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5.9.2005 | Von:
Peter A. Berger

Deutsche Ungleichheiten - eine Skizze

Bis in die neunziger Jahre hinein sind in Deutschland rapide Wohlstandssteigerungen zu verzeichnen. Dessen ungeachtet sind "illegitime", dem Leistungsprinzip widersprechende "Zugehörigkeiten" und Formen "ständischer Regulierung" besonders wirksam (geblieben).

Einleitung

Wer sich mit sozialer Ungleichheit und ihrem - wie sich erweisen wird, manchmal nur scheinbaren - Gegenteil: der Gleichheit, oder gar mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit beschäftigt, begibt sich auf ein theoretisch wie empirisch schwer zu begehendes, bisweilen normativ "vermintes" Gelände: Schon ein kurzer Blick auf einigeaktuelle, gerechtigkeitsstheoretisch getönte Veröffentlichungen zeigt[1], dass sich sowohl für (ein "Mehr" an) Gleichheit wie auch für (ein "Mehr" an) Ungleichheit jeweils moralphilosophisch durchaus anspruchsvolle und plausible, teilweise jedoch auch widersprüchliche Begründungen und Rechtfertigungen liefern lassen.[2]




Angesichts dieser eher unübersichtlichen Diskussionslage könnte es wünschenswert erscheinen,[3] wenn wenigstens die Betroffenen selbst eine halbwegs einheitliche Position zu Fragen der (Un-)Gleichheit und (Un-)Gerechtigkeit einnehmen würden. Wie man allerdings den Ergebnissen einer 2003 im Rahmen des "Sozio-ökonomischen Panels" (SOEP) durchgeführten Sonderumfrage entnehmen kann,[4] ist dies in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs der Fall:[5] So stimmten zwar 33 Prozent der Befragten "voll" und 34 Prozent "eher" dem Statement "Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass alle Bürger die gleichen Lebensbedingungen haben" zu - rund zwei Drittel gaben damit eine Präferenz für (mehr) "Gleichheit" zu erkennen.

Noch größer war allerdings mit rund 70 Prozent die Zustimmung zu dem Satz "Ein Anreiz für Leistung besteht nur dann, wenn die Unterschiede im Einkommen groß genug sind", wobei 28 Prozent mit diesem Statement "voll" und 42 Prozent "eher" übereinstimmten. Die überwiegende Mehrheit scheint also noch nach der Jahrtausendwende mit der schon 1945 von Davis Kingsley und Wilbert E. Moore formulierten funktionalistischen Schichtungstheorie übereinzustimmen: Es wird davon ausgegangen, dass ungleiche "Belohnungen" nötig seien, um Menschen zur Übernahme unterschiedlich "wichtiger" und/ oder anstrengender Tätigkeiten zu motivieren - und dass damit zugleich Ungleichheiten durch den Verweis auf Differenzen von Leistungsbereitschaft und -fähigkeit gerechtfertigt werden könnten.[6] Freilich will eine noch größere Mehrheit eine allumfassende, strikt leistungsgesellschaftliche Orientierung auch gleich wieder eingeschränkt wissen, denn immerhin traf die Aussage, dass "der Staat (...) für alle einen Mindestlebensstandard garantieren" sollte, bei 53 Prozent der Befragten auf "volle" und bei 30 Prozent "eher" auf Zustimmung.

Im internationalen Vergleich fiel dabei übrigens in Deutschland noch Ende der neunziger Jahre die so genannte "Gerechtigkeitslücke", die im Rahmen des "International Social Survey Program" (ISSP)[7] als Differenz zwischen dem geschätzten und dem als angemessen erachteten Einkommensunterschieden zwischen "gelernten Fabrikarbeitern" und "Vorstandsvorsitzenden großer nationaler Unternehmen" gemessen wird, eher klein aus.[8]

Offen bleibt bei derartigen Umfragen häufig, was die Befragten unter (Un-)Gleicheit und (Un-)Gerechtigkeit verstehen - und vor allem, auf welche Art(en) von Ungleichheiten bzw. auf welche Dimensionen sozialer Ungleichheit sie sich beziehen: So deutlich etwa im Rahmen des ISSP Einkommen als Ungleichheitsdimension im Mittelpunkt steht, so vage bleibt in der eben zitierten SOEP-Sonderumfrage, was mit "gleichen Lebensbedingungen" gemeint sein könnte. Hinzu kommt, dass solche Urteile ja u.U. auf der Basis höchst divergierender Alltagserfahrungen mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gefällt und zugleich durch bisweilen hochselektive Informationen der Massenmedien mitgeformt werden. Vor diesem Hintergrund dürfte es daher kaum überraschen, wenn Alltagswahrnehmungen und öffentliche Meinung über Art und Ausmaß vorhandener Ungleichheiten sowie über deren Veränderungen im Zeitverlauf eher selten mit dem übereinstimmen, was die Sozialwissenschaften von einem Beobachterstandpunkt aus und mithilfe objektivierender Methoden registrieren können.

