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6.10.2005 | Von:
Jan W. van Deth

Kinder und Politik - Essay

Da die Kindheit heute anders als früher verläuft und die Familie an Bedeutung verloren hat, ist eine erneute Aufmerksamkeit für politische Sozialisation erforderlich. Dabei werden Kinder als junge Bürgerinnen und Bürger betrachtet.

Einleitung

Wie hätten Sie es denn gerne? Wie soll eine gute Bürgerin oder ein guter Bürger bitte aussehen? Natürlich beteiligt sich ein guter Bürger am sozialen und politischen Leben. Er bevorzugt nachhaltige Entwicklungen und verhält sich gegenüber den Mitbürgern, der Gemeinschaft und der Umwelt verantwortungsvoll. Der gute Bürger unterstützt die Menschenrechte uneingeschränkt und steht anderen Kulturen und Bräuchen offen und tolerant gegenüber. Dabei werden auch Differenzen zwischen den Geschlechtern thematisiert. Der gute Bürger oder die gute Bürgerin wird in all diesen Angelegenheiten von einem klaren Verständnis der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse (inklusive ihrer historischen Wurzeln) geleitet und ist deswegen auch in der Lage, das Angebot der Medien kritisch zu nutzen, statt es bloß zu rezipieren. Seine Haltungen sind nicht engstirnig und seine Meinungen nicht oberflächlich, sondern basieren auf internalisierten moralischen Überzeugungen bezüglich des Gemeinwohls und der Verantwortung des Einzelnen.






Gibt es solche Bürgerinnen und Bürger? Menschen, die derartigen Anforderungen entsprechen, sind eine seltene Gattung. Am ehesten finden wir sie in Zielsetzungen von Projekten und Programmen, welche sich auf die Erziehung, Bildung und Entwicklung von Bürgern richten. Seit Platon geht man davon aus, dass die Lebensfähigkeit eines politischen Systems maßgeblich von den Einstellungen der Menschen abhängig ist. Diese These ist - fast per definitionem - für Demokratien relevant. Nur wenn Bürger die demokratischen Spielregeln akzeptieren und sich politisch beteiligen, ist ein System demokratisch. Und nur wenn Menschen sich engagieren, können sie sich entfalten und sich von Untertanen in Bürger verwandeln. Die Frage ist nicht, ob Demokratie und engagierte Bürger einander brauchen - die Frage ist ausschließlich, über welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen diese verfügen sollten, damit sie sich entfalten können und die Demokratie funktionieren kann.

Lernprozesse, innerhalb derer politische Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen vermittelt werden, oder innerhalb derer die Bürger sich diese Merkmale aneignen, fasst man unter dem Begriff politische Sozialisation zusammen. Politische Sozialisation hat somit eine doppelte Bedeutung: Einerseits geht es dabei um die Einführung in oder das Zugänglichmachen von Politik; andererseits aber auch um die Unterdrückung bestimmter Einstellungen zugunsten von politisch stärker erwünschten Merkmalen. Auf der Basis derartiger Lernprozesse bestimmen und legitimieren Bürgerinnen und Bürger ihr politisches Verhalten. Diese Einstellungen bilden eine politische Kultur, sind aber zur gleichen Zeit Grundlage dieser. Die paradoxen Aspekte der Situation sind offensichtlich: Wie entsteht überhaupt sozialer und politischer Wandel, wenn die Einstellungen der Bürger auf das existierende politische System abgestimmt sind? Ist politische Sozialisation nicht direkt abhängig von den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen und deswegen unvermeidlich am Status quo orientiert? Der langen Liste der Anforderungen an die Bürgerinnen und Bürger wird noch eine kaum zu bewältigende Aufgabe hinzugefügt: Sie sollen die Demokratie ermöglichen und schützen, sie aber zur gleichen Zeit auch wandeln und weiterentwickeln.

Alles ist Sozialisation

Politische Sozialisation umfasst alle Lernprozesse, bei denen politische Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen auf die Bürgerinnen und Bürger übertragen werden. Diese Prozesse sind nicht auf bestimmte Erfahrungen, Umstände oder Altersgruppen beschränkt. Außerdem können Lernprozesse bewusst oder unbewusst stattfinden, beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein.

