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17.7.2005 | Von:
Matthias Spielkamp

Die Zukunft der Ideen

Druckerpressen und metaphysische Bänder

Wenn man einen Anfang festmachen will, könnte man den Beginn dieser Entwicklung auf das Jahr 1469 datieren. In jenem Jahr verlieh der Rat von Venedig dem Drucker Johann von Speyer das "Recht zur ausschließlichen Ausübung des Buchdrucks" im Stadtstaat. Etwa 15 Jahre zuvor hatte Johannes Gensfleisch zur Laden, besser bekannt als Gutenberg, die erste Bibel mithilfe beweglicher Lettern gedruckt. Die Gutenberg-Bibel wird heute als der Beginn eines neuen Medienzeitalters gesehen, das eine bis dahin unvorstellbare Verbreitung von Informationen ermöglichte. Es bedurfte keiner Mönche mehr, die in mühevoller, wochen- bis monatelanger Handarbeit Texte abschreiben mussten.

Doch es gab noch eine Revolution, die sich hier anbahnte und die von den meisten Zeitgenossen unbemerkt blieb: die des Rechts. Denn eine Druckerpresse kostete eine Menge Geld. Und statt sich darauf zu verlassen, dass seine Bücher beim Kunden besser ankommen als die der Konkurrenz, beantragte Johann von Speyer ein Monopol auf den Buchdruck in Venedig, um erst gar keine Konkurrenz aufkommen zu lassen - ein Ausnahmerecht, das ihm der Rat auch gewährte. Ein persönlicher - und sicher auch geschäftlicher - Erfolg für Johann, aber wahrscheinlich ahnte nicht einmal er selbst, dass dieses Ereignis noch Jahrhunderte später als Geburtsstunde des Urheberrechts angesehen würde.

Mehr als 200 Jahre lang schützten die "Druckerprivilegien" nicht die Urheber, sondern das Geschäftsmodell der Buchdrucker und -verleger. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die englische Regierung die erste, die diesem Zustand eine Ende zu bereiten versuchte. Die Gründe dafür waren vielfältig: Es lag weniger daran, dass sie die Autoren davor schützen wollte, sich mit einem Honorar abspeisen lassen zu müssen, um anschließend keinerlei Rechte mehr an ihren Werken zu haben. Vielmehr hatten die Buchdrucker zuviel Macht erlangt, die sich die Krone eigentlich nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Also verabschiedete die englische Regierung 1710 das Statute of Anne, benannt nach der damaligen Königin Anne Stuart. Darin findet sich ein Satz, der gerade heute wieder zu erhitzten Diskussionen unter Urheberrechtsexperten führt: Das erklärte Ziel des Statuts war "Encouragement of Learned Men to Compose and Write useful Books" - also gebildete Männer zu ermutigen, nützliche Bücher zusammenzustellen und zu schreiben.[2] Das Mittel dazu war der Schutz der Autorenrechte, sodass niemand mehr einfach Bücher nehmen und ohne Zustimmung des Autoren vervielfältigen konnte. Die Rechte der Autoren an ihren Texten waren Mittel zum Zweck: Die wirtschaftliche Sicherheit der "gebildeten Männer" sollte ein Fundament für Kreativität schaffen, nach dem Motto: Wenn ich leben kann von dem, was ich gern tue, dann tue ich es noch lieber. Ökonomen nennen das die Anreiztheorie.

Auf dem europäischen Kontinent sah man das ganz anders. "Das heiligste, berechtigtste, am wenigsten anfechtbare und persönlichste allen Eigentums ist das Werk, die Früchte des Denkens eines Schriftstellers"[3], schrieb Isaac Le Chapelier 1791 in seinem "Report Le Chapelier" an das Revolutionsparlament, aus dem das erste Dekret zum Urheberrecht in Frankreich hervorging. Möglicherweise hatte er Immanuel Kants Beitrag in der "Berlinischen Monatsschrift" vom Mai 1785 gelesen, in dem der Königsberger Philosoph ein seltsames Gedankengebäude errichtet hatte, mit dem er die "Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks" - so der Titel - zu begründen versuchte. Es folgten ihm Fichte und Hegel, wenn auch nicht in ihrer Argumentation, so doch in ihrer Schlussfolgerung: Es gibt ein Eigentum, auf immer und unveräußerlich, des Urhebers, des Autors an seinem Werk.

Seitdem halten die Kontinentaleuropäer das Urheberrecht für eine Art weltlichen Ausdruck eines metaphysischen Bandes, das Autor und Werk untrennbar verbindet - und haben darüber oft genug das Weiterlesen vergessen. Denn bei Le Chapelier heißt es auch: "Jedoch ist es ein Eigentum, das in seinem Wesen völlig verschieden ist von anderen Eigentumsarten", denn: "Aus der Natur der Sache heraus ist alles vorbei für Autoren und Verleger, sobald die Öffentlichkeit das Werk durch seine Publikation in Besitz genommen hat."


Fußnoten

2.
Vgl. Gillian Davies, Copyright and the Public Interest, London 2002, S. 15.
3.
Zit. nach: ebd., S. 137.