Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Philipp Oswalt

Das untote Bauhaus. Oder: Warum ist das Bauhaus aktuell? - Essay

Synthese des Wissens

Die Suche nach einer neuen Synthese zielte nicht allein auf die gegenständliche Welt der vom Menschen gestalteten Objekte, sie betraf auch die Welt des Denkens und Wissens. Die Krise der Moderne war nicht zuletzt gekennzeichnet durch das unvermittelte Nebeneinander unterschiedlicher Wissenssorten und die Konflikte zwischen diesen. Dazu gehörten – um die für Gestaltungsfragen wichtigsten Wissensformen zu benennen – die sich rapide entfaltenden modernen Natur-, Technik- und Geisteswissenschaften, das schrittweise abgelöste und zunehmend fragmentierte, doch in vielen Alltagsbereichen noch sehr präsente Erfahrungswissen, das neu entstehende industrielle Produktionswissen sowie der mystifizierende Geniekult des 19. Jahrhunderts.

Vor diesem Hintergrund suchte das Bauhaus durch die Integration von Wissenschaft, Kunst und Technik nach einer neuen Kohärenz im Geistigen. Dabei war es – bei zugleich vorhandenen esoterischen Ansätzen – zwar vorwiegend rationalistisch-positivistisch orientiert, doch wurde versucht, die Dominanz der Natur- und Technikwissenschaften durch andere Wissenssorten auszubalancieren. Gestaltungsfragen wurden durch die Entwicklung von systematischen Methoden zur Behandlung von Formen, Geometrie und Bewegungen, Farben und Materialien versachlicht, Produktionswissen durch Werkstattpraxis und Prototypenentwicklung erschlossen. Umgekehrt wurden wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gestaltungsarbeit eingeführt und für diese fruchtbar gemacht. Gestaltung wurde nicht mehr isoliert von und in Konflikt mit Wissenschaft und Technik gesehen. Angestrebt war die Verknüpfung und wechselseitige Befruchtung der unterschiedlichen Disziplinen. Somit gelang in Ansätzen eine Synthese von zuvor durch die Entwicklung der Moderne getrennten Wissenssorten, von Bild- und Textwissen, von analytischem und projektivem Arbeiten, von intuitivem, implizitem und rationalem Wissen.

Das Bauhaus war ein Experiment der Entgrenzung, Entkategorisierung und Zusammenführung, ein Experiment der Verbindung des zuvor Getrennten: Interaktion der unterschiedlichen gestalterischen Disziplinen; Durchdringung von Kunst, Wissenschaft und Technik; Verschmelzung von Forschung, Lehre und Praxis; Zusammenführung von kulturellen Einflüssen aus unterschiedlichsten Ländern. Das Bauhaus formulierte somit einen Entwurf des "In-der-Welt-Seins" des Menschen in der Moderne. Der Designtheoretiker und zeitweilige Rektor der Hochschule für Gestaltung Ulm, Tomás Maldonado, sprach 1963 davon, dass das Bauhaus "sich seinerzeit vorgenommen hatte, wenngleich ohne Erfolg, eine humanistische Sicht auf die technische Zivilisation freizulegen, d.h. die menschliche Umwelt als ein neues ‚konkretes Entwurfsfeld‘ zu betrachten".[3] Und: "Das Bauhaus begnügte sich nicht damit, das Hin und Her der Welt widerzuspiegeln; es versuchte auch, diese Welt zu verändern. (…) Das Bauhaus befand sich immer in Gegenrichtung, weil es auf die Zukunft ausgerichtet war."[4]

Das historische Bauhaus hat versucht, die Transformation von der handwerklichen zur industriellen Produktion, vom Laissez-faire-Kapitalismus zum sozialen Staat fortschrittlich zu gestalten. Wesentlich für das Bauhaus war hierbei, dass es eine kritische Differenz zur Gegenwart formulierte. Es verfolgte die Idee, mit Gestaltung Gesellschaft transformieren zu können: Gestaltung also nicht als Affirmation der Gegenwart, als Dienstleistung am Status quo, sondern als Kritik der Gegenwart, als Imagination eines anderen Möglichkeitsraumes; Gestaltung als emanzipatorisches Versprechen.