Eine derartige Konzeptualisierung entspricht der Tatsache, dass jede Situation zu jedem Zeitpunkt als "politisch" verstanden werden kann. Menschen verarbeiten während ihres ganzen Lebens Erfahrungen, und somit findet politische Sozialisation überall und immer statt. Kein Thema hat sich daher innerhalb der Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten so uferlos ausgedehnt wie das der Sozialisation. Trotzdem - oder wahrscheinlich deswegen - hat diese Forschung keinen hohen Stellenwert. Ideologische Konflikte und mangelhafte disziplinäre und thematische Fokussierungen verhindern bis heute einen kumulativen Aufbau von Erkenntnissen. Was bleibt, sind interessante, aber fragmentierte Beiträge über den Einfluss verschiedener "Sozialisationsinstanzen" - Familie, Schule, "Peer Groups" (Gleichtaltrigengruppen), Medien usw. - und überzogene Erwartungen bezüglich der Möglichkeiten, mit gezielten Maßnahmen Lernprozesse zu beeinflussen. Zur gleichen Zeit wird für die Lösung mancher sozialen Probleme immer häufiger auf die Notwendigkeit der Vermittlung und Aneignung von "Werten und Normen" hingewiesen. Eine Besinnung auf die ursprünglichen Ansprüche der politischen Sozialisationsforschung und eine klare Abgrenzung der Thematik können das halb gestrandete Schiff vielleicht wieder flott machen.

Begeisterung und Ernüchterung

Eine erste Abgrenzung der Thematik entsteht durch die Hervorhebung des Politischen. Bernhard Claußen schlägt vor, dem Begriff "politische Sozialisation" alle Lernprozesse, welche mit Macht und Herrschaft oder mit öffentlichen Angelegenheiten zu tun haben, vorzubehalten. Für alle anderen Lernprozesse soll dann der Begriff "politisch relevante Sozialisation" benutzt werden. Zwar betont man auf diese Weise die politischen Aspekte des Begriffes, aber die zugrunde liegenden Lernprozesse als solche werden nicht spezifiziert.

Traditionell beschäftigte sich die politische Sozialisation mit Lernprozessen während der Kindheit. Die Gründe dafür sind einfach nachvollziehbar und bereits von Wissenschaftlern wie Herbert Hyman, David Easton und Fred Greenstein vor etwa vier Jahrzehnten systematisch aufgezeichnet worden. Zunächst wurden dabei entwicklungspsychologische Ansätze genutzt, welche die Kindheit allgemein als eine Lernphase auf dem Weg zum Erwachsenwerden betrachten. Ähnlich wie das Lesen müssen Kinder lernen, sich mit Machtprozessen und dem öffentlichen Leben auseinander zu setzen. Allerdings zeigte bereits die frühe empirische Sozialisationsforschung, dass Kinder auch in politischer Hinsicht nicht als "unbeschriebene Blätter" zu betrachten sind. Schon in jungen Jahren nehmen sie Aspekte der Verteilung von Macht und Ressourcen in einer Gesellschaft wahr und verfügen über affektive Bindungen mit dem politischen System.

Basierend auf Psychologen wie Jean Piaget wurde allzu gerne angenommen, dass die kognitive und die moralische Entwicklung jedes Menschen mehrere Stufen durchlaufen. Insbesondere während der Adoleszenz ist die Sozialisation entscheidend für die Frage, wie individuelle Autonomie und ein sozial-moralisches Bewusstsein miteinander verknüpft sind. Die Betonung der frühen Lebensphasen führte fast unvermeidlich zur Anerkennung der Familie als der weitaus wichtigsten Sozialisationsinstanz. Obwohl politische Sozialisation als lebenslanges Lernen verstanden wurde und viele "Instanzen" eine Rolle spielen, grenzte die Fokussierung auf Kinder und Familien die Thematik ein.

Die Betonung von Kindheit und familiärer Umgebung hatte anfangs eine Welle neuer Projekte zur Folge. Dennoch wurde der ursprüngliche Optimismus allmählich durch Skepsis und Kritik ersetzt. Die Debatten konzentrierten sich auf zwei Thesen: Die Kristallisationsthese besagt, dass früh erworbene Einstellungen und Kompetenzen stärker prägend sind als später erworbene. Die Persistenzthese geht noch einen Schritt weiter und besagt, dass Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen von Kindern und Jugendlichen bestimmend sind für ihre Einstellungen als Erwachsene. Selbstverständlich sind beide Thesen als nichtdeterministische Aussagen zu betrachten: Menschen reagieren auf neue Bedingungen und Herausforderungen, und die meisten sind sehr wohl in der Lage, Initiativen zu ergreifen und Einfluss auf ihre Umgebung zu nehmen. Beide Thesen betonen jedoch die Relevanz früher politischer Sozialisation.

