Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Philipp Oswalt

Das untote Bauhaus. Oder: Warum ist das Bauhaus aktuell? - Essay

Utopie und Praxis

Entscheidend war, dass dieses Modell des "In-der-Welt-Seins" nicht allein Idee blieb, die Formulierung eines Manifestes, sondern gemeinschaftlich modellhaft praktiziert wurde. Und damit ging das Bauhaus über die Avantgardebewegungen der klassischen Moderne vom Dadaismus und Futurismus über De Stijl bis zum Surrealismus hinaus: Es gelang ihm, die Grenzen von Künstlerclubs zu überwinden und sich ansatzweise im gesellschaftlichen Alltag zu verankern. Die Kraft des Bauhauses lag nicht in seinem Manifest von 1919, das rasch veraltet war, sondern in seiner pädagogischen und gestalterischen Praxis, die sich Gestaltung als gesellschaftlicher Aufgabe widmete.

Eine Voraussetzung des Modellcharakters des Bauhauses war die für die 1920er Jahre typische Gruppenbildung, die das Individuelle überwand. Die Produkte des Bauhauses wurden nicht unter den Namen ihrer Gestalter in die Welt gebracht, sondern unter dem gemeinschaftlichen Label des Bauhauses – eine Marke, die bewusst entwickelt und positioniert wurde. Durch geschickte Vermarktung und PR war das Bauhaus gerade am Anfang in vielerlei Hinsicht überbewertet und quasi ein Scheinriese, der größer zu sein vorgab, als er war. Doch anders als in Kindererzählungen, in denen Scheinriesen ihre Umwelt in Angst versetzen und damit vereinsamen, hatte die virtuelle Größe des Bauhauses den gegenteiligen Effekt: Sie schuf Aufmerksamkeit und zog viele interessierte und experimentierfreudige Personen an, wovon das Schaffen des Bauhauses profitierte. Die überzogenen Behauptungen wurden zu selbsterfüllenden Prophezeiungen.

Zur Aktualität des Bauhauses trägt auch der utopische Überschuss seiner Programmatik bei: Gerade weil es zwischen Anspruch und Wirklichkeit des historischen Bauhauses eine Differenz gibt, erzeugt das uneingelöste Versprechen einen Drang zur Fortführung. Die fortwirkende Virulenz des Bauhauses wird verstärkt durch seine konzeptuelle Vagheit: Sie ermöglicht eine breite Anschlussfähigkeit und eröffnet damit die Möglichkeit, eine Vielzahl von Ideen und Blickwinkeln einzubinden. Durch die Einbeziehung zahlreicher relevanter Gegenwartspositionen – sei es durch die Einladung zu Vorträgen und Lehraufträgen, sei es durch die Aufnahme von Fremdautoren in die Publikationen – entwickelte das historische Bauhaus einen Plattformcharakter, der letztendlich die progressive Gegenwart als Ganzes repräsentieren sollte.

Auf Basis eines vagen programmatischen Kerns formierte sich so ein diskursiver Suchprozess, der eher eine produktive Instabilität als Gewissheit zum Ausdruck brachte. In den 14 Jahren ihrer Existenz folgte die Schule nicht etwa einem festen Programm; vielmehr richtete sie ihr Konzept gleich mehrfach neu aus. Aufgrund einer bemerkenswerten Dynamik gab es also nicht "das Bauhaus", sondern allenfalls "die Bauhäuser" – unterschiedliche, widersprüchliche, gegensätzliche Strömungen und Meinungen. Symptomatisch hierfür war die Koexistenz der Suche nach Norm, Standard und Universalität mit der exzentrischen Individualität der Bauhäusler und ihrer Werke.

Denn gerade das war die Stärke des Bauhauses: widersprechende Konzepte und gegensätzliche Ideen in Verbindung und produktiven Austausch zu bringen. Der Bauhaus-Meister Josef Albers beschrieb dies im Nachhinein so: "Das Beste am Bauhaus war, dass wir voneinander absolut unabhängig und uns über nichts einig waren. Wenn Wassily Kandinsky ‚Ja‘ sagte, sagte ich ‚Nein‘, und wenn er ‚Nein‘ sagte, sagte ich ‚Ja‘. Dabei waren wir bestens befreundet, weil wir gemeinsam die Studierenden mit unterschiedlichen Sichtweisen konfrontieren wollten."[5]

Wo stehen wir heute?

Heute sind wir an einem anderen Punkt als vor 80 Jahren. Die Moderne hat alle Lebensbereiche durchdrungen, die Konsumgesellschaft ist ebenso wie das fossile Energiesystem voll entfaltet, die digitalen Technologien befinden sich in einer rapiden Expansion. In den 1920er Jahren sprach man von der "neuen Welt", dem "neuen Menschen", der "neuen Stadt". Heute geht es nicht mehr darum, eine neue Welt zu erfinden. Wir benötigen ein anderes Verständnis als die klassische Avantgarde von Erneuerung und dem Neuen. Die moderne Industriegesellschaft durchdringt die Welt bereits; eine Ausweitung und Radikalisierung der Moderne ist obsolet. Es geht um Gestaltung als Reformierung der Gegenwart, nicht um Neukonstruktionen. Der Blick auf das Ganze ist nach wie vor unverzichtbar, aber wir haben heute den positivistischen Glauben an die Möglichkeit eines umfassenden und vollständigen Verstehens der Welt, an die Einheitswissenschaft, verloren. Nicht auflösbare Widersprüche wie auch eine fundamentale Unvollständigkeit des Wissens und der Erkenntnis erfordern ein Agieren mit Unsicherheiten und Unwissen.

