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Partizipation in Familie und Schule - Übungsfeld der Demokratie

6.10.2005

Ergebnisse zur familialen undschulischen Partizipation



Angesichts der weitreichenden Themenstellung des DJI-Kinderpanels musste sich die Erhebung der Partizipationserfahrungen in Familie und Schule auf wenige Fragen beschränken. Eine allgemeine Einschätzung der Beteiligungsberereitschaft der Eltern wurde mit zwei Fragen erhoben, die das Kind jeweils in Bezug auf Mutter und Vater beantworten sollte. Die erste Frage "Wie oft fragt deine Mutter (dein Vater) dich nach deiner Meinung, bevor sie (er) etwas entscheidet, was dich betrifft?" fokussiert auf die Autonomie des Kindes, d.h. auf Mitbestimmungsmöglichkeiten bei Belangen, die ausschließlich die Person des Kindes betreffen. Etwa zwei Drittel der Kinder geben an, dass die Mutter sie häufig oder sehr oft nach ihrer Meinung fragt, bevor sie Dinge entscheidet, die sie als Kind betreffen. Jedes vierte Kind (26 Prozent) wird manchmal gefragt und nur knapp 10 Prozent der Kinder geben an, selten oder nie nach ihrer Meinung gefragt zu werden.

Bereits dieser erste empirische Befund zeigt, dass Kinder nicht länger Befehlsempfänger elterlicher Wünsche sind, sondern in hohem Maße in der Interaktion mit der Mutter Gehör finden und Einfluss auf Entscheidungen nehmen können, die sie betreffen. Die Entscheidungsspielräume der Kinder variieren allerdings je nachdem, um welche Angelegenheiten es sich handelt. 52 Prozent der Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren können selbstständig darüber entscheiden, was sie anziehen, 64 Prozent darüber, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben, und fast 40 Prozent darüber, was sie mit dem Computer machen. Es gibt jedoch auch Bereiche, in denen die Eltern keine Mitsprache zulassen: Die meisten Mütter und Väter entscheiden darüber, wann ihre Kinder abends zuhause sein sollen (83 Prozent) und wie aufgeräumt das Kinderzimmer zu sein hat (58 Prozent).

Setzt man die Partizipationsmöglichkeiten des Kindes bei Angelegenheiten, die ausschließlich das Kind selbst betreffen, in Beziehung zu klassischen sozialstrukturellen Indikatoren wie Familienform, Kinderzahl, Erwerbstätigkeit der Mutter, Einkommen, Bildung der Mutter oder dem sozioökonomischen Status der Familie, so lassen sich keine statistisch bedeutsamen Zusammenhänge feststellen. Kinder, die in einkommensarmen Familien aufwachsen, werden von ihren Müttern ähnlich häufig an Entscheidungen beteiligt wie Kinder in wohlhabenden Familien. Allein erziehende Mütter sind ebenso oft an der Meinung des Nachwuchses interessiert wie Mütter aus Kernfamilien. Kindern Partizipationsmöglichkeiten im Rahmen der Familie zu bieten ist für Mütter mittlerweile ganz offensichtlich zu einer gesamtgesellschaftlichen Norm geworden. Väter dagegen gewähren ihren Kindern nicht ganz so häufig Möglichkeiten der Mitsprache. Insgesamt ist das Bild aber ähnlich wie bei den Müttern. Gut die Hälfte der Kinder gibt an, dass sie vom Vater häufig oder sogar immer nach ihrer Meinung gefragt werden, bevor er Dinge entscheidet, die sie betreffen. Ein Drittel wird manchmal und zwölf Prozent der Kinder werden nie nach ihrer Meinung gefragt. Es fällt auf, dass bei den Vätern - anders als bei den Müttern - die schulische Bildung, die berufliche Stellung und die Höhe des Haushaltseinkommens einen Einfluss darauf haben, wie sehr Kinder als Verhandlungspartner wahrgenommen werden. Väter aus einkommensstärkeren Familien oder mit höherem sozioökonomischen Status fragen häufiger nach der Meinung des Kindes, bevor sie Angelegenheiten entscheiden, die das Kind betreffen. Allerdings ist der Zusammenhang in beiden Fällen eher schwach.

Damit erweist sich unsere erste Hypothese als empirisch nachgewiesen. Grundschulkinder werden heute in großem Umfang von ihren Eltern um ihre Meinung gefragt, wenn es um Dinge geht, die sie unmittelbar betreffen. Da dieses Interesse an den kindlichen Bedürfnissen weitgehend unabhängig von Bildung, Familienstand oder sozioökonomischem Status ist, kann diese Art der Beteiligung auch als typisch für die heutige Kindheit gelten. Moderne Kindheit ist damit zu einem Gutteil eine partizipatorisch bestimmte Kindheit.

