Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Alan Sharp

"Mit Dynamit geladen". Das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und sein globales Vermächtnis

Bleibendes Vermächtnis

Durch die Friedensverträge von 1919 wurde die Zahl der Menschen, die im ethnischen Mosaik Ost- und Mitteleuropas unter einer fremden Nationalität lebten, von 60 Millionen auf 30 Millionen reduziert. Die Vertragsmacher scheuten vor Zwangsumsiedlungen zurück, allerdings gab es brutale Ausnahmen wie den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei 1923 sowie die Vertreibung einiger Deutscher aus Elsass-Lothringen. Nach 1945 hatte man weniger Hemmungen: Millionen Deutsche wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben oder mussten Polen für immer verlassen, als dessen Grenzen über 150 Kilometer nach Westen verschoben wurden. Der Holocaust hatte die jüdische Bevölkerung auf winzige Bruchteile reduziert – 0,003 Prozent in Polen und in der Tschechoslowakei. In sieben osteuropäischen Ländern betrug der Anteil der Minderheiten, die in den 1930er Jahren 25 Prozent ausgemacht hatten, 1970 nur noch sieben Prozent. Staaten waren nun deutlich "nationaler", allerdings war das mit Methoden erreicht worden, die die Vertragsmacher von Paris bei all ihren Fehlern streng verurteilt hätten.

Wilson und Lenin gaben einem Prinzip zusätzlichen Anschub, das inmitten eines internationalen, auf Staaten basierenden Systems für Unsicherheit sorgte. Wenn die Souveränität und territoriale Integrität dieser Staaten nicht gesichert war, war das gesamte System in Gefahr. Aber wenn eine ausreichende Mehrheit der Einwohner eines Staates sich abscheiden will, hat sie dann auch das Recht dazu? Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali schrieb in seiner 1992 veröffentlichten "Agenda für den Frieden": "Die Vereinten Nationen haben ihre Türen nicht verschlossen. Wollte jedoch jede ethnische, religiöse oder sprachliche Gruppe Anspruch auf Staatshoheit erheben, käme es zu einer maßlosen Zersplitterung, und es würde immer schwieriger, Frieden, Sicherheit und wirtschaftliches Wohlergehen für alle zu verwirklichen." Allerdings hatte er keine konkreten Vorschläge, wie das von ihm angestrebte Ziel zu erreichen sei: "Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Souveränität, territoriale Unversehrtheit und Unabhängigkeit der Staaten innerhalb des etablierten internationalen Systems und der Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker – beides Grundsätze von großem Wert und großer Bedeutung – in der vor uns liegenden Zeit in ein gegensätzliches Verhältnis zueinander geraten."

Der Widerspruch zwischen diesen beiden Grundsätzen beschäftigt uns noch heute. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung Jugoslawiens tauchten viele der gescheiterten Staaten aus ihrer scheinbaren Unabhängigkeit unter sowjetischer Vorherrschaft wieder auf, und der Balkan war erneut in Aufruhr. Das Streben nach einem eigenständigen Kurdistan, anerkannt in dem mit dem Osmanischen Reich ausgehandelten, jedoch nicht ratifizierten Vertrag von Sèvres, doch im Vertrag von Lausanne, der mit Mustafa Kemals Republik geschlossen wurde, nicht mehr erwähnt, sorgt bis heute für Spannungen. Die Entscheidung der Briten für den EU-Austritt 2016 wurde unter anderem durch den Wunsch motiviert, die nationale Souveränität von einer als Superstaat wahrgenommenen Europäischen Union zurückzuerlangen. 2014 stimmten die Schotten gegen die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich, doch das Thema bleibt aufgrund der Unterstützung seitens junger Wählerinnen und Wähler und der Bedenken hinsichtlich des Brexit nach wie vor aktuell. Der Brexit hat auch die Debatte in Irland über eine mögliche neue Abstimmung zur Wiedervereinigung mit Nordirland neu belebt.

2017 ergab ein nicht genehmigtes Referendum in Katalonien bei denjenigen, die abgestimmt hatten, eine starke Mehrheit für die Unabhängigkeit von Spanien. Spanien weigerte sich, das Referendum anzuerkennen, und unterstellte Katalonien direkt der Regierung in Madrid. Das katalanische Regionalparlament wurde aufgelöst, der Ministerpräsident und seine Minister wurden gerichtlich verfolgt. In Ungarn verurteilen nationalistische Gruppen weiterhin den Vertrag von Trianon und machen sich für die Interessen der drei Millionen in sieben Anliegerstaaten lebenden Ungarn stark. Durch den Untergang der Sowjetunion sind 26 Millionen Russen in den ehemaligen Sowjetrepubliken verstreut. Der russische Präsident Wladimir Putin bietet separatistischen Gruppen militärische Unterstützung in der Donbass-Region und behauptet, seine Annexion der Krim sei lediglich eine Bestätigung des Rechts auf Selbstbestimmung der Bevölkerung auf der Krim. An Minderheiten, die ein Unruhestifter für seine Zwecke missbrauchen könnte, herrscht kein Mangel.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, doch noch vor den schlimmsten Gräueltaten auf dem Balkan schrieb Karl Meyer, Kolumnist bei der "New York Times", am 14. August 1991, Wilsons Traum von der nationalen Selbstbestimmung sei auch Generationen nach der Pariser Friedenskonferenz topaktuell. "Vom Baltikum bis zur Adria, von der Ukraine bis zum Balkan haben die unterdrückten Völker seinem Imperativ – und oft problematischen Prinzip – neues Leben eingehaucht. Gemessen an den Ergebnissen war Wilson sogar ein erfolgreicherer Revolutionär als Lenin." Wenn ja, dann allerdings zu einem hohen Preis. Wie Wilson dem US-Senat am 19. August 1919 sagte: "Sie kennen und können die Befürchtungen nicht ermessen, die ich durchgemacht habe, weil durch meine Worte Millionen Menschen so große Hoffnungen gemacht wurden." Lansing formulierte es drastischer: "Man stelle sich die Gefühle des Autors vor, wenn er die Toten zählen muss, nur weil er eine Formulierung in die Welt gesetzt hat!"[12]

Übersetzung aus dem Englischen: Heike Schlatterer, Pforzheim.

Fußnoten

12.
Robert Lansing, Tagebucheintrag vom 30.12.1918, zit. nach Daniel Patrick Moynihan, Pandaemonium: Ethnicity in International Politics, Oxford 1994, S. 83.
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