Trotz dieser Veränderungen eignet sich das Modell Bauhaus auch heute noch für eine Positionierung im Modernisierungsdiskurs: Bejahung von Modernität bei kritischer Distanz zur Gegenwart, Suche nach Komplexitätsreduktion und Synthese, Bemühen um gesellschaftliche Emanzipation mit Mitteln der Gestaltung etc. Verloren hat das Bauhaus indes seinen (vermeintlichen?) Avantgardecharakter und ist zum Namensgeber eines anderen kulturellen Modells geworden, das selbst schon Tradition ist. Es bedarf der steten Neuinterpretation und Aktualisierung, um seine Relevanz für die Gegenwart zu behaupten. Der Bedarf an kulturellen Reparaturen der Modernisierungskrisen besteht fort.

Doch stellt sich die Frage, ob es zu solchen Aktualisierungen überhaupt kommt oder kommen kann, wenn man das Elend der Bauhaus-Rezeption seit 1930 betrachtet. Walter Gropius, der bis zu seinem Tod die ungebrochene Aktualität der Bauhaus-Idee propagierte, war seit seinem Ausscheiden aus dem Bauhaus 1928 intensiv damit befasst, eine griffige, widerspruchsfreie Marke "Bauhaus" zu etablieren, die ein vermeintlich zeitloses Idealbild der neuen Einheit von Kunst und Technik transportieren sollte und vor allem den Bauhaus-Stil der frühen Dessauer Phase mit ihren Stahlrohrmöbeln und einer kubischen Architektur mit Flachdächern, großen Verglasungen und weißen Fassaden repräsentierte. Möglich war dies nur durch Ausblendung seiner Vorgänger wie Henry van de Velde, Mitstreiter wie den Arbeitsrat für Kunst, Zeitgenossen wie die Repräsentanten der sowjetischen Avantgarde und seines Nachfolgers als Bauhaus-Direktor Hannes Meyer. Die konzeptionellen Konflikte und Krisen des Bauhauses, die für jegliches Aktualisierungsbemühen essenziell wären, wurden systematisch verschwiegen und vertuscht, eine aseptische Ikone geschaffen.

Bemerkenswerterweise hat Gropius nach dem Manifest von 1919 nur noch einen weiteren Text zur Bauhaus-Konzeption veröffentlicht: "Idee und Aufbau des Bauhaus" 1923 – als ob danach keine relevante Weiterentwicklung oder Veränderungen stattgefunden hätten. Und obwohl sein Bild des historischen Bauhauses nicht nur verzerrt, sondern auch bewusst verfälscht ist, hat es sich durchgesetzt: unter Mithilfe von Institutionen wie dem Museum of Modern Art, der Harvard University und dem Bauhaus-Archiv sowie Projekten wie der Wanderausstellung "50 Jahre Bauhaus" von 1968 und der vom Kunsthistoriker Hans Maria Wingler geschriebenen "Bibel" der Bauhaus-Geschichtsschreibung von 1962.[6] Das Bild, das wir heute vom Bauhaus haben, ist das von Walter Gropius.

Wenn es irgendetwas in Deutschland nach 1945 gegeben hat, das mit einer gewissen Berechtigung und Relevanz als eine Aktualisierung der Bauhaus-Idee verstanden werden kann, dann war dies die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Und dies geschah genau in der bewussten Abkehr vom Bauhaus-Erbe, wie es von Gropius vertreten wurde, und einer expliziten Kritik hieran. Im Kontext des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums ist von Kritik aber wenig zu hören. Unter dem nebulösen, vermeintlich radikalen, aber letztendlich völlig unverbindlichen Motto "Die Welt neu denken" soll das Bauhauserbe touristisch, kulturell und politisch in Wert gesetzt werden. Drei Bauhaus-Museen werden gebaut, die kulturelle Maschinerie des Außenministeriums läuft auf Hochtouren, die öffentlich-rechtlichen Medien und die Filmförderung produzieren Bauhausfilme im Dutzend. Die politischen Parteien im Bundestag von der CSU bis zur Linken beschwören unisono das Bauhaus als von "Einfachheit, Schönheit, Funktionalität" gekennzeichnetes "gutes Design" für eine "demokratische Gesellschaft", "sozial" und "zugänglich für alle Menschen".

Tomás Maldonado schrieb bereits 1963: "Das Verständnis der eigentlichen Bedeutung des Bauhauses, vor allem die Beziehung zu unseren gegenwärtigen Problemen, gibt es nicht. Im Grunde handelt es sich nur um eine Scheinblüte, um den Versuch, das Bauhaus zu kanonisieren oder besser noch, zu archäologisieren, das Bauhaus in eine Reliquie zu verwandeln, die nur bei feierlichen Anlässen hervorgeholt wird. In ein Kultobjekt, das bisweilen die Funktionen des Totems erfüllt, bisweilen die eines Tabus. Auf diese Weise wird das Bauhaus endgültig außer Spiel gesetzt und seine Nicht-Aktualität beschlossen; genau das Gegenteil dessen, was heute not täte."[7]

Fußnoten

5.
Josef Albers in einem Interview im Film "Josef and Anni Albers: Art is Everywhere" von Sedat Pakay, USA 2006 (eigene Transkription und Übersetzung).
6.
Vgl. Hans Maria Wingler, Das Bauhaus. Weimar, Dessau, Berlin, 1919–1933, Köln 1962.
7.
Maldonado (Anm. 3), S. 15ff.
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Autor: Philipp Oswalt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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