zustand kindlicher, nein, nicht Unschuld, aber Offenheit zurückzuversetzen. Das Kino hat zahllose Quellen, eine davon ist sicher dieser Blick durchs Schlüsselloch. Durch eine Kamera sind wir immer dort, wo wir eigentlich nicht sein sollten, im Zentrum der Gewalt, in der ausschließenden Intimität der Liebenden, im Labor des verrückten Wissenschaftlers oder im Gefängnis für wilde Tiere oder sehr böse Menschen. Die Kamera ist das Schlüsselloch der Mediengesellschaft (und in der Tat scheint es mittlerweile den Blick durchs Schlüsselloch nicht mehr ohne eine elektronische Verstärkung zu geben) - allerdings nicht als heimliches, sondern als in einer ästhetischen Ökonomie mehr oder weniger abgekartetes Spiel.