>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen


6.10.2005
Anhand einer am MPI für Bildungsforschung, Berlin, durchgeführten Längsschnittstudie wird gezeigt, inwieweit Jugendliche in der Nachwendezeit eine politische Unterstützung, das heißt eine dem politischen System emotional zugewandte Haltung, entwickeln.

Einleitung



Kindheit und Jugend gelten als eine Entwicklungsphase, in der Individuen auf dem Wege zu einer politischen Identität sind. Begünstigt durch die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten, Informationen in den Medien sowie Erfahrungen in der Schule, in der Gleichaltrigengruppe und beim Übergang in das Berufsleben setzt vor allem im Jugendalter eine verstärkte Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen und Sachverhalten ein, die ihren Ausdruck in eigenen Standpunkten zu gesellschaftlichen und politischen Fragen finden kann. In demokratischen Gesellschaften besteht ein wichtiges Ziel der politischen Sozialisation im Kindes- und Jugendalter darin, begründete Standpunkte bzw. Kritikfähigkeit auf der Basis einer grundlegenden Loyalität und Akzeptanz gegenüber der politischen Ordnung zu entwickeln.

In der Politikwissenschaft verwendet man hierfür den Begriff der politischen Unterstützung. Politische Systeme bedürfen einer basalen Unterstützung, wenn sie über Krisen hinweg handlungsfähig bleiben wollen. Der Entwicklungspsychologe und Bildungsforscher Helmut Fend betrachtet es als eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters, eine kritische Wachsamkeit gegenüber dem politischen Geschehen zu entwickeln und den in der Kindheit erworbenen Vorschuss an Vertrauen in die politische Ordnung und die politischen Autoritäten nicht aufzugeben, jedoch zu relativieren.[1]

Der vorliegende Beitrag ist diesem Verständnis von politischer Sozialisation im Kindes- und Jugendalter gewidmet.[2] Auf der Grundlage einer Befragung von Schülerinnen und Schülern soll diese Entwicklung nachgezeichnet werden. Bemerkenswert ist hierbei, dass die verwendeten Daten unmittelbar nach der Wiedervereinigung bei Jugendlichen aus den west- und ostdeutschen Ländern erhoben worden sind und deshalb auch eine Antwort auf die Frage gegeben werden kann, in welchem Maße es insbesondere den Jugendlichen aus den ostdeutschen Bundesländern in der Nachwendezeit gelingt, die Voraussetzungen für eine grundlegende Unterstützung der politischen Ordnung zu entwickeln.

Die in den frühen neunziger Jahren durchgeführten Jugendstudien, die sich im weitesten Sinne mit der politischen Unterstützung Jugendlicher beschäftigen, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Grundprinzipien einer demokratischen Ordnung (wie etwa Meinungsfreiheit, Oppositionsrolle, Kompromissbereitschaft) bei Jugendlichen aus west- und ostdeutschen Ländern in gleichem Maße befürwortet wurden. Im Unterschied dazu war die Haltung gegenüber den politischen Akteuren und dem politischen System bei ostdeutschen Jugendlichen deutlich skeptischer als bei westdeutschen.

In der Jugendforschung der frühen Nachwendezeit dominierten Querschnittsuntersuchungen, in denen Personen zu einem einzigen Zeitpunkt befragt werden. Wenn man eine Reihe von Querschnittsuntersuchungen mit Geschick kombiniert, eignen sie sich zwar sehr gut zur Untersuchung sozialen Wandels. Die Analyse individueller Entwicklungsprozesse setzt aber Längsschnittuntersuchungen voraus.[3] Die diesem Beitrag zugrunde liegenden Daten stammen aus der am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung durchgeführten Längsschnittuntersuchung "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter" (BIJU).

Die Untersuchung wurde im Schuljahr 1991/1992 bei Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 7 begonnen und ermöglicht es, individuelle Entwicklungsverläufe der politischen Sozialisation zu untersuchen. Im vorliegenden Beitrag wird der Fokus auf die Entwicklung vom 13. bis zum 16. Lebensjahr gelegt. Die Entwicklung politischer Unterstützung wurde anhand von vier Einstellungsbereichen untersucht: das generalisierte Vertrauen in das politische System der Bundesrepublik Deutschland, das Vertrauen in zentrale gesellschaftliche Institutionen, die Zustimmung zu Prinzipien der Demokratie sowie Überzeugungen zu den Möglichkeiten sozialen Aufstiegs in der Gesellschaft.

Der vorliegende Beitrag entstand am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, wo der Autor als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.



Fußnoten

1.
Vgl. Helmut Fend, Identitätsentwicklung in der Adoleszenz. Lebensentwürfe, Selbstfindung und Weltaneignung in beruflichen, familiären und politisch-weltanschaulichen Bereichen, Bern 1991.
2.
Auch wenn im Folgenden nicht immer von Kindern und Jugendlichen, sondern vielfach nur von Jugendlichen gesprochen wird, so sind immer die in die Untersuchung einbezogenen 13- bis 16-jährigen Kinder und Jugendlichen gemeint.
3.
Im Unterschied zu einer Querschnittsuntersuchung werden in einer Längsschnittuntersuchung die identischen Personen in regelmäßigen Abständen wieder befragt.