Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Jörn Leonhard

Erwartung und Überforderung. Die Pariser Friedenskonferenz 1919

Krisen und Widersprüche

Die Krisenphase der Konferenz ab Mitte März 1919 zwang die führenden Politiker am 24. März dazu, nur noch allein und mit Dolmetschern in den Privatquartieren zusammenzutreffen und absolute Vertraulichkeit zu wahren. Die folgenden 148 Sitzungen des Rates der Vier entwickelten sich zum eigentlichen Entscheidungskern der Konferenz. Mitte April gelang schließlich ein Kompromiss zwischen den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien in der Frage des Saarlandes, das für 15 Jahre einen Sonderstatus unter Aufsicht des Völkerbundes erhielt, während für das Rheinland entgegen französischer Forderungen eine lediglich temporäre Demilitarisierung bestimmt wurde. Die Probleme mit den Forderungen Italiens nach Fiume und Japans nach Kiautschou blieben dagegen bis Ende April bestehen. Als Wilson unnachgiebig blieb, reiste die italienische Delegation unter massivem innenpolitischen Druck empört ab und brachte die Konferenz an den Rand des Scheiterns.[20] Angesichts der Belastung durch die Interessengegensätze und Machtasymmetrien zwischen den Siegern, durch globale Krisenherde und die Instabilität der Situation in Deutschland wuchsen die Zweifel, ob ein Friedensschluss überhaupt noch gelingen könne.

Der Mitte April vorgelegte Entwurf des Versailler Vertrages stellte eine doppelte Stabilisierungsleistung dar: einerseits für den Fortgang der Konferenz, denn auf der Basis dieses Entwurfs konnte man am 18. April die Deutschen nach Paris einladen, andererseits für die Siegermächte und ihr Bemühen um eine Nachkriegsordnung. Der Preis für diese Leistung in den rund zwölf Wochen seit dem 18. Januar war die Widersprüchlichkeit vieler Regelungen im Detail, die das Ergebnis zahlloser Kompromisse war.

Der US-Präsident war zu weitgehenden Konzessionen bereit, um die Völkerbundakte als Kern der von ihm avisierten neuen Friedensarchitektur zu realisieren. Beim Umgang mit den ehemaligen deutschen Kolonien akzeptierte er die britische Forderung, Deutschland als Flotten- und Kolonialmacht auszuschalten. Allerdings fielen die ehemaligen deutschen Besitzungen in Afrika und Asien nicht einfach an Großbritannien und Frankreich. Das Prinzip der vom Völkerbund verliehenen und von europäischen Großmächten übernommenen Treuhänderschaft im Rahmen der Mandate bedeutete einen entscheidenden Schritt zu einer Internationalisierung im Umgang mit Kolonialgesellschaften. Es markierte ein neues Rechtsverständnis, das nicht von der traditionellen Legitimität kolonialen Eigentums durch Inbesitznahme ausging, sondern von den prinzipiell gleichgewichtigen Interessen der Bewohner und der Treuhänder.

Die Krisen der Konferenz rund um Territorien wie das Rheinland, das Saargebiet, Danzig, Fiume oder Kiautschou entwickelten sich, weil diese Orte als Symbole des Sieges oder der Niederlage emotional besonders aufgeladen waren. Hier wurde die Politik auf ganz neue Weise verräumlicht, und gerade verlorene Gebiete sollten wie Phantome in den Nachkriegsgesellschaften weiterwirken und Ansatzpunkte für einen aggressiven Revisionsnationalismus bilden. Der international anerkannte Besitz von Gebieten schloss das Kriterium ethnischer Zugehörigkeit ein – das verlieh dem Nationalstaat als Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, als Basis rechtlicher und politischer Entscheidungen und als Raum national bestimmter Loyalität so enorme Bedeutung.[21]

Allerdings zeigte sich neben dem Prinzip der Territorialität ein neues Kriterium für die Asymmetrie von Machtbeziehungen zwischen den Siegern. Es verwies auf die finanziellen und wirtschaftlichen Machtpositionen, auf die Verfügungsgewalt über ökonomisch wichtige Ressourcen wie Erdöl und globale Infrastrukturen wie Kanäle oder Seekabel. Die durch den Krieg neu begründete Stärke der Vereinigten Staaten, die demografische und finanzielle Schwäche Frankreichs und die aus den interalliierten Schulden resultierende Einengung von Handlungsspielräumen unterstrich, dass die Friedenskonferenz nicht im Triumph des Territorialismus aufging.

In den Konflikten entwickelten sich unterschiedliche Allianzen der Siegermächte je nach Gegenstand. Kooperierten die USA in den Territorialfragen mit Großbritannien, um eine französische Hegemonialposition auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, standen in der Reparationsfrage die US-amerikanischen Vertreter gegen die Delegationen aus London und Paris. Im Gegenzug für das gegenüber Clemenceau formulierte Versprechen einer vom Völkerbund unabhängigen Tripelallianz, also der faktischen Fortsetzung des Kriegsbündnisses, gelang es Wilson und Lloyd George schließlich, die getroffenen Vereinbarungen der Experten zu den Grenzverläufen zu revidieren, die sonst sehr stark zulasten Deutschlands ausgegangen wären.[22]

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen dem Umgang mit den italienischen und japanischen Forderungen nach Fiume beziehungsweise Kiautschou. In beiden Fällen gingen die Forderungen auf vertragliche Versprechen von London und Paris gegenüber Rom und Tokio während des Krieges zurück, die Auseinandersetzungen führten bei Wilson jedoch zu unterschiedlichen Reaktionen, die exemplarisch sowohl die Widersprüche des Friedensschlusses als auch die Verknüpfung der Agenden beleuchteten: Hatte Italien der Völkerbundakte bereits vor den Auseinandersetzungen um Fiume zugestimmt, konnte Japan seinen Beitritt zum Völkerbund unter Vorbehalt stellen und Druck auf die US-Delegation ausüben. Wilsons Berater warnten vor dem eklatanten Bruch des Selbstbestimmungsrechts und der 14 Punkte, doch Wilson verwies darauf, dass Japan sonst einen Separatfrieden mit Deutschland abschließen und so dessen Position im Widerstand gegen den anstehenden Friedensvertrag stärken könne.[23] Dass Kiautschou Japan und nicht China zugesprochen wurde, war eine Lösung, die in aller Deutlichkeit das Glaubwürdigkeitsproblem bei der Umsetzung des Selbstbestimmungsrechts als Leitlinie der Konferenz aufzeigte.[24]

Fußnoten

20.
Vgl. Holger Afflerbach, Italien als Siegermacht in Versailles 1919, in: Krumeich (Anm. 3), S. 159–173.
21.
Vgl. Charles S. Maier, Consigning the Twentieth Century to History. Alternative Narratives for the Modern Era, in: American Historical Review 3/2000, S. 807–831; ders., Transformation of Territoriality 1600–2000, in: Gunilla Budde/Sebastian Conrad/Oliver Janz (Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 32–55; Leonhard (Anm. 9), S. 18f.
22.
Vgl. Klaus Schwabe, Einleitung, in: ders. (Anm. 11), S. 1–38, hier S. 15.
23.
Vgl. ebd., S. 18f.
24.
Vgl. Leonhard (Anm. 1), S. 858ff.
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