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25.10.2005 | Von:
Ralf Schenk

Die DDR im deutschen Film nach 1989

Zahlreiche Filme haben nach der Wiedervereinigung ein widersprüchliches DDR-Bild entworfen. Eine filmische Rekonstruktion der inneren Prozesse der DDR-Gesellschaft fand bislang jedoch kaum statt.

Einleitung

Im Juni 1990, sieben Monate nach dem Mauerfall und vier Monate vor der Wiedervereinigung Deutschlands, wurde einer der letzten DEFA-Filme[1] uraufgeführt: Die Architekten. Regisseur Peter Kahane und Autor Thomas Knauf beschrieben darin den Alltag und Seelenzustand jüngerer Intellektueller in der DDR, die gehofft hatten, einen eigenen, unverwechselbaren Platz im Gesamtgefüge der realsozialistischen Gesellschaft zu finden.

Doch die Architektengruppe, an die der Auftrag herangetragen worden war, eine neue Stadtteilsiedlung zu konzipieren, scheiterte sowohl an materiellen Zwängen als auch an den Eingriffen ihrer auf eingefahrenen Gleisen denkenden und handelnden Vorgesetzten. Dieses Scheitern stand im Film über den konkreten Fall hinaus als Metapher für den Verlust von Hoffnungen und Illusionen nicht nur junger DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Nie zuvor hatte es eine DEFA-Produktion gewagt, die Agonie der Gesellschaft, das Verschwinden der Utopie in starren Strukturen so eindringlich vor Augen zu führen wie hier - bis hin zu jener Schlussszene, in der der völlig ausgelaugte Held, der Leiter der Architektengruppe (Kurt Naumann), an der Tribüne nach der Einweihungsfeier zusammenbricht.

Knauf und Kahane hatten, ermuntert von Michael Gorbatschows Perestroika-Politik, schon 1986/87 damit begonnen, am Buch zu den Architekten zu arbeiten. Wäre der Film noch vor dem November 1989 in die Kinos gekommen, wäre ihm eine außerordentliche Aufmerksamkeit sicher gewesen. In den Monaten der "Wende" spielte er jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Zuschauer, die zum Zeitpunkt der Premiere gerade mit dem Umtausch ihrer DDR-Mark ins heiß ersehnte Westgeld befasst waren, interessierten sich nur wenig für einen wenn auch noch so kritischen Rückblick auf den untergehenden deutschen Staat.

Es brauchte rund zehn Jahre, bis die DDR den Hintergrund für einen auch an der Kinokasse höchst erfolgreichen Film abgeben sollte. Inzwischen hatten die schwierigen, durch keinerlei Erfahrung abgefederten Prozesse des Zusammenwachsens zu ökonomischen, geistigen und psychischen Verwerfungen geführt. Manche Beobachter sahen zumindest die mentale Einigung als misslungen an. Die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher mit dem, was sie in und an der Bundesrepublik vorfanden, schlug sich unter anderem in einem verklärenden Blick zurück, einer vom Wende-Zorn längst abstrahierten, freundlicheren Sicht auf die DDR nieder. In dieser Situation kam Leander Haußmanns und Thomas Brussigs Film Sonnenallee (1999) gerade recht. Zum ersten Mal waren heiter gelöste Reminiszenzen an die DDR zu erleben. Volkspolizisten und Staatssicherheitsmänner wirkten wie trottelige Märchenfiguren, die mit ein bisschen Geschick leicht auszutricksen waren. Sogar die Mauer hatte etwas von ihrem Schrecken verloren. Sonnenallee, offensichtlich eine der letzten filmischen Entäußerungen der deutschen Spaßgesellschaft, beschwor die Tatsache, dass auch hinter dem "Eisernen Vorhang" geflirtet, gefeiert und Rockmusik gehört wurde.

Ähnlich wie in der klassischen Feuerzangenbowle (1944), dem Paradestück des deutschen Kleinbürgers, zog der aus der Pennälerperspektive erzählte Film seinen Lustgewinn aus der vorgeführten Dummheit von Lehrern, uniformierten Staatsdienern und anderen "führenden Genossen". Obwohl der Erkenntnisgewinn von Sonnenallee gegen Null tendierte, begannen deutsche Fernsehredakteure schon kurz nach dem Film, über Nostalgieshows speziell fürs ostdeutsche Publikum nachzudenken. Diese wiederum zogen Kinoproduktionen wie Carsten Fiebelers verlogene Verwechslungskomödie Kleinruppin forever (2004) nach sich, in der die DDR zwar grau und heruntergekommen aussah, aber im Kern eine solidarische, gemeinsam gegen die Außenseiter von der Stasi agierende Bevölkerung hatte.


Fußnoten

1.
DEFA steht für Deutsche Film AG, die Filmfirma der DDR, die das Monopol für sämtliche Kinospiel-, -dokumentar- und -trickfilme besaß. Sie wurde 1946 gegründet und 1992/93 abgewickelt.