Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Alan Sharp

"Mit Dynamit geladen". Das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und sein globales Vermächtnis

Herausforderung Bolschewismus

Wilson hatte seine 14 Punkte auch als Entgegnung auf die bolschewistischen Forderungen nach Frieden und Selbstbestimmung formuliert, die nach der Machtergreifung der Bolschewisten im Oktober 1917 in Russland große Anziehungskraft entwickelten. Russland verkörperte ein Dilemma, dem sich die Friedenskonferenz in Versailles nicht ausreichend widmete. Einerseits unternahm man einen erfolglosen Versuch, alle Parteien, die um die Vorherrschaft im postrevolutionären Russland kämpften, auf einer Insel im Marmarameer zusammenzubringen, und es gab halbherzige Bemühungen, Kontakt zu Lenin und weiteren führenden Bolschewiki aufzunehmen. Andererseits hätten einige alliierte Führer, darunter der französische Befehlshaber der alliierten Armeen an der Westfront, Marschall Ferdinand Foch, und der britische Kriegsminister Winston Churchill, es gern gesehen, wenn sich aus den unkoordinierten Interventionen der Alliierten in Russland, mit denen man ursprünglich die Lieferung von Kriegsmaterial nach Deutschland unterbinden wollte, ein gezielter Feldzug gegen die Bolschewisten entwickelt hätte. Doch man konnte sich nicht auf eine klare politische Linie einigen, sodass der Versailler Vertrag das größte Land der Welt in zwei kurzen Klauseln abhandelte.

Für einen Großteil des Jahres 1919 blieb das Schicksal Russlands und der Revolution ungeklärt, das Land war weiterhin gefangen in einem heillosen Durcheinander von Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten in den aufstrebenden baltischen Staaten, der Ukraine und dem Kaukasus, Kosaken, verschiedenen konterrevolutionären Gruppierungen, der bolschewistischen Roten Armee und – an den Rändern – diversen Interventionstruppen der Alliierten. Bis zum Herbst schien der wahrscheinlichste Ausgang der Sieg einer oder mehrerer Weißer Armeen, die das bolschewistische Kernland bedrohten, das Lenin zu einem hohen territorialen und ökonomischen Preis für die Revolution gesichert hatte, als er im März 1918 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit dem Deutschen Reich unterzeichnet hatte.

Im Mai 1919 hätte General Nikolai Judenitsch, der Oberbefehlshaber aller Weißen Truppen im Nordwesten Russlands, beinahe Petrograd (Sankt Petersburg) eingenommen. Nachdem Admiral Alexander Koltschak, der selbsternannte Oberste Regent Russlands, beeindruckende Siege in Sibirien vorweisen konnte, wurde seine Regierung von den Alliierten de facto anerkannt, doch im Juni wurde er vernichtend geschlagen. Den Sommer über erweiterte General Anton Denikin seine Machtbasis in der Don-Region, errang die Kontrolle über einen Großteil der Ukraine und eroberte im September Kursk und Woronesch. Am 14. Oktober nahm er Orjol ein, das nur 400 Kilometer von Moskau entfernt war, während Judenitsch erneut Petrograd bedrohte. Es sah ganz danach aus, als ob eine der beiden Weißen Armeen den Wettlauf nach Moskau gewinnen würde. Aber dann zwang Leo Trotzkis Rote Armee Judenitsch zum Rückzug und besiegte anschließend Denikin. Anfang 1920 hatten die Bolschewiki ihre wichtigsten Gegner geschlagen.

Der Sieg war auf eine Kombination aus der wachsenden Stärke der Roten Armee und der Unfähigkeit der Weißen zurückzuführen, deren interne Streitereien, reaktionäre Sozialpolitik und Entfremdung potenzieller nationalistischer Verbündeter durch ihr Beharren auf der Integrität des Zarenreiches eine potenziell starke Position untergruben. Nun musste die Welt entscheiden, ob sie es mit einem Staat zu tun hatte, dessen Ziele und Politik sich an der Realpolitik orientierten, oder einer tausendjährigen Einheit, die von einer eschatologischen Ideologie getrieben wurde – ein Dilemma, das schon bald noch durch das faschistische Italien und später durch das nationalsozialistische Deutschland verschärft werden sollte. Allerdings sollte die Sowjetunion beide überleben und erst im Dezember 1991 ihr Ende finden.

Wenn 1919 das Jahr war, in dem in Russland nicht die Weißen siegten, dann war es auch das Jahr, in dem sich in der übrigen Welt, vor allem in weiten Teilen Europas, nicht die Roten durchsetzten. Die Niederlage im Krieg, Revolutionen und Auflösungserscheinungen hatten Jahrhunderte alte politische Gebilde wie das Zarenreich, Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich zerstört. Dadurch entstand in Ost- und Mitteleuropa ein Machtvakuum, das, wie die Ausrichter der Friedenskonferenz befürchteten, vom Kommunismus ausgefüllt werden könnte. Dadurch erhöhte sich der Druck für einen raschen Abschluss der Verhandlungen zusätzlich. Am 4. April notierte Lansing: "In Mitteleuropa wüten die Flammen der Anarchie; die Menschen sehen keine Hoffnung; die Roten Armeen Russlands marschieren westwärts. Die Revolutionäre haben Ungarn fest im Griff; Berlin, Wien und München wenden sich den Bolschewisten zu."[10] Auch in den erst kürzlich vom Zarenreich unabhängig gewordenen baltischen Republiken schienen die Bolschewisten auf dem Vormarsch.

Am 21. März 1919 entstand mit der Ausrufung der Ungarischen Räterepublik der zweite kommunistische Staat weltweit, auf die am 7. April schon bald ein dritter folgte: die Münchner Räterepublik. Entgegen Lansings Befürchtungen bestanden sie nicht lange. Lenin konnte angesichts der existenziellen Bedrohung seines Regimes nur Ratschläge, aber wenig handfeste Unterstützung bieten. Die deutsche Reichswehr, verstärkt durch die paramilitärischen Verbände der Freikorps, stürzte die Münchner Räte nach heftigen Straßenkämpfen am 1. Mai. Béla Kuns Regierung in Ungarn hielt sich etwas länger, musste sich jedoch am 1. August, bedrängt von allen Seiten, einer rumänischen Invasion geschlagen geben. Die britische Marine übernahm 1919 die Kontrolle über die Ostsee, doch in der Region, wo später Estland, Finnland, Lettland und Litauen entstehen sollten, rangen Nationalisten, Zarentreue, die Rote Armee und deutsche Freikorps um die Vorherrschaft. Lenins Definition der Selbstbestimmung schloss Gebiete wie Georgien, die Ukraine, Armenien und Aserbaidschan, die erst vor Kurzem ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten, nicht mit ein. Dort etablierten die Sowjets nach und nach ihre Herrschaft. Allerdings musste Lenin die Unabhängigkeit der baltischen Provinzen anerkennen und insgesamt eingestehen, dass die Weltrevolution zumindest vorerst verschoben war. Der sowjetische Außenminister Georgi Tschitscherin beschrieb den Friedensvertrag von Dorpat, mit dem die Unabhängigkeit Estlands anerkannt wurde, im Februar 1920 als "das erste Experiment der friedlichen Koexistenz mit bourgeoisen Staaten".[11]

Fußnoten

10.
Robert Lansing, Tagebucheintrag vom 4.4.1919, zit. nach David Perman, The Shaping of the Czechoslovak State, Leiden 1962, S. 169.
11.
Zit. nach Richard Debo, Survival and Consolidation: The Foreign Policy of Soviet Russia 1918–1921, Montreal 1992, S. 145.
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