Die zweite Frage zur Partizipation in der Familie lautet: "Wie oft fragt deine Mutter (dein Vater) dich nach deiner Meinung, bevor sie (er) über Familienangelegenheiten entscheidet, die dich betreffen?" Für die Prüfung unserer Hypothese, dass die Familie eine Art Übungsfeld für das Erlernen von Partizipation darstellt und folglich Kinder, die bereits in der Familie in Aushandlungsprozesse eingebunden sind, in der Schule Möglichkeiten der Mitbestimmung stärker wahrnehmen und sich auch später politisch stärker engagieren werden, ist diese zweite Frage von besonderer Bedeutung. Denn sie fokussiert nicht auf die Subjektebene des einzelnen Kindes, sondern bezieht sich auf die Partizipationsmöglichkeiten in der Familie als Gruppe.

Wie Abbildung 1 der PDF-Version zeigt, ist die überwiegende Mehrheit der Kinder auch in Entscheidungsprozesse eingebunden, welche die Familie als Ganzes betreffen. Nur bei einem kleinen Teil interessieren sich die Eltern selten oder überhaupt nicht für die Meinung des Kindes. Es ist festzustellen, dass die Mütter den Kindern auch in Familienangelegenheiten häufiger die Möglichkeit geben mitzubestimmen. 62 Prozent der Jungen und Mädchen geben an, sehr oft oder häufig von der Mutter nach der eigenen Meinung gefragt zu werden, während mit Blick auf den Vater nur gut jedes zweite Kind dieser Meinung ist. Dabei überrascht es nicht, dass auf der Familien- oder Paarebene die Übereinstimmung von mütterlichem und väterlichem Verhalten relativ hoch ist.

Mitwirkungsmöglichkeiten in Familienangelegenheiten sind teilweise abhängig von sozialstrukturellen Bedingungen: Für Mütter und Väter zeigt sich hinsichtlich des sozioökonomischen Status und der Höhe des Haushaltseinkommens ein signifikanter Zusammenhang. Eltern mit höherem Einkommen bzw. höherem sozioökonomischen Status lassen ihre Kinder häufiger an Familienentscheidungen mitwirken als Mütter und Väter aus einkommensschwächeren bzw. statusniedrigeren Familien. Darüber hinaus lässt sich ein Zusammenhang mit der Bildung der Mutter in der erwarteten Richtung konstatieren: Je höher der Schulabschluss, desto häufiger berücksichtigt die Mutter die Meinung des Kindes. Damit gilt auch die zweite Annahme, dass Partizipation in jenen Angelegenheiten, welche die Familie als Ganzes betreffen, schichtabhängig variiert, als empirisch belegt. Mit steigendem Einkommen und damit einhergehend mit steigendem sozioökonomischen Status nimmt die Bereitschaft zu, die Interessen der Kinder zu beachten (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Die partizipatorische Grundhaltung der Eltern korrespondiert mit ihrem allgemeinen Erziehungsverhalten. Pflegen die Eltern eine durch Strenge geprägte Erziehung, die sich beispielsweise darin ausdrückt, dass sich das Kind Erwachsenen nicht widersetzen oder ihnen nicht widersprechen soll und das Kind bestraft wird, sobald es etwas gegen den Willen der Eltern tut, dann sind die Partizipationsmöglichkeiten in der Familie gering. Dies gilt für Vater und Mutter, und zwar sowohl, was die Mitbestimmungsmöglichkeiten in Kinder- als auch in Familienangelegenheiten betrifft. Nur wenn Eltern Kinder als Personen mit eigenen, auch konfligierenden Interessen respektieren, räumen sie ihnen Mitwirkungs- bzw. Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Familie ein.

Unsere Analysen zur Partizipation zeigen, dass Kinder heute in einem hohen Maße in Entscheidungsprozesse in der Familie eingebunden sind. In unserer modernen, von Individualisierung geprägten Gesellschaft ist Partnerschaftlichkeit vielfach zu einem Kennzeichen für die Eltern-Kind-Beziehung geworden. Dabei werden allerdings Mitsprachemöglichkeiten auf der Kinderebene, das heißt bei Fragen, die nur das Kind betreffen, häufiger praktiziert als auf der Gruppenebene, bei Fragen, welche die gesamte Familie betreffen. Die Daten des DJI-Kinderpanels zeigen, dass neben den beschriebenen sozialstrukturellen Einflüssen die Werthaltungen bzw. Erziehungsvorstellungen von Mutter und Vater Auswirkungen auf die Partizipationsmöglichkeiten in der Familie haben.

