Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Uwe Britten

Die Ökonomisierung des Ästhetischen. Konsum, Rendite und Wachstum in der Lesekultur - Essay

Lesen als Unterhaltung

Die Durchökonomisierung jedes Kulturguts verändert diese (für unsere Kultur sinngebenden) Güter bis hinein in die Ästhetik – womit nicht die Verpackung des Produkts, sondern sein Inhalt gemeint ist. So extrem wie im Filmgeschäft, in dem es kaum noch einen Film gibt, der nicht einem Drei-Akt-Schema, den immer gleichen Figurenmustern und den stets nach bestimmten Spannungskriterien konstruierten Handlungsdynamiken folgt, ist es mit dem Roman zwar noch nicht, doch auch im Bereich der Romanliteratur folgen die Erzählmuster immer stärker den als besonders verkaufsförderlich erkannten Narrationsstrukturen. Diese Vervielfältigung in der Tiefe korrespondiert mit einer ästhetischen Verarmung in der Breite.

Auch Ästhetiken lassen sich ökonomisch auf eine Linie bringen und nach Rentabilitätskriterien modellieren. Dieser Prozess begann bereits, als sich der Roman als führende epische Form durchsetzte und mit ihm zunehmend mehr Geld zu verdienen war. Schon zu Beginn des 19. Jahrhundert hat in Frankreich der Fortsetzungsroman das Schreiben der Autoren verändert hin zu einer spannungsvolleren Textstruktur, in kleine Happen portioniert. Auch dieser Prozess ist in unserer Kultur bis in die kleinsten Verästelungen fortgeschritten. Selbst unsere ästhetische Wahrnehmung ist ökonomisierbar, indem beispielsweise Narrationen auf einen dynamischen Spannungsaufbau hin konstruiert werden und damit ein schnelles Lesen bewirkt wird. Das hohe Lustgefühl beim stetigen Spannungsauf- und Spannungsabbau führt zum Bücherkauf in relativ kurzen Abständen. Die ungeheure Masse an Krimis, Thrillern oder auch Tragikomödien auf dem Buchmarkt ist kein Zufall. Und die Entwicklung von Krimis für Kinder bahnt ein bestimmtes Leseverhalten inzwischen noch viel früher an als zuvor.

Solche Ökonomisierungen ästhetischer Prozesse beginnen bereits bei der Kalkulation eines Romans. Ließen Verlage in früheren Jahrzehnten noch die sogenannte Mischkalkulation gelten, nach der gewagte und weniger gewinnträchtige Bücher von den erfolgreichen Titeln wirtschaftlich mitgetragen wurden, ist dies heute weitgehend abgelöst worden von der Haltung, dass jedes einzelne Buch zum Gewinnergebnis eines Verlags beizutragen habe. Natürlich wollen Verlage möglichst mit jedem Buch Geld verdienen, das steht nicht infrage. Wo aber Verlage Renditemarken von beispielsweise 23 Prozent absolut setzen, verhindert das gerade auch ästhetische Innovationen. Oder anders gesagt: Wenn künstlerisch anspruchsvolle Projekte aufgrund hoher Renditeerwartungen nur noch mit der Konsequenz eines hohen Verkaufspreises realisiert werden, dann bewirkt eine solche Preispolitik die Verarmung der Kultur: Einen vielleicht "gewagten" Roman, der nicht den gängigen Rezeptionsvorlieben entspricht, kauft für 28 Euro eben mancher Kunde nicht mehr – der ihn für 22 Euro aber noch gekauft hätte.

Die Ökonomisierung künstlerischer Werte vernichtet genau das, worauf wir uns oft so viel einbilden, nämlich die Pluralität unserer Kultur, die mittlerweile allzu oft nicht mehr bedeutet als vom Gleichen zu viel. Die kapitalistische Ideologie drängt also außerökonomische Kriterien überall zurück, bis hinein in die Art und Weise von Texten. Der Kapitalismus ist aber kein Naturgesetz, sondern eine kulturelle Entscheidung. Daran muss man zuweilen erinnern.

