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25.10.2005 | Von:
Ralf Schenk

Die DDR im deutschen Film nach 1989

Vergessene Filme

Die wichtigeren deutschen Spielfilme, die über das Innenleben der DDR und die Prozesse der Wiedervereinigung Auskunft gaben, entstanden bereits in den ersten Jahren nach 1990. Heute sind sie weitgehend vergessen, weil sie, wie Die Architekten, zu einem Zeitpunkt erschienen, als das Thema für viele uninteressant war. Und doch beanspruchen sie Aufmerksamkeit nicht nur schlechthin als historische Dokumente, sondern auch als künstlerisch wagemutige Versuche. Beispielsweise drehten Regisseur Jörg Foth und die Liedermacher Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel mit Letztes aus der Da Da eR (1990) ein clowneskes Abschiedsspektakel, das die DDR auf markant-allegorische Schauplätze reduzierte: ein Gefängnis, ein Schlachthof, ein Müllplatz, ein Zementwerk, in dem das Material für die Mauer hergestellt wurde, oder der Brocken, jener Berg im Harz, der DDR-Bürgern nicht zugänglich war, weil er sich in Grenznähe befand. In diesem DEFA-Film ist die "alte" DDR ein heruntergekommenes Universum; das Ambiente erstickt alle Möglichkeiten derEntfaltung: "eine Topographie der Verschmutzung, Unterdrückung, Verfolgung, Kollaboration und Überwachung".[2] Der Abschied ist überfällig, wobei noch nicht feststeht, wohin die Ankunft führen wird.

In Egon Günthers Stein (1991) mündet diese Zukunft ins Jenseits: Der Held des von Helga Schütz und dem Regisseur verfassten Films, ein Schauspieler, verlässt in den letzten Szenen sein Haus bei Berlin und verliert sich in den römischen Katakomben an der Via Appia. Wie Foth in Letztes aus der Da Da eR nutzt auch Günther die real existierende DDR als Folie für eine absurde Tragikomödie: Stein, die Hauptfigur (Rolf Ludwig), hatte sich nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968 rigoros von der Bühne verabschiedet und sich in seine Villa zurückgezogen. Innere Emigration, so zeigt Günther, war für einen ostdeutschen Intellektuellen durchaus möglich, doch sie führte auch zu Selbsttäuschung und Schizophrenie. Als Stein am Ende von zwei Jahrzehnten der Zurückgezogenheit nach Berlin aufbricht, um eine junge Freundin zu suchen, strudelt er ausgerechnet in die Unruhen des Oktobers 1989. Seiner Verhaftung verweigert er sich, indem er einen Polizisten in Trance versetzt: Die Welt ist ein Traumspiel geworden. Egon Günther selbst hatte sich, nachdem es ihm unmöglich gemacht worden war, in der DDR Gegenwartsfilme zu drehen und auch ihm nur noch die Flucht nach innen zumindest als zeitweilige Lösung erschien, 1978 in die Bundesrepublik verabschiedet. Für Stein war er noch einmal an den Ort seiner größten Erfolge, ins Babelsberger Filmstudio, zurückgekehrt.

Aber auch einige derjenigen DEFA-Regisseure, die den Schritt in den Westen aus unterschiedlichen Gründen nicht gegangen waren, legten nun heftige filmische Abrechnungen mit der DDR vor. Das geschah jedoch nur selten aus Gründen der Anbiederung an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse, wie etwa in Horst Seemanns plakativem, amerikafreundlich gewendetem Fünfziger-Jahre-Porträt Zwischen Pankow und Zehlendorf (1991). Vielmehr nutzten die Filmemacher die gewonnene Freiheit, um sich Rechenschaft über eigene einstige Ideale und Illusionen zu geben, den Grad eigener Verstrickungen ins DDR-System zu erkennen und sich letztlich Gewissheit darüber zu verschaffen, wie sehr die Utopie, an die sie selbst lang geglaubt hatten, von der Wirklichkeit verformt worden war. Die filmischen Totentänze, die Heiner Carow in Verfehlung (1991) oder Herwig Kipping in Das Land hinter dem Regenbogen (1991) zelebrierten, stellten zugleich ganz persönliche Teufelsaustreibungen dar.

Verfehlung skizziert die Geschichte einer nicht mehr jungen ostdeutschen Frau (Angelica Domröse), die sich in einen westdeutschen Arbeiter (Gottfried John) verliebt und gegen den Bürgermeister ihres Dorfes (Jörg Gudzuhn), der sie selbst besitzen will, um diese Liebe kämpft. Höhepunkt des Films ist ein Festumzug zum Jahrestag der Ortsgründung, der unweigerlich an die Feierlichkeiten zum 750. Jahrestag Berlins 1987 denken lässt. In grellen Szenen verabschiedet Carow die Geschichte als Farce: Der Sozialismus-Versuch in der DDR strandet bei ihm in einem exzentrischen Panoptikum, wobei die Höhepunkte des Festes, gerade auch die Can Can tanzenden Bäuerinnen, durch und durch provinziell gezeichnet sind. Der staatlicherseits inszenierte Rausch überdeckt die Grauheit und Dumpfheit, in der das Dorfleben vor sich hin dümpelt. Während vor der Tribüne ein Massenspektakel gefeiert wird, bricht dahinter ein einzelner Mensch zusammen - ein Motiv, das schon Die Architekten für ihr DDR-Bild genutzt hatten.

Noch radikaler grenzte sich Das Land hinter dem Regenbogen vom fehlgeschlagenen Versuch des DDR-Sozialismus ab. Herwig Kipping versetzte sich gleichsam in seine eigene Kindheit zurück, wählte die subjektive, naive Perspektive eines Heranwachsenden in den frühen fünfziger Jahren. In seinem Dorf "Stalina" rauchen die Schlote und stehen noch die Denkmäler für Josef Stalin. Vor diesem Säulenheiligen kniet der gütige Großvater, dargestellt von dem polnischen Schauspieler Franciszek Pieczka, nieder und betet ihn an. Mit Bildern wie diesem rekurriert der Regisseur sowohl auf die familiären als auch auf die außenpolitischen Bindungen zum System: Der Sozialismus, so zeigt der legendenhaft überhöhte Film, kam in der Ausprägung des sowjetischen Stalinismus ins Land und wurde in dieser Form auch an die jüngere Generation - zu der auch Kipping gehörte - weitergegeben. Vielleicht bildete erst ein satirisch verzerrter Film wie Das Land hinter dem Regenbogen den endgültigen, unwiderruflichen Bruch: Unter die Tränen des Lachens mischten sich auch solche der Trauer über die verlorene Utopie.


Fußnoten

2.
Reinhild Steingröver, Narren und Clowns. Abschied von der DDR in zwei späten DEFA-Filmen, in: apropos: Film 2005. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung, Berlin 2005.