Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Anne-Sophie Friedel

Editorial

Paris, 1919: Von allen fünf Kontinenten sind zehntausend Vertreter von Staaten, Nationen und Interessengruppen in die französische Hauptstadt gereist, wo nach dem Ende des "Großen Krieges" über den Frieden verhandelt wird. Die Erwartungen sind hoch: Nichts weniger als "ewiger Frieden" ist das Ziel, und große Hoffnungen sind mit dem 14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson verbunden, mit dem er Grundsätze für eine Nachkriegsordnung proklamiert hat, wie das Ende der Geheimdiplomatie, den Abbau von Handelsschranken, globale Abrüstung, nationale Selbstbestimmung und die Schaffung einer zwischenstaatlichen Organisation zur dauerhaften Friedenssicherung.

Von ihrem Beginn im Januar an sind die Gespräche, die zunächst im Rahmen einer interalliierten Vorkonferenz unter Ausschluss der besiegten Mittelmächte stattfinden, überschattet von den gegensätzlichen Interessen der Siegermächte. Der mühsam erarbeitete Kompromiss, auf dessen Grundlage im Mai die Friedensverhandlungen mit den Delegationen der Verliererstaaten beginnen, ist von Widersprüchlichkeiten geprägt, und mit den bis zum Sommer 1920 unterzeichneten Friedensverträgen von Versailles mit dem Deutschen Reich, von Saint-Germain mit Österreich, von Neuilly mit Bulgarien, von Trianon mit Ungarn und von Sèvres mit dem Osmanischen Reich ist niemand zufrieden.

"Ewiger Frieden" stellt sich denn auch nicht ein: In Irland, im südlichen und östlichen Europa sowie in vielen Kolonien und den Mandatsgebieten des neu gegründeten Völkerbundes kommt es zu Aufständen, Revolutionen, Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen Konflikten. In Deutschland sorgt insbesondere Artikel 231 des Versailler Vertrages, der dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die alleinige Kriegsschuld zuschreibt, für Entsetzen und bietet den Republikfeinden eine Steilvorlage. Vor diesem Hintergrund und mit dem Wissen um den zwanzig Jahre später beginnenden Zweiten Weltkrieg geht häufig unter, wie wegweisend die Diskussionen von 1919 für die heutige Weltordnung gewesen sind – nicht nur jene in Paris, auch jene in Zürich auf dem parallel stattfindenden Frauenfriedenskongress.

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Autor: Anne-Sophie Friedel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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