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17.7.2005 | Von:
Matthias Spielkamp

Die Zukunft der Ideen

Meine Musik gehört mir nicht

Der IT-Berater Yeager war von den USA nach Kanada umgezogen, als sein Apple Powerbook den Geist aufgab. Eigentlich nicht weiter schlimm, eine Neuinstallation des Betriebssystems war für den Techniker kein Problem. Doch als er seine im iTunes Music Store gekaufte Musik, die digital auf seinem Computer gespeichert war, hören wollte, machte ihm die Software einen Strich durch die Rechnung: Die Songs müssten erst wieder freigeschaltet werden, um sicherzugehen, dass Yeager der rechtmäßige Besitzer der Stücke sei, teilte ihm sein Programm mit. Als wenn das nicht ärgerlich genug gewesen wäre, erlebte Yeager die nächste Überraschung beim Telefonat mit Apples Serviceteam: Die Musik sei nur für Bewohner der Vereinigten Staaten gedacht. So stehe es in den Geschäftsbedingungen. Da Yeager nicht mehr in den USA wohne, könne er die Songs leider nicht mehr abspielen.

Womit Yeager unbeabsichtigt aneinander geraten war, nennt man in der Branche Digitales Rechtemanagement (Digital Rights Management, DRM). Seine Gegner finden eher den Begriff Digitales Restriktionsmanagement angemessen. Nicht ohne Grund: Jedes einzelne Musikstück aus dem Apple Store ist DRM-kodiert. Das bedeutet, dass jede Datei nicht nur Musik enthält, sondern auch Informationen darüber, wie diese Musik zu nutzen ist: Darf das Stück nur auf dem Computer abgespielt werden, auf den es beim Kauf heruntergeladen worden ist? Darf es der Käufer auf CD brennen, auf einen MP3-Player überspielen, auf seinen Laptop übertragen? Wenn ja, wie oft? Eine solche Datei kann nicht mit einem beliebigen Programm geöffnet werden, sondern nur mit solchen, die die DRM-Informationen auch interpretieren können. Erkennt etwa Apples iTunes-Software, dass ein Musikstück bereits fünfmal auf unterschiedlichen Rechnern gespeichert wurde, weigert sie sich, dies ein sechstes Mal zu tun. Als Yeager nach seinem Powerbook-Crash das Betriebssystem neu installierte, interpretierte die iTunes-Software das so, als sei die Musik auf einen neuen Rechner kopiert worden. Also forderte das Programm Yeager auf, die Songs, für die er bezahlt hatte, neu freizuschalten - und das wurde ihm verweigert, weil seine Eigentumsrechte an den Songs außerhalb der USA nicht gültig waren. Yeager musste erkennen, dass er nicht die Songs besaß, sondern lediglich etwas Neues, schwer Fassbares, Ephemeres: ein Nutzungsrecht an Musik. Dieses Nutzungsrecht, und das war die zweite, größere - und folgenreichere - Überraschung, war ihm nur unter bestimmten Bedingungen übertragen worden. Also konnte es ihm auch wieder entzogen werden, wenn es dem tatsächlichen Inhaber des Rechts gefiel - also nicht Yeager, sondern Apple. Willkommen im digitalen Zeitalter.

Shawn Yeagers Erfahrung mit dem iTunes Music Store ist wie geschaffen dafür, zu verstehen, wie DRM funktioniert. Vor noch nicht allzu langer Zeit ging man, wenn man Musik hören wollte, in ein Geschäft und kaufte eine Platte, die man dann besaß. Man konnte sie anhören, verschenken, verkaufen, an Freunde verleihen, im Schrank verstauben lassen, als Bierdeckel benutzen, zerbrechen, wegwerfen. Oder, wenn man sie im Auto hören wollte oder im Ferienhaus, wo kein Plattenspieler stand, die Musik auf eine Kassette überspielen. