Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Schlecky Silberstein

Lesen und gelesen werden. Wie Social Media die öffentliche Debatte steuert - Essay

Bei aller Interaktivität dürfen wir nicht vergessen: Das Internet ist in der Hauptsache noch immer ein Lesemedium – ein unfassbar anspruchsvolles Lesemedium, nicht selten sogar ein Medium, das zwar gelesen werden will, aber gleichzeitig alles dagegen tut, in Ruhe gelesen zu werden. Und auch wenn es sich bei beiden Medien um Buchstaben vor einem Hintergrund handelt, könnten Print-Texte und Online-Artikel in Sachen Leseerfahrung unterschiedlicher nicht sein.

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass Sie vor der Lektüre einer Zeitung einmal für alles zahlen und dann nie wieder zur Kasse gebeten werden. Weder ihre Kreditkartendaten, noch ihre Aufmerksamkeit, noch ihre Verhaltensdaten werden bei der Lektüre eines analogen Print-Produkts abgefragt. Online sieht es anders aus: Es kostet Sie anfangs nichts – vorausgesetzt, der Artikel befindet sich nicht hinter einer Bezahlschranke –, dafür werden sie während der Lektüre meistens unterbewusst mit ihrer Aufmerksamkeit zahlen. Strategen aus dem Bereich der Online-Werbung finden regelmäßig neue Wege, Ihren Lesefluss zu unterbrechen. Während ein klassischer Print-Autor davon ausgehen darf, dass sein Adressat seinen Fokus voll und ganz auf das Papier gerichtet hat, das den Text transportiert, weiß der Autor digitaler Schriften, dass die Aufmerksamkeit seines Lesers von allen Seiten mit Interaktionsimpulsen bombardiert wird: Schau mich an, klick mich an, denk über mich nach. Das fordert Opfer in der Informationstiefe, aber nichts ist für einen Verfasser schmerzlicher als ein Text, der nicht zu Ende gelesen wurde.

Das Veröffentlichen in digitalen Medien hat die Dramaturgie der Texte komplett verändert. Grundsätzlich gilt: Früher war mehr Zeit für Text. Wenn ich mir Prosa aus dem 18. Jahrhundert durchlese, habe ich den Eindruck, dass die Autoren für ein Publikum geschrieben haben, dass nach der Hälfte des Tages nicht wusste, wohin mit der Restzeit. Ein Szenario, das uns heute undenkbar erscheint. Marcel Proust konnte in seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (erschienen zwischen 1913 und 1927) seitenlang über einen Keks und die damit verbundene Erinnerung an vergangene Zeiten schreiben, meine Lektorin würde heute beim gleichen Text anmerken: Geht kürzer, wenig Substanz, bitte verdichten. Soviel zur Oberfläche. Begleiten Sie mich nun in die Tiefe der abenteuerlichen Erfahrungen des vernetzten Lesers.

Der gläserne Leser

Um den Unterschied zwischen analogem und digitalem Lesen zu verstehen, müssen wir zunächst den "Informationsträger" digitaler Texte definieren. In den meisten Fällen ist das Medium Ihr Computer oder Ihr Tablet, streng genommen auch Ihr Smartphone. Es hilft für das Verständnis der eigenen Rolle in der vernetzten Welt, wenn Sie sich stets alle ihre vernetzten Geräte als Sensoren vorstellen, die alles, was Sie tun, genauestens messen und an Menschen melden, die Sie nie im Leben kennengelernt haben. Bevor Sie jetzt fragen, was das alles mit der digitalen Leseerfahrung zu tun hat: Sehr viel. Denn in der Regel werden auch Sie "gelesen", während sie lesen.

Noch immer gehen die meisten Internetnutzer davon aus, sich einseitig mit Informationen zu versorgen, sobald sie ein vernetztes Gerät zur Hand nehmen. Das ist ein Trick. In Wirklichkeit ist das Internet im Jahre 2019 kein Lesemedium, sondern ein lesendes Medium, das den ahnungslosen Leser liest.

Um die Ausmaße davon zu verdeutlichen, stellen Sie sich einfach vor, der Kalte Krieg wäre anders ausgegangen und die sieche BRD hätte sich 1990 mit der prosperierenden DDR wiedervereinigt. Nehmen wir an, die Staatssicherheit hätte um 2005 herum das sozialistische Internet samt sozialistischem sozialen Netzwerk namens Facebook ausgerollt. Man hätte den Bürgern ein System präsentiert, über das sich jeder bequem registrieren und sein Innerstes nach außen kehren kann. Die Bürger hätten Spaß mit den neuen Möglichkeiten und würden vor ihrem Staat den Hut ziehen, weil nahezu alles (Information, Unterhaltung, Kommunikation) in diesem neuen System kostenlos ist. Man würde der vernetzten Arbeiterklasse ein ungeahntes Maß an neuer Meinungsfreiheit zubilligen und viele von denen, die in den 1980ern auf die Partei schimpften, würden einräumen: Sie hatte wohl doch recht. Mit dieser Perestroika 2.0 würde die Partei ihre Bürger sogar ermutigen, ihre freie Meinung so oft und so leidenschaftlich wie möglich mithilfe des neuen Systems zu äußern. Denn auf diese Weise entstehen Daten, die alle in das Profil eines jeden einzelnen Bürgers einfließen. Die alten Stasi-Akten würde man schnell einmotten, denn was jeden Tag an Informationen auf dem neuen Stasi-Server einginge, ermöglichte der Partei, ihre Bürger besser zu kennen, als diese sich selbst.

Zum Glück hat die Geschichte eine andere Wendung genommen – das System gibt es trotzdem. Es ist nur auf mehrere Schultern verschiedener Unternehmen verteilt, deren Ziel es nicht ist, mithilfe der gesammelten Daten abtrünnige Bürger zu kontrollieren, sondern Geld zu verdienen.

Auch wenn Sie außerhalb eines sozialen Netzwerks einen Online-Artikel lesen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit unterschiedliche Daten von Ihnen erfasst: Wie lange Sie lesen, wohin Sie klicken, wie sich Ihr Scrollrädchen verhält, bei welchen Textpassagen Sie hängen bleiben, von welcher Seite Sie kommen, welche Seite Sie nach der Lektüre aufrufen und verschiedenes mehr. Auf diese Weise wollen Online-Publisher ihre Reichweite optimieren und passen die Textführung, den Inhalt, die Schlagworte, die Seitengestaltung sowie die Wahl der Bilder so an, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Artikel teilen, möglichst hoch ist. Denn wenn Sie das tun, multipliziert sich seine Reichweite. Das bedeutet: Mehr Menschen besuchen die Seite, die den Artikel zur Verfügung stellt, und sehen die dort geschaltete Werbung. Üblicherweise teilen wir Artikel selten per Mail, sondern über ein soziales Netzwerk. Das heißt, Artikel werden auf der Grundlage von Interessen des jeweiligen sozialen Netzwerks optimiert. Hier verbirgt sich der zentrale Unterschied zwischen Nachrichten auf Papier und Nachrichten auf einem vernetzten Gerät. Bei einer Zeitung gibt es keine Möglichkeit, einen Artikel gleichzeitig mit einer theoretisch unbegrenzten Zahl an Menschen zu teilen. Ebenso wenig kann ein Zeitungsartikel viral werden, denn die Höhe der Auflage ist begrenzt. Und so spielen die Bedürfnisse eines sozialen Netzwerks bei der Gestaltung eines Print-Artikels keine Rolle. Dieser vermeintlich kleine Unterschied spielt eine dramatisch große Rolle bei den größten Problemen unserer Zeit.

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Autor: Schlecky Silberstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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