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17.7.2005 | Von:
Matthias Spielkamp

Die Zukunft der Ideen

Private Rechte und öffentliche Interessen

Denn auch das kontinentaleuropäische Urheberrecht hat die Aufgabe, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Interessen der Urheber und den Interessen der Öffentlichkeit. (Was übrigens auch für das wichtigste andere Immaterialgüterrecht gilt: das Patentrecht.) Zwar kann man dort, wo ein Urheberrecht im Wortsinn gilt, niemals das vollständige Recht an seinem Werk abtreten. Denn ein metaphyisches Band lässt sich schließlich nicht mit weltlichen Verträgen zerschneiden. Doch selten geht es beim Streit ums Urheberrecht um etwas anderes als Verwertungsrechte: Wer darf meinen Text drucken, wer mein Musikstück aufführen, wer mein Foto ausstellen? Darüber bestimmen zu können, ist das Verlangen der Urheber, denn dadurch verdienen sie Geld. Und diese Verwertungsrechte lassen sich sehr wohl abtreten. Sie sind es, die seit Jahrhunderten immer stärker ausgeweitet werden, und zwar in alle Richtungen: die Dauer des Schutzes, ihr Umfang und die Anforderungen, die erfüllt sein müssen, um in den Genuss des Urheberrechtsschutzes zu kommen.

So betrug die Schutzdauer in England, verliehen durch das Statute of Anne, 14 Jahre; sie konnte auf Antrag um weitere 14 Jahre verlängert werden. In den USA galten mit dem Copyright Act von 1790 ebenfalls 14 Jahre, die um weitere 14 verlängert wurden, wenn der Autor nach Ablauf der ersten Periode noch lebte und die Verlängerung beantragte. In Deutschland wurde am 11. Juni 1837 das "Preußische Gesetz zum Schutze des Eigenthums an Werken der Wissenschaft und Kunst gegen Nachdruck und Nachbildung" erlassen. Schutzdauer: 30 Jahre post mortem auctoris (nach dem Tod des Autors). In den genannten Ländern gilt heute für Werke der Kunst und Literatur - und auch für viele andere - eine Schutzdauer von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Hätte eine derartige Schutzdauer zu Goethes Zeiten bestanden, wäre der "Werther", den er im Alter von 25 Jahren veröffentlichte, 152 Jahre lang geschützt gewesen. Wird Benjamin Lebert so alt wie Goethe, würde sein Roman "Crazy" eine Schutzdauer von 161 Jahren genießen.

Auch was den Schutzumfang anbelangt, sind die aktuellen Gesetze kaum mit ihren Vorgängern zu vergleichen. Im Preußischen Gesetz von 1837 heißt es: "Das Recht, eine bereits herausgegebene Schrift, ganz oder theilweise, von neuem abdrucken oder auf irgend einem mechanischen Wege vervielfältigen zu lassen, steht nur dem Autor derselben oder denjenigen zu, welche ihre Befugniß dazu von ihm herleiten."[4] Um den Nachdruck ging es, nicht mehr. Heute kann ein Urheber bestimmen über die Vervielfältigung, Verbreitung, Ausstellung seines Werkes, ob es zum Vortrag, zur Aufführung und Vorführung kommt, in einer Funksendung oder durch Bild- und Tonträger veröffentlicht oder öffentlich zugänglich gemacht wird - womit vor allem die Publikation über das Internet gemeint ist.

Schließlich die Anforderungen: Musste in den USA anfangs ein Schöpfer noch jedes Werk, das er schützen wollte, beim Register of Copyrights anmelden, steht heute automatisch jede E-Mail, jede Notiz, die jemand auf eine Serviette kritzelt, unter dem Schutz des Copyrights. Auch in Deutschland muss kein Werk registriert werden, um geschützt zu sein. Was den Werkbegriff anbelangt, gilt zwar nach wie vor der Grundsatz, dass nur Schutz genießt, was eine entsprechende Gestaltungshöhe vorweisen kann; die Schwelle für diese Gestaltungshöhe ist jedoch im Laufe der Zeit vom Gesetzgeber und den Gerichten so weit abgesenkt worden, dass heute unvergleichbar mehr Werke Urheberrechtsschutz genießen als im 19. Jahrhundert. Doch das ist immer noch nicht alles. Um zu verstehen, wie weit der Schutz der Urheberrechte tatsächlich geht - und was das bedeutet -, muss man auch einen Ausflug machen nicht nur in die Welt des Rechts, sondern auch der Technik. Einen Ausflug, wie ihn - ungewollt - Shawn Yeager vor zwei Jahren unternahm.


Fußnoten

4.
Ebd., S. 383.