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25.10.2005 | Von:
Ralf Schenk

Die DDR im deutschen Film nach 1989

Stasi und Rotwein

In den Medien konzentrierte und reduzierte sich die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit über weite Strecken auf die Analyse des Wirkens der Staatssicherheit. Das trug dazu bei, die Masse der DDR-Bürgerinnen und -Bürger, die sich nicht in die Dienste dieses Ministeriums gestellt hatte und die man jetzt, in der Demokratie, unter anderem als Wahlvolk dringend brauchte, weitgehend zu entschulden. Damit zusammenhängend markierte die Stasi den - von einigen SED-Oberen abgesehen - alleinigen Sündenbock für Unfreiheit, Unterdrückung und Verbrechen in der DDR. Auch der deutsche Kinofilm griff immer wieder auf Spitzelfiguren zurück und nutzte sie für mehr oder weniger realistische Psychodramen, Krimis und auch Komödien wie Helden wie wir (1999): Darin suggeriert ein kleiner Stasispitzel, der sich die Welt schon immer nach seinem Gusto zurechtgelegt hat, er allein habe die Mauer geöffnet - ein heiter-abgründiges filmisches Pamphlet über die Ausblendung der Wirklichkeit, grotesk falsche Selbstbilder und Schizophrenie.

Die meisten anderen Filme suchten die Gefährlichkeit der Stasi vor allem dadurch zu belegen, dass deren Protagonisten möglichst brutal und hinterhältig vorgeführt wurden. Differenziert ausbalancierte Charaktere gab es unter ihnen so gut wie keine, Abziehbilder von Film-Bösewichtern dagegen mehr als genug. So besetzte Margarethe von Trotta die Stasi-Figur in ihrer Ost-West-Tragödie Das Versprechen (1995) mit Hark Bohm, der einen Bilderbuch-Schurken mit schneidender Stimme und zusammengekniffenen Augen ablieferte. Auch die Szene in einem DDR-Gefängnis, bei der ein Wachhabender den Satz "Nicht husten!" in die Zelle bellt, war eine von vielen Übertreibungen, die den gesamten Film, jedenfalls für "gelernte" DDR-Bürger, so falsch machten.

Das Versprechen erzählt eine Königskinder-Geschichte zwischen 1961 und 1989. Noch kurz nach dem Mauerbau flieht das Mädchen Sophie in den Westen; ihr Freund Konrad bleibt zurück. Im Laufe der Jahrzehnte sehen sich die beiden ein paar Mal wieder, doch stets bricht die große Weltpolitik, zum Beispiel der Einmarsch in die CSSR, in ihr kleines Menschenschicksal ein. Auch über die Figur des Stasi-Beamten hinaus inszenierte Margarethe von Trotta diesen weit gespannten Bilderbogen wie eine Sammlung bequemer Klischees. Die DDR erlebte ihre filmische Reinkarnation als ein dunkles, graues Land ohne Freude, in dem rund um die Uhr geknechtet und bespitzelt wurde. Folgerichtig tritt in den Szenen vom Mauerfall eine namenlose Ostdeutsche (Barbara Dittus) mit dem Satz auf, sie sei dreißig Jahre in einen Käfig gesperrt gewesen und nun nicht mehr imstande zu fliegen. Solche Sentenzen spiegelten nicht nur westliche Mitleidsgefühle, sondern unterschwellig auch ein Missbehagen über die neu in der Bundesrepublik angekommenen Deutschen, denen nun erst einmal das Fliegen, ergo das "richtige" Verhalten in Demokratie und Freiheit, beigebracht werden muss. Die Zeichnung der DDR und ihrer Bewohner geriet im Versprechen als "Projektionsfläche für allerlei Ängste und als negative Folie vorteilhafter Selbstwahrnehmung".[3]

