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6.10.2005 | Von:
Jan W. van Deth

Kinder und Politik - Essay

Begeisterung und Ernüchterung

Eine erste Abgrenzung der Thematik entsteht durch die Hervorhebung des Politischen. Bernhard Claußen schlägt vor, dem Begriff "politische Sozialisation" alle Lernprozesse, welche mit Macht und Herrschaft oder mit öffentlichen Angelegenheiten zu tun haben, vorzubehalten. Für alle anderen Lernprozesse soll dann der Begriff "politisch relevante Sozialisation" benutzt werden. Zwar betont man auf diese Weise die politischen Aspekte des Begriffes, aber die zugrunde liegenden Lernprozesse als solche werden nicht spezifiziert.

Traditionell beschäftigte sich die politische Sozialisation mit Lernprozessen während der Kindheit. Die Gründe dafür sind einfach nachvollziehbar und bereits von Wissenschaftlern wie Herbert Hyman, David Easton und Fred Greenstein vor etwa vier Jahrzehnten systematisch aufgezeichnet worden. Zunächst wurden dabei entwicklungspsychologische Ansätze genutzt, welche die Kindheit allgemein als eine Lernphase auf dem Weg zum Erwachsenwerden betrachten. Ähnlich wie das Lesen müssen Kinder lernen, sich mit Machtprozessen und dem öffentlichen Leben auseinander zu setzen. Allerdings zeigte bereits die frühe empirische Sozialisationsforschung, dass Kinder auch in politischer Hinsicht nicht als "unbeschriebene Blätter" zu betrachten sind. Schon in jungen Jahren nehmen sie Aspekte der Verteilung von Macht und Ressourcen in einer Gesellschaft wahr und verfügen über affektive Bindungen mit dem politischen System.

Basierend auf Psychologen wie Jean Piaget wurde allzu gerne angenommen, dass die kognitive und die moralische Entwicklung jedes Menschen mehrere Stufen durchlaufen. Insbesondere während der Adoleszenz ist die Sozialisation entscheidend für die Frage, wie individuelle Autonomie und ein sozial-moralisches Bewusstsein miteinander verknüpft sind. Die Betonung der frühen Lebensphasen führte fast unvermeidlich zur Anerkennung der Familie als der weitaus wichtigsten Sozialisationsinstanz. Obwohl politische Sozialisation als lebenslanges Lernen verstanden wurde und viele "Instanzen" eine Rolle spielen, grenzte die Fokussierung auf Kinder und Familien die Thematik ein.

Die Betonung von Kindheit und familiärer Umgebung hatte anfangs eine Welle neuer Projekte zur Folge. Dennoch wurde der ursprüngliche Optimismus allmählich durch Skepsis und Kritik ersetzt. Die Debatten konzentrierten sich auf zwei Thesen: Die Kristallisationsthese besagt, dass früh erworbene Einstellungen und Kompetenzen stärker prägend sind als später erworbene. Die Persistenzthese geht noch einen Schritt weiter und besagt, dass Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen von Kindern und Jugendlichen bestimmend sind für ihre Einstellungen als Erwachsene. Selbstverständlich sind beide Thesen als nichtdeterministische Aussagen zu betrachten: Menschen reagieren auf neue Bedingungen und Herausforderungen, und die meisten sind sehr wohl in der Lage, Initiativen zu ergreifen und Einfluss auf ihre Umgebung zu nehmen. Beide Thesen betonen jedoch die Relevanz früher politischer Sozialisation.

Die beiden Thesen bieten eine sehr plausible Grundlage für jede Betrachtung über politische Sozialisation. Was man jung lernt, wird später angewandt, und was später gemacht wird, hängt von früheren Erfahrungen ab. Leider unterliegt diese Betrachtungsweise einer klaren Beschränkung: Eine überzeugende empirische Untermauerung politischer Lernprozesse fehlt bis heute. Auf die ursprüngliche Begeisterung für die politische Sozialisation junger Kinder folgte Ende der siebziger Jahre eine Ernüchterung, welche bis heute die weitere Entwicklung der Sozialisationsforschung beeinträchtigt. Die Untersuchung des politischen Lernens junger Kinder kam fast völlig zum Erliegen. Zurückblickend stellen Pamela Conover und Donald Searing fest: "Political socialisation has lost its children, lost its identity, lost its theoretical rationale, and lost its following in the profession."[1]


Fußnoten

1.
Pamela Johnston Conover/Donald D. Searing, Democracy, Citizenship and the Study of Political Socialisation, in: Ian Budge/David McKay (Hrsg.), Developing Democracy, London 1994.