Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Eckart Conze

Verhasster Vertrag. "Versailles" als Propagandawaffe gegen die Weimarer Republik

"Nun wird – wenn die Ermattungsepoche vorbei sein wird – der Friede diskreditiert sein, nicht der Krieg."[1] Max Weber, der Soziologe, der im Mai 1919 als Berater der deutschen Delegation einige Tage in Versailles verbrachte, sollte Recht behalten. Nicht nur der Versailler Vertrag, auch die Dokumente von Saint-Germain, Trianon, Neuilly und Sèvres galten schon den Zeitgenossen als schlechte Verträge. Auch in den Siegerstaaten fanden sich kaum Verteidiger. Zu den profiliertesten Kritikern zählte der in Cambridge lehrende Ökonom John Maynard Keynes, der in Paris der britischen Delegation angehörte und in Deutschland zum Kronzeugen all derer wurde, die den Versailler Vertrag für unvertretbar hielten. Selbst der ehemalige italienische Ministerpräsident Francesco Nitti, der 1919 den Versailler Vertrag eigenhändig unterschrieben hatte, konnte zwei Jahre später in dem Friedensschluss nichts anderes mehr erkennen als ein "Mittel zur Fortsetzung des Krieges".[2]

Deterministisches Geschichtsnarrativ

Am negativen Urteil der Zeitgenossen änderte sich auch in den folgenden Jahrzehnten wenig. Die Siegermächte, insbesondere Großbritannien, aber auch Frankreich, reagierten zurückhaltend auf die aggressive deutsche Außenpolitik nach 1933, weil sie es für legitim hielten, dass Deutschland sich aus den "Ketten von Versailles" befreite – und verkannten, dass es Hitler nicht nur um Versailles ging, sondern um Hegemonie und rassenideologisch bestimmte Expansion.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich zwar die Bewertung der deutschen Außenpolitik, nicht aber das Bild von Versailles. Noch 1984 schrieb der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan in der "New York Times", die "Rachsucht der britischen und französischen Friedensbedingungen" habe dem Nationalsozialismus und einem weiteren Krieg den Boden bereitet. Der Zweite Weltkrieg sei das Ergebnis "des dummen und demütigenden Straffriedens" gewesen, der Deutschland auferlegt worden sei. Der britische "Economist" urteilte in seiner Millenniumsausgabe 1999/2000, das letzte Verbrechen im Ersten Weltkrieg sei der Versailler Vertrag gewesen, dessen harte Bedingungen einen weiteren Krieg unausweichlich gemacht hätten.

Das Ende der Weimarer Republik, der Aufstieg und die Machtübernahme der Nationalsozialisten und schließlich der Zweite Weltkrieg haben den Versailler Vertrag und die Pariser Friedensordnung von 1919/20 nachhaltig diskreditiert. Das Vertragswerk und seine Folgen wurden mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen in Verbindung gebracht: 1933 und 1939 bestimmten den Blick auf den Friedensschluss, der in diesem Licht kaum eine Chance auf unvoreingenommene Beurteilung hatte. So wie der 9. November 1918 bis vor Kurzem nicht als echte Revolution und hoffnungsvoller Anfang einer Demokratie wahrgenommen wurde, sondern nur als Beginn einer Entwicklung, die zur Zerstörung der Republik und zur Machtübernahme der Nationalsozialisten führte, so wurde auch der Versailler Vertrag zum integralen Bestandteil eines deterministischen Geschichtsnarrativs. Für die Offenheit der Zukunft, die Wahrnehmung der Zeitgenossen von 1919, war darin wenig Platz.

Umso mehr Raum bot diese Erzählung nach 1945 für exkulpierende Argumente. Schon in den 1930er Jahren hatten viele Deutsche die große Zustimmung zum Nationalsozialismus mit Versailles erklärt. Nun begründeten ehemalige Anhänger des Regimes, warum sie in die NSDAP eingetreten waren: nicht aus ideologischer Überzeugung und antisemitischem Eifer, sondern weil man es den Nationalsozialisten zutraute, den ungeliebten Versailler Vertrag zu überwinden.

Aber war der Vertrag, wenn man ihn unvoreingenommen aus seiner Zeit heraus betrachtet und nicht sofort in die Perspektive von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg rückt, wirklich so schlecht? Die emotional aufgeladene Wahrnehmung hat schon in den Jahren nach 1919 den Blick auf die Möglichkeiten verstellt, die der Vertrag einer friedlichen Entwicklung in Europa eröffnete. Tatsächlich beließ er auch dem Deutschen Reich durchaus Chancen. Versailles war kein milder, aber auch kein "karthagischer Frieden", wie es nach 1919 immer wieder hieß. Bei allen Gebietsverlusten und Reparationen, allen wirtschaftlichen Schwächungen und Belastungen blieb Deutschland nicht nur als Staat, sondern – anders als 1945 – auch als europäische Macht, als potenzielle Großmacht erhalten.

Fußnoten

1.
Max Weber, Politik als Beruf (1919), in: ders., Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von Johannes Winckelmann, Stuttgart 19885, S. 505–560, hier S. 551.
2.
Francesco Nitti, Europa am Abgrund, Frankfurt/M. 1923, S. 150.