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6.10.2005 | Von:
Jan W. van Deth

Kinder und Politik - Essay

Alles ist Sozialisation

Politische Sozialisation umfasst alle Lernprozesse, bei denen politische Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen auf die Bürgerinnen und Bürger übertragen werden. Diese Prozesse sind nicht auf bestimmte Erfahrungen, Umstände oder Altersgruppen beschränkt. Außerdem können Lernprozesse bewusst oder unbewusst stattfinden, beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein.

Eine derartige Konzeptualisierung entspricht der Tatsache, dass jede Situation zu jedem Zeitpunkt als "politisch" verstanden werden kann. Menschen verarbeiten während ihres ganzen Lebens Erfahrungen, und somit findet politische Sozialisation überall und immer statt. Kein Thema hat sich daher innerhalb der Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten so uferlos ausgedehnt wie das der Sozialisation. Trotzdem - oder wahrscheinlich deswegen - hat diese Forschung keinen hohen Stellenwert. Ideologische Konflikte und mangelhafte disziplinäre und thematische Fokussierungen verhindern bis heute einen kumulativen Aufbau von Erkenntnissen. Was bleibt, sind interessante, aber fragmentierte Beiträge über den Einfluss verschiedener "Sozialisationsinstanzen" - Familie, Schule, "Peer Groups" (Gleichtaltrigengruppen), Medien usw. - und überzogene Erwartungen bezüglich der Möglichkeiten, mit gezielten Maßnahmen Lernprozesse zu beeinflussen. Zur gleichen Zeit wird für die Lösung mancher sozialen Probleme immer häufiger auf die Notwendigkeit der Vermittlung und Aneignung von "Werten und Normen" hingewiesen. Eine Besinnung auf die ursprünglichen Ansprüche der politischen Sozialisationsforschung und eine klare Abgrenzung der Thematik können das halb gestrandete Schiff vielleicht wieder flott machen.