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25.10.2005 | Von:
Ralf Schenk

Die DDR im deutschen Film nach 1989

Die DDR als schöner Schein

In der Gunst des deutschen Publikums dominierten weniger die ernsthaften Versuche, DDR-Geschichte und die Folgen der DDR bis in die unmittelbare Gegenwart filmisch zu beschreiben. Eine herausragende Arbeit wie Andreas Kleinerts Wege in die Nacht (2000) wurde daher nur von einem eher kleinen Zuschauerkreis wahrgenommen. Mit der Figur eines ehemaligen Werkdirektors (Hilmar Thate), der nach der "Wende" mit seinem Statusverlust hadert, sich überflüssig fühlt und seinem Leben ein Ende setzt, gelang dem Regisseur das eindringliche Psychogramm einer ganzen Schicht von Ex-DDR-Bürgern, die längst nicht in der Bundesrepublik angekommen sind, vielleicht nie in ihr ankommen werden. Zu einer Schlüsselszene wurde die Begegnung des Mannes mit ehemaligen Genossen und Freunden während einer Party. Während Kleinert die Räume des Geschehens fast ganz ins Dunkel hüllt, lässt er die Männer fast flüsternd, im Ton einer Geheimgesellschaft, über ihre neuen Karriereschritte reden. Die Hauptfigur sieht darin allerdings nur opportunistisches Gehabe und ergreift die Flucht.

Wege in die Nacht gehörte zu jenen Filmen, die "Ostler als Verlierer präsentieren, egal in welch begrenzten sozialen Kreisen sie verkehren mögen. Fast ständig sind sie Ausgestoßene, die in der Isolation leben; sie haben keinen Platz in der Gesellschaft und keine großen Familien. Es scheint, als untergrabe die Einführung der Marktwirtschaft im Osten und die neue soziale Ordnung jeglichen Gemeinschaftssinn."[4] Genau das war in Abschied von Agnes zu erleben, aber auch in Burning Life (1994), in dem Peter Welz zwei auf Gerechtigkeit pochende Frauen (Anna Thalbach und Maria Schrader) auf der Flucht vor der bundesdeutschen Polizei zeigt, oder in Peter Kahanes Bis zum Horizont und weiter (1998), in dem ein arbeitsloser Kranführer (Wolfgang Stumph) eine Staatsanwältin (Corinna Harfouch) entführt und mit ihr in seinen stillgelegten Braunkohletagebau (ausgerechnet!) zurückkehrt.

Alle diese sozial intendierten Filme, die sich mit dem Verlorensein ehemaliger DDR-Bewohner in der neuen, westlichen Gesellschaft auseinandersetzen, stammen übrigens von ostdeutschen Regisseuren. Weitere Arbeiten, so von Jens Becker (Adamski, 1993), Helke Misselwitz (Engelchen, 1996) oder Andreas Dresen (Nachtgestalten, 2000), ließen sich anschließen.

Neben solchen ernsthaften Versuchen näherte sich der deutsche Nachwende-Film von Anfang an auch in Komödien und Lustspielen der DDR-Vergangenheit. Wolfgang Stumph durfte in Peter Timms Go Trabi go (1991) als einer der ersten DDR-Bürger die halbverfallenen Fabriklandschaften des Ostens (auch das ein immer wiederkehrendes Motiv) hinter sich lassen und mit seinem Trabant in Richtung Süden aufbrechen. Dieter Hallervorden verkörperte in Heiko Schiers Alles Lüge (1992) einen ostdeutschen Entertainer, dessen gewinnbringendste Idee ein DDR-Revival im Berliner Palast der Republik ist, einschließlich Pionierchören, Grenzpolizisten, Honecker-Bildern und bärbeißigen Zollbeamten. Auch in Peter Timms Der Zimmerspringbrunnen (2002) mutiert ein stiller, arbeitsloser Mann zum zeitweiligen "Wendegewinner", nachdem er seine Vertreter-Ware, eben jene Zimmerspringbrunnen, mit Ost-Berliner Fernsehturm und DDR-Hymne aufpeppt und auf großes Interesse von Leuten stößt, die sich an alte, vermeintlich beschaulichere Zeiten erinnern wollen. Schon 1992 hatte Vadim Glowna erkannt, womit sich DDR-Bürger am besten in die deutsche Einheit einbringen könnten: In seinem Film Der Brocken behauptete er augenzwinkernd, am Besten wäre es, das ganze Halbland zum Öko-Paradies mit entsprechender Vermarktungsstrategie für Lebensmittel und Urlaubsreisende umzubauen.