Noch komplizierter dürften die Verhältnisse mit Blick auf verschiedene Vorstellungen von Gerechtigkeit liegen: Während in der Meinung, der Sozialstaat habe einen "Mindestlebensstandard" zu garantieren, ein Konzept der Bedarfsgerechtigkeit zum Vorschein kommt und dann trefflich darüber gestritten werden kann, welcher Bedarf bzw. welche Bedürfnisse als "angemessen" oder gar als "standesgemäß" gelten können, dürften der verbreiteten Forderung nach "gleichen Lebensbedingungen" eher Vorstellungen von Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit zugrunde liegen, die nicht nur im Alltag oftmals diffus bleiben, sondern auch im Rahmen bildungspolitischer oder gerechtigkeitstheoretischer Diskussionen durchaus strittig sein können.[9] Akzeptiert man schließlich "Einkommensunterschiede" als notwendige Anreize, geht es letztlich um normative Vorstellungen von Leistungsgerechtigkeit - und auch hier wird bei näherem Hinsehen schnell deutlich, dass sich es sich bei der "Verrechnung" von Aufwand, Ertrag und Belohnung um einen hochkomplexen sozialen Vorgang handelt, bei dem das Verhältnis von "Leistung" und "Gegenleistung" nicht ein für allemal festgestellt werden kann, sondern in den vielfältigsten Arenen immer wieder aufs Neue zu bewerten und auszuhandeln ist.[10]


Fußnoten

1.
So zum Beispiel Stefan Gosepath, Gleiche Gerechtigkeit. Grundlagen eines libertären Egalitarismus, Frankfurt/M. 2004; Wilfried Hinsch, Gerechtfertigte Ungleichheiten. Grundsätze sozialer Gerechtigkeit, Berlin - New York 2002; Wolfgang Kersting, Kritik der Gleichheit. Über die Grenzen der Gerechtigkeit und der Moral, Weilerswist 2002; John Rawls, Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Frankfurt/M. 2003.
2.
Vgl. Alexander Camman, Ordnungen der Ungleichheit. Ein aktueller Literaturbericht, in: Vorgänge, Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik, Nr. 168, (2004) 4, S. 65 - 76; Peter Koller, Gleichheit und Pluralismus in politikphilosophischer Perspektive, in: Peter A. Berger/Volker H. Schmidt (Hrsg.), Welche Gleichheit, welche Ungleichheit? Grundlagen der Ungleichheitsforschung, Wiesbaden 2004, S. 49 - 72.
3.
Vgl. P. A. Berger/V. H. Schmidt, ebd.
4.
Das SOEP ist eine in jährlichen Abständen durchgeführte Panelbefragung von Haushalten, die 1984 in West- und 1989 in Ostdeutschland begann (vgl. http://www.diw.de/deutsch/sop/index.html).
5.
Vgl. Süddeutsche Zeitung, Nr. 238 vom 16. Oktober 2003, S. 22.
6.
Vgl. Nicole Burzan, Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, Wiesbaden 2004, S. 33f.; Renate Mayntz, Kritische Bemerkungen zur funktionalistischen Schichtungstheorie, in: David V. Glass/René König, (Hrsg.), Soziale Schichtung und soziale Mobilität, Kölner Zeitschrift für Soziologie undSozialpsychologie (Sonderheft 5), Opladen 1961, S.10 - 28.
7.
Nähere Informationen dazu unter: http://www.issp.org/homepage.htm.
8.
Vgl. Hanno Scholtz, Soziale Ungleichheit im internationalen Vergleich. Gesellschaftspolitische Einstellungen und reale Entwicklungen, in: Vorgänge (Anm. 2), S. 25 - 33.
9.
Vgl. Wolfgang Kersting, Das Prinzip der Chancengerechtigkeit. Theoretische Voraussetzungen investiver Sozialstaatlichkeit, in: ebd., S. 12 - 24; Heiner Meulemann, Sozialstruktur, soziale Ungleichheit und die Bewertung der ungleichen Verteilung von Ressourcen, in: P. A. Berger/V. H. Schmidt (Anm. 2) S. 115 - 136.
10.
Vgl. Sieghard Neckel/Kai Dröge/Irene Somm, Welche Leistung, welche Leistungsgerechtigkeit? Soziologische Konzepte, normative Fragen und einige empirische Befunde, in: P. A. Berger/V. H. Schmidt (Anm. 2), S. 139 - 164; Claus Offe, Leistungsprinzip und industrielle Arbeit. Mechanismen der Statusverteilung in Arbeitsorganisationen der industriellen "Leistungsgesellschaft", Frankfurt/M. 1970.