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Partizipation in Familie und Schule - Übungsfeld der Demokratie


6.10.2005
Familie erweist sich als jene Institution, in der die Grundlagen partizipativen Verhaltens erlernt und erprobt werden können. Das "Trainingsfeld" Familie zeigt sowohl im schulischen als auch - später - im außerschulischen Bereich positiven Wirkungen.

Einleitung



Partizipation und Beteiligung sind in der Diskussion um Kinder und Jugendliche zu Schlüsselbegriffen geworden. Ihre Thematisierung erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen. Im gesellschaftlichen Bezugsrahmen wird mehr Partizipation gefordert, um die Integration in das demokratische System zu gewährleisten. Ziel ist es, das politische Interesse zu erhöhen oder auch die Bindung an Parteien oder Gewerkschaften wieder zu stärken.

Zunehmend ins Bewusstsein rücken darüber hinaus Konfliktpotenziale, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Die junge Generation gerät nicht nur zahlenmäßig in die Minderheit, sie ist auch hinsichtlich der Verteilung von Ressourcen und Privilegien sowie in ihren Mitsprachemöglichkeiten benachteiligt. Diese Analysen führen zu der Forderung, eine stärkere Berücksichtigung der Interessen der jüngeren Generation durch mehr politische Partizipation zu realisieren.[1]

Partizipation wird jedoch auch zu einer zentralen Variable im Zuge der Modernisierung von Kindheit. In individualisierten Gesellschaften unterliegen Kinder und Jugendliche zunehmend der Notwendigkeit, den eigenen Lebenslauf mit zu gestalten. Sie stehen damit vor neuen Anforderungen hinsichtlich Selbststeuerung und eigenverantwortlichem Handeln; häufig sind sie schon früh gefordert, Entscheidungen zu treffen und damit an der Gestaltung ihrer Biografie aktiv mitzuwirken[2]. Auch in der Diskussion um Bildung gewinnen Partizipationsmöglichkeiten an Bedeutung.

Folgt man einer Sichtweise, nach der Bildung und Lernen als eigenaktiver Prozess angesehen wird, so kann dieser nur mit Freiräumen für Eigenbeteiligung zum Erfolg führen. In einem umfassenden Sinn ist die Persönlichkeitsbildung unter den Vorzeichen der reflexiven Moderne nicht mehr ohne individuelle Gestaltungsmöglichkeiten denkbar.[3] Partizipationsmöglichkeiten werden folglich zu einer Voraussetzung für gelingende Bildungs- und Entwicklungsprozesse.

Beteiligungsmöglichkeiten und Aushandlungsprozesse spielen außerdem eine wichtige Rolle in der Gestaltung der Generationenbeziehungen, also im Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, aber ebenso zwischen Kindern und ErzieherInnen oder LehrerInnen. Heute ist in verschiedenen Bereichen der Lebensführung nicht mehr klar, inwieweit die ältere Generation noch die Deutungshoheit für sich beanspruchen kann. Da Vorsprünge an Wissen und Autorität nicht mehr wie in der Vergangenheit selbstverständlich gegeben sind, muss das Generationenverhältnis neu austariert werden. Angesichts dieser immer wieder situativ zu leistenden Entfaltung von Generationenbeziehungen in Familie, Schule und anderen Kontexten entsteht erhöhter Reflexions- und Aushandlungsbedarf.[4] Damit stehen alle pädagogischen Institutionen nicht nur unter dem Aspekt der Bildung, sondern auch unter dem Aspekt der Gestaltung der Beziehungen zwischen Erwachsenen und der jüngeren Generation vor der Herausforderung, sich mit Möglichkeiten und Grenzen von Beteiligung auseinander zu setzen.



Fußnoten

1.
Vgl. Klaus Hurrelmann, Warum die junge Generation politisch stärker partizipieren muss, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 51 (2001) 44, S. 3 - 6.
2.
Vgl. Imbke Behnken/Jürgen Zinnecker, Die Lebensgeschichte der Kinder und die Kindheit in der Lebensgeschichte, in: dies. (Hrsg.), Kinder. Kindheit. Lebensgeschichte. Ein Handbuch, Seelze-Velber 2001, S. 16 - 32.
3.
Vgl. Ulrich Beck/Anthony Giddens/Scott Lash, Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt/M. 1996.
4.
Vgl. Andreas Lange, Kindheitsforschung und Generationenkonzept. Eine medien- und kulturwissenschaftliche Skizze, in: ZSE (Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation), 24 (2004) 3, S. 303 - 325.