Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Erich Schön

Historische Ambivalenzen des Lesens

Wir reden vom Lesen und denken dabei an literarisches Lesen, doch erst lange nach der Entstehung der Schrift begann man, sie auch für literarische Texte zu nutzen.[1] Die historische Substanz ist also pragmatisches Lesen – von den babylonischen Tontafeln bis zur aktuellen Buchmarktstatistik, bei der die Sach- und Fachbücher gegenüber der Belletristik überwiegen. Bereits hier zeigt sich eine erste Ambivalenz des Lesens. Weitere werden in diesem Beitrag aufgezeigt.

Anfänge der Schriftkultur

Wo immer man die Anfänge der Schriftkultur ansetzt,[2] ob in den Zeichen der Vinča-Kultur im Donauraum (etwa 5300–3500 v. Chr.); ob in Mesopotamien (symbolische Figürchen seit 5000 v. Chr., die Protokeilschrift ab 3200 v. Chr.) oder in ägyptischen Hieroglyphen (3. Jahrtausend v. Chr.): Überall deuten zumindest die erhaltenen Zeugnisse darauf hin, dass Schrift zunächst hauptsächlich administrative und ökonomische, manchmal auch religiöse Zwecke erfüllt hat, aber keine literarischen: Die Heroen der Zivilisation waren nicht die Sänger und Dichter, sondern der Finanzbeamte, der Steuerlisten führte; der Grundbuchbeamte, der den Verkauf eines Ackers notierte; der Notar, der ein Gerichturteil festhielt; der Logistiker, der Güterlisten führte oder Warenbegleitscheine ausstellte. In Babylon wurden ab 2700 v. Chr. Mythen und Hymnen aufgezeichnet. Aber für solche und andere literarische Texte diente Schriftlichkeit zunächst nur zur Archivierung, zur Unterstützung des Vortrags und zur Memorierung, später auch zur Konzeption.

Privileg Lesen?

Weil es für die wenigsten Menschen eine gesellschaftliche Notwendigkeit war, lesen und schreiben zu können, beherrschten es zunächst nur wenige: Im Ägypten des Alten Reiches (3. Jahrtausend v. Chr.) ungefähr 0,3 bis ein Prozent; im Neuen Reich (1570–715 v. Chr.) etwa fünf bis sieben Prozent. Es war die Kunst einer kleinen Gruppe von Priestern und professionellen Schreibern, oft Verwaltungsbeamte. In Mesopotamien war der Anteil derer, die schreiben konnten, sicher höher, da die Schrift hier nicht nur von der Verwaltung benutzt wurde, sondern auch von Kaufleuten. Aber handelte es sich deswegen um ein "Privileg"? Die "Kemit", ein Kompendium für Schreibschüler aus dem Ägypten des Mittleren Reiches (etwa 2000–1700 v. Chr.), schließt mit einer Ermunterung für die Schüler: "Ein Schreiber auf irgendeinem Posten des Staates, der leidet dort keine Not."[3] Schreiben war eine Spezialfähigkeit, eine berufliche Qualifikation (heute vielleicht vergleichbar mit den Kenntnissen eines IT-Spezialisten), die Voraussetzung für gehobene berufliche Positionen, aber nicht als solches der Oberschicht vorbehalten.

Die leichter lernbare griechische phonetische Schrift war schon im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. sozial allgemein verbreitet. Seit dem frühen 5. Jahrhundert v. Chr. konnte die Mehrheit der Bürger Athens lesen und schreiben, also etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber auch dort, wo Schriftlichkeit üblich war, wie im hellenistischen Griechenland oder in der römischen Antike der späten Republik und der Kaiserzeit, fand die Rezeption von Literatur doch meist mündlich statt. Die quasi bildungsbürgerliche Aneignung der griechischen Kultur durch die Römer geschah sowohl in individueller Lektüre als auch durch Vorlesen-Lassen: Griechische Sklaven wurden als Vorleser eingesetzt; derjenige, der (vor-)lesen konnte, war damit in einer dienenden Rolle.

