Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Ines Weizman

Auf den Spuren der "Bauhaus-Moderne". Zur Geschichte und Wirkung einer Schule

Der Rückblick auf die Kunst- und Architekturschule, die im April 1919 nur einige Hundert Meter entfernt von dem Ort gegründet wurde, an dem sich im selben Jahr die Weimarer Nationalversammlung konstituierte, führt nicht nur zu den Werken und Ideen des Bauhauses, die an den ursprünglichen Wirkungsstätten in Weimar, Dessau und Berlin entwickelt wurden, sondern auch auf den holprigen Weg einer Geschichtserzählung, in der die avantgardistische und politisch engagierte Bildungseinrichtung unterschiedlich gedeutet, gepriesen, aber auch verrufen und verfolgt wurde.

2015 fasste der Deutsche Bundestag den Beschluss, "das Bauhausjubiläum zu einem nationalen Ereignis mit internationaler Ausstrahlung" zu machen, woraufhin die Bundesregierung insgesamt rund 70 Millionen Euro für das Jubiläumsprogramm sowie für Erweiterungs- und Neubauten an den Bauhaus-Standorten Weimar, Dessau und Berlin zur Verfügung stellte. Doch während heute Politikerinnen und Politiker das Bauhaus als "erfolgreichsten kulturellen Exportartikel Deutschlands" preisen, stellt sich die Geschichte des Bauhauses historisch weniger positiv konnotiert dar, ist sie doch nicht nur die Geschichte einer Institution, die sich selbst in der demokratisch und reformorientierten Weimarer Republik gegen den Druck von konservativen und rechten Tendenzen durchschlagen musste, sondern auch eine Geschichte von (innerer) Migration, Exil und Flucht, die 1933 mit dem Machtantritt Hitlers und der Schließung des Bauhauses begann. Die Protagonistinnen und Protagonisten des Bauhauses waren regelrecht gezwungen, unterzutauchen oder sich in alle Welt zu verstreuen, während die Gebäude, Kunstwerke und Produkte, die dem Bauhaus zuzuschreiben sind, überbaut, entstellt oder gar zerstört wurden.

Einige Künstlerinnen und Architekten gründeten oder orientierten Schulen in Ost und West neu, wie Walter Gropius und Marcel Breuer an der Harvard Graduate School of Design, László Moholy-Nagy mit seinem New Bauhaus in Chicago, Josef und Anni Albers am Black Mountain College und Max Bill mit seiner Hochschule für Gestaltung in Ulm. Oder sie versuchten, sich durch ihre Arbeit in Lehre und Praxis in der Sowjetunion, Afrika oder Lateinamerika den politischen und fachlichen Orthodoxien ihrer Zeit entgegenzustellen, indem sie Raum für freies Denken und Imagination suchten.[1] Doch auch auf diesen neuen Wegen wurden ihren Bestrebungen Schranken gesetzt. Die Wege des Bauhauses verzweigten sich, verloren ihre Konturen, aber auch ihre Historiografen.

Über Weimar, Dessau und Berlin hinaus

Der Aufruf, das Bauhaus international zu feiern, fordert somit auch dazu auf, die Entwicklung, Migration und Rezeption der Institution noch einmal in ihrem historischen Kontext und im Hinblick auf die Deutungshoheiten der jeweiligen politischen Regimes zu untersuchen. In diesem Sinne sind die umfangreichen Feierlichkeiten zum Bauhaus, die national und international bereits kaum überschaubare Formate und teilweise auch recht kühne Auslegungen und Assoziationen gefunden haben, auch eine historische Chance, die 100-jährige Perspektive zu einer facheigenen Selbstvergewisserung in Bezug auf das Erbe der Moderne zu nutzen.[2] Denn die gegenwärtige Wertschätzung der frühen Moderne – immerhin im Anbruch des 21. Jahrhunderts, in dem sich ganz neue Experimentierfelder der digitalen Produktion und Formfindung auftaten – ist sicher nur zum Teil das Resultat historischer Analysen oder kulturpolitischer Aufrufe. Vielmehr ließe sich das "Revival" des Bauhauses auch als ein Ergebnis des Umgangs mit dem Erbe lesen, indem zum einen Originale geschützt und präsentiert werden (zum Beispiel in einem Museum, einem Archiv oder als Baudenkmal), und diese zum anderen auch durch Kopien und Weiterentwicklung verbreitet, reflektiert, belebt und letztlich erhalten werden.

Die Suche nach den Vorgängern (aus heutiger Perspektive) ist dabei ebenso faszinierend wie die Suche nach den Nachfolgern und den Nachlassverwaltern des historischen Bauhauses: Denn gemeinsam mit ihren Autoren und Treuhändern wurden Dokumente und Objekte auf international verschlungene Wege gebracht, die oft auch zu undurchschaubaren Besitzverhältnissen führten. Die Geschichte ihrer Migration ist somit auch die Geschichte von Objekten, die durch neue Nutzungen, Verwahrungsstrukturen, Lizenzvereinbarungen, juristische Auseinandersetzungen, Neuentwicklungen von Produkten und im Spiegel neuer Forschungsergebnisse und Entdeckungen unbekannter Werke immer wieder neu positioniert und angeeignet werden. So besteht gerade im international gefeierten Jubiläumsjahr die Chance, in dem fein verwobenen Netzwerk aus Objekten, Ideen und Geschichten eine historische Verbindung zu finden, die tatsächlich die Weltkulturerbestätten zusammenfügt – sodass das kostbare Erbe nicht nur 2019 in Weimar, Dessau und Berlin angetreten wird, sondern auch in weiterer Zukunft und gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt.

Fußnoten

1.
Vgl. Ines Weizman (Hrsg.), Dust and Data. Traces of the Bauhaus across 100 Years, Leipzig 2019 (i.E.). Zur globalen Rezeption der Bauhaus-Pädagogik siehe auch den Beitrag von Burcu Dogramaci in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Der Architekt Rem Koolhaas hatte bereits 2014 als Kurator der Internationalen Architektur-Biennale in Venedig den ausstellenden Nationen die Aufgabe gestellt, sich mit dem Jahr 1914 und den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges in ihren jeweiligen historischen Kontexten zu beschäftigen und in Bezug auf ihre Architekturgeschichte zu reflektieren. In gewisser Weise wurde hier bereits ein Kontext für das "Bauhaus-Jahr 2019" geschaffen.
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Autor: Ines Weizman für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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