Die Blüten dieser Durchkalkulierung von Kunst im weitesten Sinn zeigen sich vielleicht am deutlichsten im Marktsegment der Kinder- und Jugendbücher. Es ist dort, wie in der Filmbranche für das Schreiben von Drehbüchern, längst üblich, Autoren narrative Strukturvorgaben für die Realisierung eines Jugendromans zu machen hinsichtlich Gesamtumfang, Aufbau, Figurenensemble, Konfliktentwicklung, Schluss. Aber auch das ist noch nicht das Ende dieses Prozesses. Einige Verlage entwickeln Jugendromane inzwischen mit einer geschlossenen Online-Jugendredaktion. Eine gewisse Anzahl leseaffiner Jugendlicher wird zu einem Beratergremium für einen Autor zusammengestellt. Der Autor hat eine Romanidee skizziert und schreibt das erste Kapitel, das die Jugendlichen zur Einschätzung zugeschickt bekommen. Der Autor nimmt die Anregungen von ihnen in der einen oder anderen Weise auf. So geht es von Kapitel zu Kapitel. Branchenintern räumen diese Verlage durchaus ein, dass sich die Texte selbstverständlich aufgrund der Rückmeldungen verändern, zum Beispiel an Stellen, an denen die Jugendlichen Langweile empfanden oder sie sich andere Wendungen der Handlung lieber wünschten. Dabei scheint auch zu beobachten zu sein, dass Jugendliche eindeutig zum Happy End neigen. Um nun jugendliche Leser nicht zu enttäuschen, wird nach ihrem Geschmack gearbeitet. So wird das Lesen zum erbaulichen Erlebnis, wirkt nicht allzu verstörend und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche wieder zu einem Roman (dieses Verlags) greifen.

Damit ist das "Buch 4.0" kurz vor seiner auch ästhetischen Vollendung: Autorinnen und Autoren, der gesamte Buchmarkt und die Lesenden haben miteinander und in einer sich gegenseitig bestärkenden Struktur jenes Narrationsmuster entwickelt, in dem sich alle am wohlsten fühlen. Kunst wird zu einem Abstimmungsergebnis, der Roman das neue Opium fürs Volk. Einst nannte man so etwas eine "Regelpoetik". Heute bestimmen Marktgesetze so strikt wie selten die Regeln der Poetik.

Die ästhetischen Auswirkungen einer solchen Kunstproduktion führen nicht zu einer offenen Wahrnehmung der Welt und des eigenen Daseins, sondern zu einer Verengung. Wenn wir in einer Welt wie der unsrigen ein hohes Maß an sogenannter Ambiguitätstoleranz brauchen, um mit tendenziell unüberschaubar offenen Prozessen, mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten umgehen zu lernen, dann bietet der Literaturmarkt den Leserinnen und Lesern vielfach genau das Gegenteil. Lesen führt nun zu einer narkotischen Selbstberuhigung mit den immer selben Mustern in der Tiefenstruktur des Textes und der immer gleichen ästhetischen Erfahrung. Die fiktive Wirklichkeit ist berechenbar, und die Erwartung einer kathartischen Entlastung am Schluss wird von Beginn an zugesichert. Mindestens drei Merkmale der heutigen Romanliteratur bedürfen einer kritischen Diskussion:

Empathieförderung: Zweifelsohne ist die menschheitsgeschichtlich entwickelte Empathiefähigkeit ein unschätzbarer Wert humaner Kultur, aber als literarisches Kriterium ist "Empathievermittlung" kein wertneutrales Erzählmoment. Wer in hoher Emotionalisierung immer nur in seinen Gefühlen (weg-)schwimmt, dem geht der rationale, kritische Blick verloren. Man kann auch faschistische Literatur empathisch lesen.

Spannung: Die Spannungsorientierung heutiger Literatur zieht die Lesenden in einen rastlosen und atemlosen Prozess, wie wir ihn in vielen Alltagsfeldern erleben, und scheint eher einem Abhängigkeitsmuster von Drogenkonsumenten zu entsprechen. Das kopflose Hinterherhecheln nach der Handlung lässt wenig Zeit für eine aufmerksame und kritische Kunstrezeption.

Happy End: Das Grundmuster von Aufbruch, Kampf und Happy End vieler Erzählungen erzielt in erster Linie eine emotionale Beruhigung – unbewusst wird das Muster immer schon gekannt. Zumindest fiktiv ist die Welt am Ende wieder in Ordnung. Und zwischendrin haben wir uns doch ganz prächtig unterhalten. Das kritische Potenzial fiktiver Texte tritt hinter einen Affirmationsprozess zurück, der gesellschaftliche Kompensationsprozesse eher stabilisiert als entlarvt.

Lesen als Kunstrezeption

Unsere heutigen Lesefähigkeiten folgen keinem linearen Entwicklungsprozess hin zu einem immer differenzierteren Lesevermögen. Wir haben kulturell sowohl einen historisch diachronen Lesefähigkeitsverlust (Dantes "Göttliche Komödie" als Versepos werden heute nicht mehr viele Menschen lesen können) als auch einen historisch synchronen (viele Leser haben auch keinen Zugang zur zeitgenössischen Lyrik).

Auch für die Romanliteratur des 20. Jahrhunderts dürfte sich ein solcher Prozess zeigen lassen, denn viele Texte der klassischen und späten Moderne stoßen auf keine große Leserschaft mehr und sind häufig auf dem primären Buchmarkt auch nicht mehr lieferbar. So mancher Text gilt uns heute als zu "schwierig". Längst ist die Moderne zu einer weit zurückliegenden Epoche geworden. Ihre Text- und Erzählstrategien – die als Reflexion über die Welt heute nicht weniger relevant sind – werden nicht mehr als ästhetische Errungenschaften und wichtige Bereicherung der (ästhetischen) Wahrnehmung erlebt, sondern gelten eher als schwerfällig, das Lesen wird als zu anstrengend erlebt. Aber dass wir das Lesen fiktionaler Texte weitgehend der Unterhaltung unterordnen, ist historisch nicht immer so gewesen und damit keine naturgesetzliche Selbstverständlichkeit. Warum sich mit einem Roman nicht auch mal Mühe machen?

Fazit

Dass die Entwicklung der menschlichen Sprache und der Textgattungen stetig voranschreitet, ist unstrittig, und die Annahme, Kunst könne sich ausschließlich aufgrund außerökonomischer Einflussfaktoren entwickeln, wäre naiv. Gleichwohl ist das nicht gleichbedeutend damit, dass wir künstlerische Entwicklungen weitgehend von ökonomischen Prinzipien dominieren lassen. Zu fördern ist dringend eine Buch- und Lesekultur, in der die Hinwendung zu einem Text in einer entschleunigten Atmosphäre angeregt wird, in der Ruhe, Aufmerksamkeit, Reflexion und Selbstreflexion im Auffassen einer komplexen sprachlichen Äußerung möglich sind. Damit behielte Lesen die Qualität einer Begegnung, in der Autorinnen und Autoren den Lesenden ein Kommunikations- und Weltdeutungsangebot machen, in dem sich noch eine menschliche Dimension ausdrückt.

Die kulturelle Verabschiedung von den poetischen Errungenschaften beispielsweise der literarischen Moderne bedeutet eine Engführung ästhetischer Wahrnehmung zugunsten kapitalistischer Verwertbarkeit. Lesen als Zugang zum Konsum, Lesen als bloße Unterhaltung und Ablenkung – und sonst? Wenn wir Romane wie "Die Straße in Flandern" von Claude Simon, "Schall und Wahn" von William Faulkner, "Rayuela" von Julio Cortázar, "Die Wellen" von Virginia Woolf, "Jemand" von Robert Pinget, "Das chasarische Wörterbuch – Lexikonroman" von Milorad Pavić, "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson oder "Die Hornissen" von Peter Handke nicht mehr lesen können, dann sind das kulturelle Verluste. Verluste, die dann auch in einer schriftstellerischen Gegenwart zur Nichtbeachtung etwa eines Romans wie "Und manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" von Katharina Faber führen. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Folgen davon, wenn wir uns in Gleichförmigkeit und Alternativlosigkeit einrichten. Wie sollen wir über zukünftige Formen unseres Zusammenlebens nachdenken und uns verständigen, wenn wir darauf trainiert werden, nur in den ewig gleichen Mustern zu denken?

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