Im nächsten Schritt interessiert nun die Frage, inwieweit sich dieser partizipatorische Umgang zwischen Eltern und Kindern auf die Beteiligung der Kinder an schulischen Aktivitäten auswirkt. Zur Messung der Partizipation in der Schule wurde ein Index gebildet, der berücksichtigt, in welchen Bereichen Kinder mitreden dürfen und wie sie die grundsätzliche Aushandlungsbereitschaft der Klassenlehrerin bzw. des Klassenlehrers im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern einschätzen.[12]

Die höchsten Mitwirkungsmöglichkeiten haben SchülerInnen, wenn es darum geht, eigene Themen in der Schule zu besprechen oder dabei mitzureden, wie das Klassenzimmer gestaltet wird (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version). In beiden Fällen geben rund 60 Prozent der Kinder an, dass sie häufig oder sogar immer Einfluss nehmen können. Ein gutes Drittel kann häufig oder immer mitreden, wenn geklärt wird, welche Regeln in der Pause befolgt werden müssen. Aber nur 19 Prozent der Dritt- und Viertklässler können häufig inhaltlichen Einfluss auf den Unterricht nehmen und bestimmen, was in den Schulstunden tatsächlich gemacht wird. Etwa ein Drittel der befragten Schüler erlebt ein vergleichsweise hohes Maß an Aushandlungsbereitschaft der KlassenlehrerInnen, und ein weiteres gutes Drittel meint, dass diese zumindest tendenziell dazu bereit sind, mit den SchülerInnen zu diskutieren, wenn diesen etwas nicht gefällt. Alle sechs Items bilden einen gemeinsamen Faktor, der die wahrgenommene Partizipation in der Schule wiedergibt. Für die weitere Analyse wurde der Partizipationsindex gruppiert.[13]

Tabelle 2 der PDF-Version zeigt, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen den Partizipationsmöglichkeiten in Familie und Schule gibt. Kinder, die im Elternhaus Gehör finden, die es gewohnt sind, bei Familienangelegenheiten mit zu entscheiden, nehmen auch im schulischen Bereich Möglichkeiten der Partizipation stärker wahr (35 Prozent vs. 13 Prozent). Von den Kindern, die in der Familie kaum Gestaltungsmöglichkeiten haben, berichtet fast die Hälfte (48 Prozent) auch über (stark) unterdurchschnittliche Beteiligungsmöglichkeiten im schulischen Bereich; wenn Kinder in der Familie ein hohes Maß an Mitsprache gewohnt sind, trifft dies nur für 20 Prozent zu. Dieser empirische Befund stützt unsere Hypothese. Im geschützten Bereich der Familie erfahrene und trainierte Möglichkeiten des Gestaltens bzw. der Mitbestimmung beeinflussen partizipatives Handeln im schulischen Kontext positiv. Diese Kinder sind offensichtlich besser in der Lage, Mitsprachemöglichkeiten in der Schule zu erkennen, positiv aufzugreifen und sich aktiv zu beteiligen.

Bleibt noch eine Frage offen: Wirkt sich die schulische Partizipation auch positiv auf eine mögliche politische Partizipation im späteren Alter aus? Diese Frage lässt sich nicht mit den Daten des Kinderpanels beantworten. Mit den Daten des Jugendsurveys des Deutschen Jugendinstituts lassen sich jedoch für die Altersgruppe der 12- bis unter 16-Jährigen die uns interessierenden Zusammenhänge prüfen.[14] Es zeigt sich ein hoch signifikanter Effekt derart, dass Jugendliche, die in der Schule beteiligungsaktiv sind, auch im politischen Bereich eine höhere Bereitschaft zum Engagement zeigen, z.B. durch Teilnahme an Unterschriftenaktionen oder Demonstrationen.



Fußnoten

12.
Vgl. Johann Bacher/Ursula Winklhofer/Markus Teubner, Partizipation von Kindern in der Grundschule, 2005 (noch unveröff. Manuskript).
13.
Jene Kinder, die die untersten zehn Prozent der Verteilung des Partizipationsindex Schule ausmachen - d.h. die insgesamt die wenigsten Mitwirkungsmöglichkeiten haben - wurden zur Gruppe "stark unterdurchschnittliche Partizipation" zusammengefasst. Jene Kinder, die die unteren 11 bis 25 Prozent der Verteilung ausmachen, bilden die Gruppe "unterdurchschnittliche Partizipation" usw. (25 bis 50 Prozent "leicht unterdurchschnittliche Partizipation", 50 bis 75 Prozent "leicht überdurchschnittliche Partizipation", 75 bis 90 Prozent "überdurchschnittliche Partizipation" und die oberen 90 bis 100 Prozent - also jene 10 Prozent der Kinder, die über die größten Mitwirkungsmöglichkeiten berichten - wurden zur Gruppe "stark überdurchschnittliche Partizipation" zusammengefasst).
14.
Informationen zum DJI-Jugendsurvey finden sich unter www.dji.de/jugendsurvey.