Die beiden Thesen bieten eine sehr plausible Grundlage für jede Betrachtung über politische Sozialisation. Was man jung lernt, wird später angewandt, und was später gemacht wird, hängt von früheren Erfahrungen ab. Leider unterliegt diese Betrachtungsweise einer klaren Beschränkung: Eine überzeugende empirische Untermauerung politischer Lernprozesse fehlt bis heute. Auf die ursprüngliche Begeisterung für die politische Sozialisation junger Kinder folgte Ende der siebziger Jahre eine Ernüchterung, welche bis heute die weitere Entwicklung der Sozialisationsforschung beeinträchtigt. Die Untersuchung des politischen Lernens junger Kinder kam fast völlig zum Erliegen. Zurückblickend stellen Pamela Conover und Donald Searing fest: "Political socialisation has lost its children, lost its identity, lost its theoretical rationale, and lost its following in the profession."[1]

Jugend und Kinder

Die Entwicklung der politischen Sozialisationsforschung in den letzten Jahrzehnten war nicht nur von Stagnation und Frustration gekennzeichnet. Es folgte eine Verschiebung der Forschungsinteressen weg von Kindern und hin zur Betrachtung der Einstellungen und des Verhaltens während der Jugend- und frühen Erwachsenenzeit. Auch in Deutschland bilden diese Gruppen heute die wichtigsten Objekte der Sozialisationsforschung. Nach der Vereinigung Deuschlands war eine regelrechte Welle von Studien zu verzeichnen, welche sich unter anderem mit rechtsradikalen Tendenzen, Ausländerfeindlichkeit, Gewalt und Gewaltbereitschaft, Devianz und Delinquenz Jugendlicher, besonders in den ostdeutschen Bundesländern und im Ost-West-Vergleich, beschäftigten.

Die Fokussierung auf Jugendliche und ihre Probleme ist für bestimmte Themen sicherlich berechtigt. Trotzdem kann man sich fragen, ob nicht mit der Vernachlässigung junger Kinder Chancen verschenkt worden sind. Die Welt - auch die Kinderwelt - sieht heute nicht mehr so aus wie vor 30 oder 40 Jahren, und eine erneute Aufmerksamkeit für die politische Sozialisation junger Kinder erscheint dringender denn je.

Erstens zeigen die veränderten physischen (vorgezogene Pubertät), aber auch die psychischen Entwicklungen der Kinder, dass die Kindheit nicht mehr nach den gleichen Mustern wie früher verläuft. Außerdem führen gesellschaftliche Differenzierung und Pluralisierung auch zu einer starken Differenzierung und Pluralisierung von Kindheit, Erziehung und Bildung. Es hat einen "Strukturwandel" oder eine "Entstrukturierung" der Jugendphase stattgefunden oder sogar eine "Liquidation of Childhood". Daher geht politische Sozialisation für Kinder heute mit ganz anderen Lernprozessen einher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Mit diesem Wandel hängt ein zweiter Faktor zusammen. In einer Welt, in der Medien und Werbung allgegenwärtig sind, gibt es auch für Kinder kaum noch "Free Spaces", an denen sie sich diesen Einflüssen entziehen können. Politische Sozialisation junger Kinder findet deshalb in einem ganz anderen gesellschaftlichen und politischen Umfeld statt, als es die Forscher in den sechziger Jahren antrafen. Insbesondere lassen sich die medialen und kommerziellen Einflüsse auf die Kinder nicht mehr vernachlässigen. Ein dritter Faktor betrifft die Position der Familie als dominante Sozialisationsinstanz. Die zweifellos herausragende Bedeutung familiärer Einflüsse ist zwar auch schon in der Vergangenheit kritisch betrachtet worden, aber inzwischen wachsen immer mehr Kinder in "Patch-Work"-Familien und damit unter erheblich veränderten Bedingungen auf. Die primäre Welt vieler Kinder hat sich gravierend verändert. Allerdings ist nicht klar, welche Sozialisationsinstanzen auf Kosten der Familie an Bedeutung gewonnen haben.

Aufsehen erregende Publikationen wie die von Judith Harris sprechen sowohl der Familie als auch der Schule den Anspruch auf eine dominante Position ab. Es wird festgestellt, dass stattdessen "Peer Groups" eine maßgebliche Rolle spielen. Für die politische Sozialisation junger Kinder bedeutet das, dass mehrere Sozialisationsinstanzen das relativ einfache Modell der familiären Dominanz ersetzt haben.