Die DDR als Traum, Refugium oder Fake - damit spielte nicht zuletzt der erfolgreichste "Wendefilm" überhaupt: Good bye, Lenin von Wolfgang Becker (2002). Sein bestechender Grundeinfall bestand darin, dass eine treue DDR-Bürgerin und Lehrerin vor dem Ende der Mauer ins Koma fällt und erst lange danach wieder erwacht. Um ihre Gesundheit zu stabilisieren, spielen ihr der eigene Sohn und einige Freunde das Weiterbestehen des realen Sozialismus vor. Zu den am besten erfundenen Szenen gehört eine gefälschte Ausgabe der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera, in der eine geläuterte DDR Gesicht und Gestalt bekommt: Der Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn, demokratisch gewählter Nachfolger von Staatschef Erich Honecker, postuliert Freiheit für alle, während die realen Bilder vom Mauerfall so umgedeutet werden, dass nunmehr Tausende Westdeutsche über den "antifaschistischen Schutzwall" in die DDR kämen, um hier, im nunmehr wahren Paradies der Werktätigen, zu leben.

Solche Szenen entbehrten besonders für ostdeutsch sozialisierte Zuschauer nicht einer gewissen Melancholie, entwarf der Film doch eine DDR, wie sie vor der "Wende" von vielen, nicht zuletzt von den Bürgerrechtlern, gewünscht und ersehnt worden war. In einer anderen Beziehung versagte aber auch Good bye, Lenin: Wolfgang Becker gestattete der von Katrin Sass gespielten weiblichen Hauptfigur letztlich nicht, aus ehrlicher Überzeugung an der sozialistischen Idee festgehalten zu haben. Auch ihre DDR-Treue, so offenbart der Film, war Lüge und Selbsttäuschung, denn nach der Westflucht ihres Mannes hatte sie zunächst ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, das Land zu verlassen. Mit einem solchen inhaltlichen Kunstgriff verkleinerte Becker die Dimension der Figur: Er ließ es nicht zu, dass sein Film - zum ersten Mal im deutschen Kino nach 1990! - eine ehrlich überzeugte Sozialistin zu einer Art positiver Heldin machte. Vielleicht trug der Knick in ihrer Biografie dazu bei, den Film kompatibler für ein Westpublikum zu machen. Eine Anpassung an den Zeitgeist, der ein Festhalten an der Utopie einer gerechten Gesellschaft ausschließlich als rückwärtsgewandt aburteilt, war dieser Kunstgriff in jedem Fall.

Dass das deutsche Kino auch anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung vielfältige Stoffe aus vierzig Jahren DDR-Geschichte filtert und weiterhin filtern wird, ist angesichts der Herbst- und Winterpremieren 2005/06 gewiss: Nach der Militärgroteske NVA, mit der sich Thomas Brussig und Leander Haussmann noch einmal lachend von der Vergangenheit verabschieden, legt Florian Henckel von Donnersmark mit Das Leben der Anderen einen weiteren Stasi-Film vor. Die Hauptfiguren sind Künstler der Ost-Berliner Theaterszene in den achtziger Jahren, die sich zwischen Anpassung, innerer Emigration, Westflucht und Suizid bewegen. Dominik Graf porträtiert in Der rote Kakadu nach einem Buch von Michael Klier junge Jazzfans in Dresden im Jahr des Mauerbaus 1961 und ihren Zusammenprall mit der Staatsmacht. Weitere Filmfabeln über das Leben in der DDR befinden sich im Entwicklungsstadium. Es bleibt zu wünschen, dass es ihnen gelingt, differenziert und gerecht über Menschen zu erzählen, die in Aufstieg, Stabilisierung und Verfall jenes Halb-Landes integriert waren, in dessen Mauern nicht nur Konflikte zwischen Gut und Böse ausgetragen wurden, sondern Individuen mit ihren Zweifeln und Kümmernissen, mit großen und kleinen Glücksmomenten lebten. Filmische Abbilder der DDR, die weniger auf Äußerlichkeiten und Klischees zurückgreifen, sondern innere Prozesse des Landes und seiner Bewohner subtil rekonstruieren, haben weiterhin Seltenheitswert.


Fußnoten

4.
Leonie Naughton, Wiedervereinigung als Siegergeschichte. Beobachtungen einer Australierin, in: apropos: Film 2000. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung, Berlin 2000.