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Rechtsextreme "Argumentationsmuster"


13.10.2005
Um die jeweils unterschiedlichen Mobilisierungschancen rechtsextremer Potenziale einzuschätzen, bedarf es einer genaueren Analyse ihrer Kommunikationsformen, als welche sich vor allem politische Mythen und Symbole erweisen.

Einleitung



Unter den erleichterten Kommentaren zum gescheiterten Versuch der Rechtsextremen, ausgerechnet den 8. Mai 2005, den 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, zur Demonstration ihrer vermeintlichen Stärke zu nutzen, findet sich der Bericht eines Augenzeugen, der die Situation auf dem Berliner Alexanderplatz wie folgt schildert: "Das Bild, das sie abgaben, ein Nukleus von zumeist sehr jungen Radikalen, bewacht von den erwachsenen Massen der Demokratie, hat dennoch etwas Bedrückendes. Es leiht dem rechten Denken eine Sprengkraft, die es eigentlich nicht hat, es drückt den harten Kern noch fester zusammen und schenkt ihm so eine Aura des Besonderen, Nonkonformistischen, gar Unverletzlichen. Für künftige Gedenktage sollte man sich auch eine andere Symbolik der Ausgrenzung überlegen. Die rechten Gruppen dürfen nicht konzentriert werden; man muss sie sich zerstreuen lassen, weil ihr öffentlicher Auftritt in Wahrheit das einzige ist, was sie am Leben hält. Wenn ihre Marschformationen, Bünde, Fraktionen ihre Form verlieren, zergeht auch der ganze ideologische Spuk in Nichts."[1]




Der Autor, der damit Wasser in den Wein allseitiger Befriedigung über den gewaltlosen Ausgang des Unternehmens gießt, ist nicht zufällig ein Filmkritiker, der weiß, welche Steilvorlage die telegene Symbolik Jugendliche (= Neonazis) gegen Erwachsene (= friedliebende Demokraten) bieten mochte, zumindest für jene "getreuen Kameraden" des "nationalen Widerstands", die mit dem Ruf "Wir kommen wieder!" den Abzug begleiteten. Der Autor behauptet zugleich, das vom Fernsehen inszenierte Ereignis habe "dem rechten Denken eine Sprengkraft" verliehen, "die es eigentlich nicht hat", eine Aura, die dem insgesamt ziemlich tristen rechtsextremen Milieu nur dort zukomme, wo es, von außen bedrängt, sich just so fühlen kann, wie es seinem Weltbild seit je entspricht: Feinde ringsum, man selbst aber inmitten einer verschworenen Gemeinschaft von vaterlandstreuen "Märtyrern", die sich im Glanz ihrer Entschiedenheit sonnen dürfen. Dies freilich nur vermittels jener bild- und symbolträchtigen Form, die das Medium - gewiss ungewollt - dem Spektakel bietet. Als je Einzelne, man weiß es längst, erscheinen die strammen Marschierer oft eher als die "netten Jungs von nebenan". In der Kolonne jedoch, finster uniformiert, haben sie Teil an einem erhebenden "Größen-Wir", jenem Delirium nicht unähnlich, das Massen von so genannten Fans nahezu allwöchentlich beim Fußball zu befallen scheint.[2]



Fußnoten

1.
Andreas Kilb, Ungezwungen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 9.5. 2005, S. 41.
2.
Auffällig häufig werden in jüngster Zeit Rassismus und Rechtsextremismus in Fußballstadien Osteuropas, Italiens, Spaniens sowie an zahlreichen Spielorten in Deutschland beobachtet. Vgl. z.B. den Bericht von Arno Stoffels, Schleichende Bedrohung auf den Rängen, in: Nürnberger Nachrichten vom 24.6. 2005, S. 3.