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17.7.2005 | Von:
Matthias Spielkamp

Die Zukunft der Ideen

Was ist Eigentum?

Viele, die an Eigentum denken, denken an einen Gegenstand. Dieses Auto ist mein Eigentum, dieser Apfel, dieses Haus. Juristen, Soziologen oder Philosophen denken an etwas anderes. Sie haben, wenn sie den Begriff Eigentum hören, ein Verhältnis zwischen Menschen vor Augen, durch das festgelegt wird, wer das Eigentum an einem Gegenstand für sich in Anspruch nehmen kann. Mit dem Gegenstand selbst hat das wenig zu tun - so, wie es nichts mit dem Raffholz selber zu tun hatte, wer ein Eigentumsrecht daran beanspruchen konnte.

Bis zu jenen Tagen im Jahre 1842 war es üblich, dass niemand diesen Anspruch erhob. Fiel ein Ast von einem Baum zu Boden, wurde er aufgerafft von denen, die sich Feuerholz nicht leisten konnten. Das waren viele. Wurde jemand erwischt, wenn er einen Ast abschlug - oder gar einen ganzen Baum fällte -, wurde er vor Gericht gestellt. Der Baum und seine Zweige waren Eigentum desjenigen, dem der Wald gehörte, die Zweige, die am Boden lagen, nicht. So regelte es das Gesetz. Mit einer wie auch immer gearteten "Natur der Dinge" hatte es nichts zu tun, dass ein Zweig, der am Boden lag, anderen Regeln unterworfen war als ein Zweig, der aus dem Stamm wuchs. Was man am Ergebnis der Debatte ablesen konnte: Das Gesetz wurde verabschiedet; von nun an war es ein Verbrechen gegen das Eigentum, im Wald Holz zu raffen. Wer Geld hatte, konnte Feuerholz vom Waldeigentümer kaufen. Wer kein Geld hatte, fror. An der Tatsache, dass im Wald tote Äste von den Bäumen zu Boden fielen, hatte sich - welch Wunder - durch das Gesetz nichts geändert.

Was hat der Titel dieses Beitrags mit den toten Ästen von Marx zu tun? Eine Menge. Denn wenn es um Ideen geht, geht es auch immer um das Eigentum an ihnen. Eine Idee, die ich habe, muss mir gehören, damit ich sie wirtschaftlich verwerten kann. Nur wenn ich das kann, werde ich es mir leisten können, eine Idee zu haben. Und je vollständiger mir eine Idee gehört, desto besser kann ich sie verwerten. Die Logik, die hinter Argumenten wie diesem steht, scheint auf den ersten Blick überzeugend, weil die Idee des Privateigentums so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist wie kaum eine andere. Wir wachsen auf mit einem Schnuller im Mund, der mein ist und nicht dein, bekommen einen Schulranzen, der mir gehört, nicht dir, und am Ende denken wir, dass eine Idee, die ich habe, auch mein unbeschränktes Eigentum sein muss. Diese Logik klingt überzeugend, aber sie ist falsch.

Eigentum ist ein Verhältnis zwischen Menschen. Es ist nicht überhistorisch, nicht naturgegeben. Es wird gestaltet von den Akteuren, die die Macht haben, in Gesellschaften ihre Interessen durchzusetzen. Das Pendel schwingt hin und her zwischen ihnen; mal können sich die einen durchsetzen, mal die anderen. Es gab Zeiten, in denen es üblich war, Menschen zum Eigentum zu rechnen - eine Vorstellung, die uns heute absurd erscheint. Ebenso, wie vielen die Vorstellung absurd erschien, an etwas ein Eigentum zu haben, das sich nicht anfassen lässt. Und dass Eigentumsrechte an diesen "immateriellen" Gütern sogar umfassender sein könnten als an materiellen.