Die drei erwähnten Faktoren unterstreichen die Notwendigkeit, die politische Sozialisation junger Kinder neu zu überdenken. Neben sozialwissenschaftlichen und sozialisationstheoretischen Überlegungen für diese Erneuerung ist auch auf klare gesellschaftliche und politische Veränderungen hinzuweisen. Frühere Studien beschäftigten sich mit Kindern, weil man diese als zukünftige Bürgerinnen und Bürger betrachtete, welche die zukünftige Gesellschaft demokratisch gestalten sollten und somit ihre Interessen erst in der Zukunft zu vertreten hatten. Kinder können aber auch als junge Bürger der derzeitigen Gesellschaft mit klaren Interessen an derzeitiger Beteiligung betrachtet werden. Mit anderen Worten: Kinder sind keine "kleinen Bürger in Ausbildung", sondern vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Dementsprechend fordert die UNO-Kinderrechtskonvention die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen. Ein derartiges Recht wird unter anderem auch von der Europäischen Union, dem Land Schleswig-Holstein oder der Stadt Aalen gefordert. Initiativen wie die "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen" bemühen sich um das Wahlrecht für Kinder und Jugendliche. Somit bilden demokratische Einstellungen und politisches Verhalten von Kindern eigenständige Aspekte der demokratischen Gesellschaft. Deren Betrachtung erfordert weder entwicklungspsychologische noch demokratietheoretische Begründungen.

Kinder und Demokratie

Wie sollten denn bitte gute Bürger aussehen? Eine gute Bürgerin oder ein guter Bürger ist sicherlich auch jemand, der oder die bereits in der Kindheit ernst genommen worden ist und über das demokratische Recht auf Mitbestimmung verfügt. Die Ergebnisse neuerer Forschungsprojekte bestätigen, dass junge Kinder sehr wohl in der Lage sind, sich sinnvoll mit politischen Themen zu beschäftigen. So stellen Marina Berton und Julia Schäfer auf Grund umfangreicher Interviews mit sechsjährigen Kindern fest, dass Kinder "... grundsätzlich über ein gewisses politisches (Vor)verständnis, Grundorientierungen und Wissen verfügen. Sie können mit politischen Inhalten umgehen, sind politisch involviert und interessiert."[2]

Inwieweit diese Einstellungen auch später den guten Bürger kennzeichnen werden, ist fraglich. Klar ist, dass politische Einstellungen bereits bei jungen Kindern vorhanden sind und viele Kinder schon beim Eintritt in die Grundschule politische Themen und Objekte zuordnen können. Die Frage, wie und wann diese offensichtlich früh vorhandenen politischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen sich wandeln, stellt nach wie vor eine der wichtigsten Herausforderungen der politischen Sozialisationsforschung dar. Insbesondere ist dabei auch eine Verknüpfung mit den Ergebnissen der Jugendforschung von großer Bedeutung. Das häufig präsentierte Bild von politisch und gesellschaftlich eher distanzierten Jugendlichen lässt sich nicht ohne weiteres mit dem durchaus positiven Bild der Einstellungen junger Kinder verbinden. Somit sind nicht nur die Lernprozesse während der Adoleszenz für die politische Sozialisation der Bürgerinnen und Bürger relevant, sondern darüber hinaus auch das, was zwischen den frühen und späteren Phasen der Kindheit passiert.

Letztendlich ist eine Demokratie nur dann lebensfähig, wenn sie von informierten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern mitgestaltet wird. Allerdings sollte man hier nicht die übertriebenen Zielsetzungen einiger politischer Bildungs- und Erziehungsprojekte zum Maßstab nehmen, sondern sich an den demokratischen Einstellungen und dem politischen Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in der heutigen Gesellschaft orientieren. Insbesondere für die politische Sozialisation gilt die alte Redensart: "Man kann seine Kinder noch so gut erziehen, sie machen einem doch alles nach."

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Fußnoten

1.
Pamela Johnston Conover/Donald D. Searing, Democracy, Citizenship and the Study of Political Socialisation, in: Ian Budge/David McKay (Hrsg.), Developing Democracy, London 1994.
2.
Marina Berton/Julia Schäfer, Politische Orientierungen von Grundschulkindern, Mannheim 2005. Arbeitspapier 86 des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung, online unter: www.mzes.uni-mannheim.de/fs_publikationen_d.html.