Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Friedrich von Borries

Design formt Gesellschaft - Essay

Ich sitze am Schreibtisch und bin müde. Der Tag war lang, die Nacht zuvor haben die Kinder schlecht geschlafen und ich deshalb auch. Nun sind sie wieder im Bett. Endlich Zeit zum Arbeiten. Ganz oben auf meiner To-do-Liste steht dieser Text über das Bauhaus und die Frage, ob Gestaltung Gesellschaft verändern kann – und der Esstisch, der noch nicht abgedeckt ist. Wie lässt sich die Fallhöhe zwischen dem historischen Bauhaus, dem Gesellschaftsdesign und dem dreckigen Geschirr aushalten? Oder anders gefragt: Warum soll man sich mit dem Bauhaus beschäftigen, wenn noch so viel anderes zu tun ist? Und ist für das, was heute zu tun ist, ein Blick auf das Bauhaus sinnvoll?

Das historische Bauhaus stand, verkürzt ausgedrückt, vor der Frage, mit welchen neuen, unkonventionellen Gestaltungsansätzen die in seiner Zeit virulenten Probleme industrieller Produktion gelöst und eine moderne Kultur und gerechte Gesellschaft erschaffen werden könne. Es ging also darum, wie man Gestaltung so weiterentwickelt, dass sie nicht mehr bürgerliche oder gar aristokratische Repräsentationswünsche erfüllt, sondern den Idealen und der Verfasstheit der entstehenden demokratischen Gesellschaft einen Ausdruck verleiht. Oder besser noch: wie man deren hehre Ideale und Vorstellungen in gelebte Wirklichkeit und materielle Kultur übersetzt. Dazu gehörten der Wohnungsbau, aber auch Gegenstände des täglichen Bedarfes. Etwa die berühmten Möbel wie der Freischwinger, auf dem man nicht sitzt wie auf einem Thron, sondern, wie der Name schon sagt, frei schwingt; etwas unsicher vielleicht, immer in Bewegung – aber dafür auch frei. Der Versuch, die moderne Industrieproduktion zu reformieren und der modernen Gesellschaft mittels der neuen Gestaltung einen eigenen ästhetischen Ausdruck zu verleihen, schlug sich auch im Umgang mit Form und Materialität nieder. Die Bauhäusler nutzten moderne Materialien und Technologien: Beton, Stahl und Glas boten neue Möglichkeiten. Es entstanden einfache, minimalistische Formen, auf überflüssigen Dekor wurde verzichtet.

Heute stehen wir vor dem Scherbenhaufen der weltweiten Modernisierung, die es weder geschafft hat, im globalen Maßstab die Deckung eines Mindestbedarfes (Versorgung mit Wohnraum, Bildung, Gesundheit) zu gewährleisten, noch eine gerechte Gesellschaft zu bauen. Im Gegenteil: Die Moderne hat eine Spur der ökologischen und psychosozialen Zerstörung gelegt und die globale Ungerechtigkeit verstärkt, an der die zukünftigen Generationen sich werden abarbeiten müssen. Gleichzeitig haben sich die technologischen Möglichkeiten weiter entwickelt, als man vor 100 Jahren ahnen konnte oder träumen wollte. Mit künstlicher Intelligenz, synthetischer Biologie, Nanocomputing und Neuroengineering stellt sich die Frage nach dem "neuen Menschen" in einer ganz anderen Weise, als es sich die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts vorstellten. Das alles führt dazu, dass wir heute – vergleichbar, aber eben doch ganz anders als vor einem Jahrhundert – die Begriffe "Design" und "Gestaltung" radikal neu denken müssen. Im Folgenden werde ich dazu einen Vorschlag skizzieren.

Um welche Gestaltung geht es?

Überlebensdesign
Um das bedrückende, ja erdrückende Erbe der Moderne – die industrielle, weltzerstörende Massenproduktion und die naturvergessene Wachstumslogik – zu bewältigen, steht Design heute vor einer grundsätzlichen Aufgabe: Es gilt, das Überleben der Menschheit zu sichern. Diese Überlebenssicherung setzt beim Kampf gegen die Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen an, die unsere Gesellschaft nach wie vor betreibt. Plastikmüll, Klimawandel, Überfischung – die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Designer der Gegenwart müssen die Ausrüstungsgegenstände für einen Lebensstil entwickeln, der eben nicht die eigenen Lebensgrundlagen zerstört, sondern sie zumindest erhält – und gleichzeitig diesen neuen Lebensstil begehrlich, attraktiv, lebenswert erscheinen lässt.