Modell einer Moderne

Wesentliches Kennzeichen der Moderne ist, dass verschiedene kulturelle Ideen von Modernisierung gleichzeitig existieren und im Widerstreit liegen. Und hier nimmt das Bauhaus – so meine These – eine strategische Rolle ein. Die Aktualität des Bauhauses liegt in seiner Haltung zum Modernisierungsprozess, die es prototypisch einnahm. In der Auseinandersetzung über die Frage, welche Moderne wir wollen, hat das Bauhaus eine Idee von Moderne formuliert, die nach wie vor Grundfragen der Gegenwart anspricht; es ist dieses Modell einer Moderne, die das Bauhaus relevant bleiben ließ. So sah das Bauhaus eben nicht in der Restaurierung zerstörter kultureller Traditionen Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart, sondern in der Weiter- und Neuentwicklung kultureller Modelle und Praktiken auf Basis der aktuellen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten. Diese gegenwartsbejahende Haltung zum und im Modernisierungsprozess macht die Essenz der Bauhaus-Idee aus.

Dabei zeichnet sich dieses Modernisierungsmodell keineswegs durch Einzigartigkeit aus, sondern ist typisch für eine Vielzahl moderner Positionen im Europa der 1920er Jahre – vor allem im deutschsprachigen und niederländischen Raum. Doch wohl kaum einer anderen Gruppierung beziehungsweise Institution ist es gelungen, eine auch international so erfolgreiche Marke zu kreieren, sodass heute das Bauhaus oft als pars pro toto steht und ihm fälschlicherweise viele Gestaltungen anderer zugeschrieben werden, wie es etwa bei der vermeintlichen Bauhaus-Stadt Tel Aviv der Fall ist. Bauhaus ist zu einem Stil-, ja nahezu zu einem Epochenbegriff geworden.

Zur Prägnanz des "Modells Bauhaus", die für seinen Erfolg ausschlaggebend waren, trugen unter anderem die folgenden vier Faktoren bei.

Erstens zeichnet die Gestaltungsprodukte eine visuell-rhetorische Plakativität aus, die den Übergang vom Handwerk in die Industrieepoche markieren – sei es in der Architektur durch Flachdach, Glasfassade, weiße Wände und kubische Bauformen, sei es im Produktdesign durch die Verwendung der Materialien Stahl und Glas, oder sei es in der Grafik durch serifenlose Schriften, geometrische Grundformen und die Verwendung von Elementarfarben. Die Produkte waren hierbei weniger Motoren der Transformation, als dass sie in ihrer ikonografischen Qualität die Schwelle des bereits weit vorangeschrittenen Epochenwechsels in leicht verständlicher Form dinglich-visuell markierten. Gegenüber dieser Zeichenhaftigkeit trat die angebliche Priorität der alltagsweltlichen Performativität der Produkte meist in den Hintergrund.

Zweitens formulierte die abstrakte und reduktionistische Zeichenhaftigkeit der Objekte das ästhetische Versprechen einer neuen Einfachheit – im Kontrast zu einer zunehmend komplexer werdenden, ausdifferenzierten und mit der Entfaltung der Individualität vielfältigeren Welt.

Drittens waren die symbolischen Formen programmatisch aufgeladen mit emanzipatorischen Ideen und Versprechen, die sie zwar dinglich-alltagsweltlich weitgehend nicht einlösen konnten, die sie aber als visuell-räumliche Metaphern ästhetisch veranschaulichten und damit glaubhaft repräsentierten.

Viertens wurden die Gestaltungen des Bauhauses durch die geschichtliche Entwicklung zum Gegenbild der NS-Moderne, die in ihrer unvergleichlichen Brutalität das emanzipatorische Versprechen des Bauhauses deutlicher zum Vorschein brachte, dessen Glaubwürdigkeit bekräftigte und de facto heroisierte.

Die fortgesetzte Verwendung des Formenrepertoires des Bauhauses ist durch seine programmatische Aufladung zu einer Art Glaubensbekenntnis geworden, mit dem das vom Bauhaus repräsentierte Modernisierungsmodell und die darin formulierten Werte symbolisch-rituell bejaht werden. Hiermit erfolgt eine für jedermann verständliche kulturelle Positionierung in dem fortdauernden gesellschaftlichen Widerstreit konkurrierender Modernisierungsmodelle.

Fußnoten

3.
Tomás Maldonado, Ist das Bauhaus aktuell?, in: Ulm 8–9/1963, S. 5–13, hier S. 6.
4.
Ebd., S. 13.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Philipp Oswalt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.