Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Alan Sharp

"Mit Dynamit geladen". Das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und sein globales Vermächtnis

Imperiale Probleme

Obwohl die Einigung mit dem Deutschen und dem Osmanischen Reich das britische und französische Herrschaftsgebiet enorm vergrößerte – eine Tatsache, die die Mandate des Völkerbundes kaum verschleierten –, gab es Anzeichen, dass dem britischen wie französischen Kolonialreich massive interne Probleme bevorstanden, auch wenn die äußere Bedrohung abgenommen hatte.[8] Die britische Kriegserklärung von 1914 hatte das gesamte Empire gebunden, doch im Laufe des Krieges wuchs aufgrund der Kriegserfahrungen und Opfer das Selbstbewusstsein in den Dominions. König George V. hätte den Versailler Vertrag 1919 einfach auf Anraten seines Parlaments in Westminster ratifizieren können, doch man hielt es für politisch klüger, vor der Unterzeichnung die Zustimmung der jeweiligen Parlamente der Dominions einzuholen. Das war noch erfolgreich, als die Briten 1922 jedoch angesichts erneuter Feindseligkeiten mit der Türkei um Unterstützung aus dem Empire baten, reagierten nur Neuseeland und Neufundland – ein weiteres Anzeichen für die gewaltigen Veränderungen seit 1914.

Beim Versuch, die Kontrolle zu behalten, stützten sich die imperialen Mächte auf Zwang und Zugeständnisse. Bestrebungen zur gütlichen Einigung wurden allerdings häufig durch Zwangsmaßnahmen zunichte gemacht. In Indien gewährten die Morley-Minto-Reform von 1909 und die Montagu-Chelmsford-Reform von 1919 den Provinzregierungen ein gewisses Maß an Selbstverwaltung. Aber nach den Ermittlungen zu den revolutionären Verschwörungen 1915 in Bengalen und im Punjab empfahl der Vorsitzende des Untersuchungskomitees, Sir Sidney Rowlatt, die Ausweitung der Sicherheitsmaßnahmen aus Kriegszeiten gemäß dem Defence of India Act, durch das Personen, die unter Terrorismusverdacht standen, ohne Gerichtsverfahren inhaftiert werden konnten. Der Indische Nationalkongress, der 1885 ursprünglich als ein Forum gegründet worden war, in dem eine gebildete indische Elite in Dialog mit der britischen Regierung treten konnte, hatte sich zunehmend radikalisiert, unter anderem aufgrund des unglücklichen Versuchs des Vizekönigs Lord Curzon, Bengalen vor dem Krieg zu teilen.

Wilsons Worte gaben den indischen Bestrebungen Auftrieb – wie der nationalistische Unabhängigkeitskämpfer Lajpat Rai nicht müde wurde, die Leser in jeder Ausgabe seiner Zeitung "Young India" zu erinnern: "Europa ist nicht der einzige Ort, wo die Demokratie gesichert werden muss." Frustriert darüber, dass Bal Gangadhar Tilak, der führende Vertreter der swaraj (Selbstregierung) nicht als Delegierter zur Pariser Friedenskonferenz reisen konnte, und erzürnt, weil die indische Unterstützung im Krieg nicht genügend wertgeschätzt wurde, wie sich unter anderem in der Verabschiedung des Rowlatt Act im März 1919 zeigte, begann der Indische Nationalkongress unter Führung eines in England ausgebildeten Juristen namens Mohandas Gandhi eine Widerstandskampagne, um die Briten von einem Abzug aus Indien zu überzeugen. Am 13. April 1919 mündete eine Versammlung in Amritsar in eine Tragödie, als britische Truppen unter General Reginald Dyer ohne Vorwarnung das Feuer auf Demonstranten eröffneten. Mindestens 379 Inder wurden getötet, über 1500 verwundet. Das Massaker von Amritsar wurde zu einem wichtigen Symbol und mobilisierte die Massen für die nationalistische Bewegung, die nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich ihr Ziel, die indische Unabhängigkeit, erreichte.

Der "Wilsonsche Moment" 1919 hatte weltweit Auswirkungen.[9] Am 8. März verhafteten die britischen Behörden in Ägypten Saad Zaghlul und drei weitere führende Nationalisten und deportierten sie nach Malta. Daraufhin kam es unter der Führung der ägyptischen Nationalisten, die ohnehin frustriert darüber waren, in Paris kein Gehör zu finden, zu einer Reihe von Unruhen, die sich von Kairo rasch über das gesamte Land verbreiteten: die Revolution von 1919, die zu einem Wendepunkt im Kampf um die Unabhängigkeit wurde. Nach drei Jahren der Gewalt gewährten die Briten eine partielle Unabhängigkeit, bei der jedoch die Landesverteidigung und die Kontrolle über den Suezkanal in britischer Hand blieben.

In Korea riefen Nationalisten am 1. März 1919 die Unabhängigkeit aus. Die Formulierungen in ihrer Erklärung waren stark von Wilsons Sprache geprägt, allerdings bestand die japanische Herrschaft noch bis 1945 weiter. In China war man enttäuscht darüber, dass die chinesische Delegation es nicht geschafft hatte, die "ungleichen Verträge" mit ausländischen Mächten aufzuheben, die die Souveränität des Landes beschränkten. Ebenso wenig hatte sie verhindern können, dass Japan die ehemalige deutsche Kolonie Kiautschou erhielt. Das führte am 4. Mai zu einem Studentenprotest in Beijing, der als ein Schlüsselmoment in der Entwicklung des chinesischen Nationalismus gilt. China weigerte sich, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen, und Wilson, der einstige Held, wurde nun geschmäht. Für einen jungen politischen Aktivisten namens Mao Zedong war jener Sommer von entscheidender Bedeutung. Die Ereignisse prägten sein Verständnis von Chinas Problemen und dessen Platz in der Welt. Vor allem ließ er sich fortan von Wladimir Lenin und dem Bolschewismus inspirieren.

Das Beispiel Maos und des vietnamesischen Revolutionärs Ho Chi Minh, der sich nach dem erfolglosen Versuch, die nationalen Belange seines Landes bei der Konferenz vorzubringen, ebenfalls dem Kommunismus zuwandte, erinnern daran, dass Wilsons Version der Selbstbestimmung nicht das einzige damals verfügbare Modell war.

Fußnoten

8.
Siehe auch den Beitrag von James Kitchen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Manela (Anm. 1).
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