Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Peter Hoeres

Versailler Vertrag: Ein Frieden, der kein Frieden war

An Aufwand war kein Mangel: 10.000 Teilnehmer aus 32 Staaten aller Kontinente fanden sich im Januar 1919 in Paris ein. Ein Vertragswerk mit 440 Artikeln, die in einem Taschenbuch knapp 260 Druckseiten einnehmen, wurde verabschiedet.[1] Es sollte nichts weniger erreicht werden, als den Krieg insgesamt abzuschaffen. "The War That Will End War"[2] – diese Sinngebung hatte der Science-Fiction-Autor H.G. Wells schon zu Beginn des Großen Krieges geprägt, und sie war unvorsichtigerweise von US-Präsident Woodrow Wilson übernommen worden. Immanuel Kant hatte 1795 den ewigen Frieden noch als eine Idee konstruiert, der man sich beständig annähern solle, die aber nie eingeholt werden könne.[3] Nun sollte der Krieg, ein Normalzustand der "großen Politik", eine anthropologische Konstante, per Federstrich aus der Welt geschafft werden. Das war tatsächlich Science-Fiction, pure Utopie.

Diese Utopie verdeckte und bemäntelte die realen Interessen und Ziele, die die Franzosen unter ihrem Ministerpräsidenten Georges Clemenceau und Marschall Ferdinand Foch verfolgten. Immerhin war Clemenceau Vorsitzender der Konferenz, und er setzte sich zwar keineswegs mit all seinen Zielen durch, aber doch mit den Grundintentionen Revanche, Rache und Sicherheit – Revanche für die Niederlage gegen Deutschland 1870/71, für die Schmach der Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar 1871; Rache für die beiden ins eigene Land hineingetragenen Kriege, für die Wegnahme des vom Sonnenkönig Ludwig XIV. eroberten Elsass-Lothringen, für die Verwüstungen – beim Rückzug hatten die Deutschen verbrannte Erde hinterlassen[4] – und die Opfer, die Toten und die gueules cassées, die von Kriegsverletzungen entstellten Gesichter vieler französischer Soldaten. Fünf davon hatte Clemenceau zur Vertragsunterzeichnung nach Versailles bestellt, um der deutschen Delegation ihre Verbrechen vor Augen zu halten. Ob diese die Entstellten im Gegenlicht und der Überfülle des Spiegelsaals überhaupt sahen, ist freilich zweifelhaft.[5]

Der französische Wunsch nach Sicherheit vor dem militärisch, ökonomisch und demografisch überlegenen "Erbfeind", nach Entschädigung und Genugtuung ist nur zu verständlich. Die Umsetzung wirkte jedoch verheerend. Denn der Versailler Vertrag brach mit allen Regeln des hergebrachten Völkerrechts. Er ließ Prinzipien erfolgreicher Friedensschlüsse außer Acht, wie sie in Münster und Osnabrück 1648, in Wien 1815, in Paris 1856 und in Berlin 1878 praktiziert worden, aber auch schon in der Antike bekannt gewesen waren: Amnestie und Vergessen der Gräuel des Krieges, Anerkennung des Feindes als Verhandlungspartner und der Wille zum konstruktiven Neubeginn in einer neuen Ordnung. Auch dass die neu in einen Friedensvertrag aufgenommene Schuldbezichtigung in den Kolonialverträgen etabliert worden war, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Versailler Vertrag und den Umgang zwischen Siegern und Verlierern in Europa.[6]

Fußnoten

1.
Vgl. Der Vertrag von Versailles, München 1978, S. 118–375.
2.
Herbert George Wells, The War That Will End War, in: The Daily News and Leader, 14.8.1914, S. 4.
3.
Zu Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" und deren Aktualisierung im Ersten Weltkrieg vgl. Peter Hoeres, Kants Friedensidee in der deutschen Kriegsphilosophie des Ersten Weltkriegs, in: Kant-Studien 93/2002, S. 84–112.
4.
Vgl. Gerd Krumeich, Der Krieg als großer Arbeitsplatz, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.3.1998, S. VI.
5.
Vgl. Andreas Platthaus, Der Krieg nach dem Kriege. Deutschland zwischen Revolution und Versailles 1918/19, Berlin 2018, S. 21–38.
6.
Vgl. Jörg Fisch, Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses, Stuttgart 1979, S. 35–269. Siehe hierzu auch Christian Meier, Das Gebot zu Vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns, München 2010.
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Autor: Peter Hoeres für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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