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25.10.2005 | Von:
Ralf Schenk

Die DDR im deutschen Film nach 1989

Am Abgrund

Auf der Suche nach markanten szenischen Motiven für eine Gesellschaft im Untergang stießen die Filmemacher der DEFA immer wieder auf stillgelegte Tagebaue. Nichts schien das Ende besser widerspiegeln zu können als die braunschwarzen, baumlosen künstlichen Gruben und Aufschüttungen in der Lausitz oder in der Gegend um Halle und Leipzig. Kipping nutzte diese Szenerie ebenso wie Carow oder wie Rolf Losansky, der in seinem Jugendfilm mit dem bezeichnenden Titel Abschiedsdisco (1990) den Zuschauer in einen verlassenen Ort am Rande der Braunkohle führte. Die künstlerisch bedeutendste Arbeit vor diesem Hintergrund inszenierte freilich Ulrich Weiß, einer der wichtigsten, vom Dokumentarfilm kommenden jüngeren Regisseure der DDR, der in den achtziger Jahren politisch beargwöhnt und bespitzelt und dem das Drehen weitgehend verweigert worden war.

Sein bislang letzter Spielfilm Miraculi (1991) umreißt die Legende eines jungen Mannes (Volker Ranisch), der nach einer verlorenen Wette und einem missglückten Einbruch zur Strafe Fahrkarten in der Straßenbahn kontrollieren muss und schließlich in eine Gemeinschaft am Rande der Stadt gerät, die sich auf ihren Wochenendgrundstücken vergnügt. Am Morgen nach einem abendlichen Fest ist plötzlich der See, an dem das Gelände liegt, spurlos verschwunden. Auf den Gesichtern der Figuren spiegeln sich blankes Entsetzen über die - im metaphorischen Sinne - ungewollte Vollendung der jüngsten Vergangenheit und Angst vor der Zukunft. Dabei handelt es sich bei ihnen nicht nur um blasse Angestellten-Typen, denen bloß noch das Parteiabzeichen am Jackettkragen fehlt; die Mehrzahl der Klagenden sind Künstler und Intellektuelle, die es sich mit all ihren Privilegien gemütlich gemacht hatten.

Über die schreienden, weinenden, die hilf- und sprachlosen Gestalten legte der Regisseur den Gesang tibetanischer Mönche, was in Verbindung zum Ende der DDR nur spöttisch gemeint sein konnte. In den Spott mischte sich aber auch Nachdenklichkeit und Trauer, ließ sich die Endzeit-Allegorie doch über die unmittelbare zeitbezogene Deutung hinaus auch als Warnung vor dem Ende der Zivilisation interpretieren, als Mahnung an eine Menschheit, die den Konsum und das ungebremste Ausbeuten der Natur über alle Vernunft stellt. Gerade diese Mehrdeutigkeit der Bilder macht Miraculi mit seinen grandiosen szenischen Tableaus zu einem bleibenden, wenn auch nicht leicht entschlüsselbaren Kunstwerk, das seiner Wiederentdeckung harrt.

Ein weiterer Film, der den Abgrund der Braunkohlentagebaue zur Metapher für die DDR machte, war Die Vergebung (1994) von Andreas Höntsch. Neben der Grube, auf einer grünen Wiese, feiert eine Familie Hochzeit, wobei zwischen drei Menschen, die sich unter den Feiernden befinden, eine Mauer aus Leid und Verzweiflung, Hass und Misstrauen steht. Da ist ein Lehrer (Sylvester Groth), der einst auf den Halden des Tagebaus Bäumchen pflanzte, deswegen von der Staatssicherheit verfolgt und aus dem DDR-Schuldienst entlassen wurde. Sein eigener Schwager (Erik Roßbander) arbeitete bei der Spitzelbehörde und glaubt auch nach dem Ende der DDR, immer nur seine Pflicht getan zu haben. Die Frau des Lehrers (Lena Stolze) erkennt zu spät, dass sie selbst ihren Mann unwissentlich an einen freundlich lächelnden Spitzel (Christian Steyer) verriet. Nach Roland Gräfs Tangospieler (1990) und Frank Beyers Der Verdacht (1991) war das ein weiterer Film eines ehemaligen DEFA-Regisseurs, der sich dem Thema und Trauma Staatssicherheit annahm.

Anders als seine älteren Kollegen bevorzugte Höntsch, dessen Kreativität bei der DEFA über viele Jahre unterdrückt worden war, allerdings nicht die kammerspielhafte Form, sondern inszenierte mit opernhafter Opulenz. Doch das Pathos und die penetrante Symbolik, einschließlich Judaskuss und einer verwesenden Möwe, an der die Maden nagen, trugen kaum zur Aufklärung über den Charakter der DDR, ihrer Mitläufer und -täter bei. Am Ende des Films erschlägt der kleine Sohn des Stasimannes die kleine Tochter des Umweltschützers: Schuld, die nicht aufgearbeitet wird, vererbt sich von Generation zu Generation. So konnte man das Finale lesen - das auf diese Weise doch nur in einem vagen pseudophilosophischen Allgemeinplatz gefangen blieb.