Sicherheitsdesign
Während beim Überlebensdesign gesellschaftlich ein ziemlich großer Konsens zu herrschen scheint – wenngleich zu diesem Konsens gehört, sich den Konsequenzen aus den von einer großen Mehrheit unbestrittenen Erkenntnissen zu verweigern –, herrscht über die Frage, was "Sicherheit" ist und wie diese zu erreichen sei, große Uneinigkeit. Das Spektrum der – klassischen, weil materiellen – Designaufgaben reicht vom Bau von Mauern (seien sie nun an der Grenze zwischen Mexiko und den USA oder an den Grenzen der EU) oder Pollern (in Fußgängerzonen, vor Botschaften und Weihnachtsmärkten) bis hin zur Gestaltung von Auffanglagern und Flüchtlingsunterkünften. Weniger dinglich – und damit schwerer zu fassen – ist die Gestaltung unsichtbarer Formen der gegenwärtigen "Sicherheitskonstruktion"; die subtilen Formen der Überwachung – von Videoüberwachung, Payback-Karte bis Smartphone. Die als Serviceleistung bemäntelte Überwachung dient vor allem dazu, Profile von uns anzulegen, die der Kontrolle, Vorbeugung und Steuerung dienen.

Dies sind, ob man will oder nicht, Formen von Sicherheitsdesign und gehören zu dem, was vom Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt in den 1980er Jahren als "unsichtbares Design" beschrieben wurde. Es sind aber Formen von Sicherheitsdesign, die nicht in die Freiheit, sondern in die Unterwerfung führen. Eine Aufgabe von Design in der Gegenwart ist deshalb, sich der Versicherheitlichung in allen gesellschaftlichen Funktionsbereichen entgegenzustellen. Dazu zählen Projekte, die die Strategien der Abschreckung aushebeln, wie, um ein Beispiel zu nennen, die materiellen Manifestationen der Willkommenskultur in Form von Initiativen, Veranstaltungen und Netzwerkarbeit. Zu einem demokratischen Sicherheitsdesign gehört aber auch, die reale Unsicherheit auszuhalten und Werkzeuge zu entwickeln, die uns dabei helfen.

Gesellschaftsdesign
Die Art, wie wir Sicherheit denken und in unserem Alltag herstellen, bestimmt oder – um einen designaffinen Begriff zu benutzen – bedingt den Freiheitsgrad unserer Gesellschaft. Ob sichtbar oder das unsichtbar: Design kontrolliert, formt und steuert die Gesellschaft und die Individuen. Es beeinflusst auf materieller und immaterieller Ebene die Arten und Weisen unseres Zusammenlebens. Ob wir ängstlich oder mutig sind, frei oder unfrei, vereinsamt oder in Gemeinschaft, wird zwar nicht nur, aber auch von Design gelenkt, ganz im Sinne des Marx’schen Diktums "das Sein bestimmt das Bewusstsein".

Zu abstrakt formuliert? Ein paar konkrete Beispiele: Nehmen wir den Wohnungsbau. Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Art Rentner-WG aufmachen, also mit anderen Menschen zusammenleben, aber nicht mehr auf studentischen Niveau, sondern mit eigenem Bad und einer großen Küche, in der man gemeinsam kocht und isst. Kennen Sie einen Neubau, der dafür den passenden Grundriss anbietet? Oder denken Sie sich in eine junge Familie hinein, bei der sich die Eltern gerade trennen. Zwei Wohnungen mit Kinderzimmern können sie sich finanziell nicht leisten, aber ein Wohnungskonzept, das patchworkgeeignet ist – zum Beispiel mit getrennten Eingängen – gibt es nicht. Das Ergebnis: Die Kinder bleiben mit einem Elternteil in der Wohnung leben, das andere Elternteil nimmt sich eine Kleinstwohnung, die Kinder kommen alle 14 Tage am Wochenende zu Besuch und schlafen auf der Couch. Ja, das ist doch normal, werden Sie jetzt vielleicht sagen – aber es ist nicht normal, weil es der Wunsch der Betroffenen ist, sondern weil im Massenwohnungsbau keine Grundrisse geplant werden, die vom tradierten Familienmodell abweichen. Doch ändern würde sich das nur, wenn neben der Imaginationskraft der Architektinnen und Architekten auch die Fördergrundsätze im sozialen Wohnungsbau und die wohnungspolitischen Rahmenbedingungen geändert werden würden – weil Gestaltung eben mehr umfasst als Räume und Dinge.

Selbstdesign
Design muss in unserer Zeit aber auch radikal neu gedacht werden, weil sich die Gegenstände der Gestaltung geändert haben. Das Bauhaus, die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts, träumten vom "neuen Menschen", der nun erneut am Horizont erscheint – wenn nicht gleich als Cyborg, als Mischwesen aus Mensch und Maschine, dann doch als halbsynthetisches Produkt zwischen Mind-Enhancement, plastischer Chirurgie und moderner Prothetik. Und wem das immer noch zu abgedreht erscheint, der sei an das Selbstdesign erinnert, das zwischen Fitnessstudio, Anorexie und Selfie-Wahnsinn zur zeitgenössischen Alltagskultur geworden ist. Wir alle sind Designobjekte – und wir alle sind, ob wir es wollen oder nicht, zu den Designerinnen und Designern unserer Selbst geworden. Und das ist gar nicht so einfach, es muss gelernt und geübt werden, sonst drohen die Möglichkeiten des Selbstdesigns in einen Zwang zur Selbstoptimierung abzudriften. Denn es besteht die große Gefahr, dass wir uns mehr und mehr der Smartifizierung unterwerfen, anstatt mit Hilfe der neuen Technologien Momente der Freiheit zu entwerfen.

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