Das gilt für die gesamte ältere Geschichte des Lesens, für das Mittelalter bis weit in die Neuzeit, zumal im Mittelalter Lese- und Schreibfähigkeit (Literalität) gleichbedeutend war mit Geistlichkeit und Lateinkenntnis, und es sich somit nicht um Qualitäten handelte, die adlige Herrscher und Oberschichten ausmachten. In der Neuzeit mag für Adlige weitgehend (nicht völlig) von Alphabetisierung auszugehen sein, aber bei aller adlig-höfischen Verhaltensstilisierung (die man historisch als eine Art "Bildung" verstehen mag) war das, was wir heute mit "Bildung" verbinden, nicht Teil des adligen Habitus. Es gab Ausnahmen, aber generell gilt dies bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts, als nach dem Ende der Wiederaufbauphase nach dem Dreißigjährigen Krieg allmählich auch Adlige in die absolutistischen Verwaltungen eintraten. Jedoch umfasste der adlige Habitus generell noch weit darüber hinaus, dass sich der Adlige gerade nicht qualifizieren musste, um Adliger zu sein, auch nicht durch Bildung, noch weniger durch eigene Lektüre.

Anfänge der Lesekultur

Das eigene Lesen von Texten und damit eine literarische Lesekultur beginnt um 700 v. Chr.; Hesiods episches Lehrgedicht "Werke und Tage" war eines der ersten Beispiele. Aber erst im Hellenismus (326–30 v. Chr.) gibt es eine Kultur des individuellen Lesens. Erste allein Lesende finden wir auf einer Grabstele von der Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert sowie in Anspielungen in den Dramen von Aristophanes und Euripides. Aber Aristophanes macht sich noch über eine solche Rezeptionsweise lustig; in der hegemonialen, "legitimen Kultur" (Pierre Bourdieu) ist sie noch nicht akzeptiert.

Das stets problematische Verhältnis des individuellen Lesens zur legitimen Kultur führt dazu, dass Lesen bald Gegenstand von Diskussionen und der Regulation durch Lesepropädeutiken ist. Ein frühes Beispiel ist Plutarchs (um 46 bis um 125 n. Chr.) Schrift "Auf welche Art es sein muss, dass ein junger Mensch die Dichtungen hört". Diese Regulationsbemühungen verdeutlichen die "gefährlichen" Aspekte einer Emanzipation des Lesers oder der Leserin aus der sozialen Situation des gemeinsamen Rezipierens: Individuelles Lesen bedeutet eine Rezeption, die nicht mehr sozial kontrolliert ist, sodass leicht soziokulturell abweichendes, missbilligtes Lesen entstehen kann. Wer individuell liest, entzieht sich sozialer Kontrolle. Darin liegt eine weitere Ambivalenz: Einerseits kann sich durch "falsche" Lektüre sozial unerwünschtes Verhalten ausbilden; andererseits entsteht so Individualität durch den Erwerb eines individuellen Erfahrungshintergrundes.

Mit dem individuellen Lesen wird auch die Qualität des Lesens selbst, das Leseerlebnis, problematisch: Lesen war in der Antike selten ein intimes Erleben nach heutiger Vorstellung. Lesen, jedenfalls literarisches, war auch als Lesen "für sich" mehr oder weniger artikuliertes lautes Lesen. Wenn es nicht pragmatischen oder wissenschaftlichen, sondern diätetischen oder ästhetischen Zwecken diente, geschah das Lesen in der Antike mit lauter Stimme (alta voce); diese Gewohnheit dauerte auch im Mittelalter und für bestimmte Gattungen (Lyrik, Dramen) beziehungsweise Gelegenheiten bis in die Neuzeit an. Prosa hingegen wurde schon früh, Romane wohl von Anfang an stumm gelesen. Literarische Texte nicht nur "mit den Augen", sondern laut lesen zu können, galt als höhere literarische Rezeptionskompetenz und damit als Voraussetzung für das volle sinnliche Leseerlebnis. So heißt es in Lukians Pamphlet gegen den "ungebildeten Büchernarren": "Freilich hast du das vor dem Blinden voraus, dass du in deine Bücher hineinguckst und das, bei Gott, sattsam, und einiges liest, aber so schnell, dass die Augen den Lippen immer zuvorlaufen. Aber das ist mir noch nicht genug, und ich werde dir nie zugeben, dass du ein Buch gelesen habest oder lesen könnest."

Fußnoten

1.
Vgl. Erich Schön, Der Verlust der Sinnlichkeit oder Die Verwandlungen des Lesers. Mentalitätswandel um 1800, Stuttgart 1987; ders., Geschichte des Lesens, in: Bodo Franzmann et al. (Hrsg.), Handbuch Lesen, München 1999, S. 1–85.
2.
Vgl. Peter Stein, Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens, Darmstadt 2006.
3.
Zit. nach Uwe Jochum, Bücher. Vom Papyrus zum E-Book, Darmstadt 2015, S. 35.
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Autor: Erich Schön für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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