Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Christina Lotter

Editorial

Eine behagliche Sofaecke, Kerzen oder Stehlampen für gedämpftes Licht, auf einem kleinen Beistelltisch eine Tasse Tee oder Kaffee, und irgendwo in diesem Arrangement ein ausgewähltes Buch: So oder so ähnlich inszenieren sich unter dem Hashtag #bookstagram Tausende Instagram-Nutzer und Nutzerinnen als Lesende. Lesen, so die Botschaft, ist etwas ganz Besonderes, etwas, das man "sich gönnt".

Diese Wahrnehmung deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die jüngst für Aufsehen sorgte. Denn obwohl viele Befragte diese Sicht aufs Lesen teilen, lesen sie immer weniger und verbringen dafür mehr Zeit mit digitalen Streaming-Angeboten wie etwa Serien. Ein fast schon erwartbares Entsetzen füllte daraufhin die Feuilletons; der Rückgang an Buchkäufen wurde vielfach mit einem Kulturverlust gleichgesetzt. Dabei geriet in den Hintergrund, dass "Lesen" nicht nur heißt, Bücher zu lesen: Lesen ist vielmehr eine der wichtigsten Kulturtechniken zur Alltagsbewältigung.

Nicht immer kam dem Lesen eine so grundlegende Bedeutung zu. So hatten Menschen, die diese "Spezialfähigkeit" beherrschten, in Antike und Mittelalter oft eher eine dienende Rolle. Heute wandelt sich das Lesen selbst, weil immer häufiger auf Bildschirmen statt auf Papier gelesen wird. Dies kann sich nicht nur auf das Textverständnis auswirken, sondern auch auf die Texte und Inhalte selbst: Mithilfe der vom Leser erfassten Daten werden Textstrukturen teilweise soweit verändert, bis die Texte eine möglichst hohe Reichweite erlangen – und dabei immer gleichförmiger und tendenziell schriller werden. Lässt man die Qualitätsdebatte beiseite, hat die Digitalisierung aber auch eine andere Konsequenz: Womöglich wird heute so viel gelesen wie nie zuvor.

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Autor: Christina Lotter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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