In Silvana Abbrescia-Raths Wiederkehr (1994), einer spröderen, dialoglastigen Variation von Das Versprechen, lag die Sympathie der Regisseurin dagegen eindeutig auf ostdeutscher Seite: Nach dem Mauerfall begegnen sich hier eine ältere Dame (Dagmar von Thomas) und ein ebenso alter Herr (Christoph Engel), die sich einst - um 1961 - als Studenten liebten. Sie wohnte im Westen, er im Osten. Später etablierte sich der Mann in der DDR als Professor für Volkskunde mit dem Spezialfach sächsische Dachkonstruktionen des 17. Jahrhunderts; die Frau heiratete nach Paris. Mit der Broschüre "Ethnos und Demos" im Gepäck betritt sie nun östlichen Boden - ein Detail, das die Tonlage des ganzen Films beschreibt. Während der Mann erklärt, er sei inzwischen zu alt, "um zu lernen, wie man eine Colabüchse öffnet", erwidert sie: "Man sollte sowieso lieber Rotwein trinken." Rückblenden führen in die Jugendzeit, in der man sich wenigstens noch über das Verhalten der französischen Intellektuellen gegenüber dem Algerienkrieg stritt. Es gibt, so suggeriert der Film, auch nach dem Ende der deutschen Teilung keine Hoffnung für eine gemeinsame Zukunft dieses Paares. Vielleicht sah die Regisseurin ihre Figuren, den stillen, nachdenklichen Ostler und die kühle, sarkastische Westlerin, ja auch als Prototypen für die Intellektuellen auf beiden Seiten, deren künftiges Zueinanderfinden sie bezweifelte.

Aufschlussreich ist, dass DDR-Kinogeschichten nach 1990 oft von westdeutschen Regisseurinnen und Regisseuren erzählt wurden, die sich selbst einst als Linke verstanden und nun ihren endgültigen, radikalen Bruch mit der sozialistischen Ideologie filmisch zu manifestieren suchten. Dabei wirkte nicht nur Das Versprechen in den Details ungenau und grob. Auch Helma Sanders-Brahms interpretierte die DDR in Apfelbäume (1992) als ein Land ohne Lachen, in dem ein Umweltschützer sarkastische Sätze von sich gibt wie "Dreimal hoch unser antifaschistischer Schutzwall, der die Menschen in ihre Koben zwingt, bis sie schlachtreif sind", um sich dann doch zum Stasispitzel zwingen zu lassen. Wie Das Versprechen war auch Apfelbäume eine Liebes- und Dreiecksgeschichte, in der die Liebenden durch politische Umstände auseinander gerissen werden. Politische Umstände wurden über private Beziehungen erklärt, DDR-Geschichte entfaltete sich als Saga zerbrochener Familien.

Existentielle Zusammenstöße von Spitzeln und Bespitzelten nach der "Wende" bildeten das Sujet kammerspielhafter Filme wie Abschied von Agnes (1993) oder Der Blaue (1993). Während Lienhard Wawrzyns Der Blaue mit Manfred Krug als IM "Brandenburger" nur populistische Oberflächlichkeiten und einen ewig schwitzenden Führungsoffizier im Ruhestand (Klaus Manchen) zu bieten hatte, erwies sich Michael Gwisdeks Abschied von Agnes als partiell beängstigende Psychostudie über die Totalüberwachung eines Individuums und die staatlich sanktionierte Kontrolle seiner inneren Welten: Hier drang ein ehemaliger Staatssicherheitsoffizier (Sylvester Groth) in die Wohnung eines einsamen Witwers (Michael Gwisdek) ein, der sein Wissen um den Tod seiner Frau stets für sich behalten hatte.

Eher positiv überraschte schließlich auch Die Stille nach dem Schuß (2000), für den sich ein westdeutscher Regisseur (Volker Schlöndorff) und ein ostdeutscher Autor (Wolfgang Kohlhaase) zusammenfanden. Ihr Versuch, das Geschehen um ehemalige Mitglieder der terroristischen Rote-Armee-Fraktion zu durchleuchten, die in der DDR mit Billigung der Staatssicherheit und Erich Honeckers Unterschlupf gefunden hatten, geriet zu einer psychologisch reifen und auch szenisch sicheren Arbeit. Martin Wuttke in der Rolle eines Staatssicherheitsoffiziers gab diese Figur nicht einer vordergründigen Dämonisierung preis, sondern porträtierte sie als Rad im Getriebe einer zwanghaften Sicherheitsdoktrin, der seine Funktion mit tiefer innerer Überzeugung, später aber auch mit einigen Zweifeln ausübt. Das DDR-Bild orientierte sich sichtlich an der semidokumentarischen Genauigkeit früherer DEFA-Filme, ohne ins Klischee zu verfallen.


Fußnoten

3.
Richard Schröder, Was ist mit dem Osten los?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.8. 2005.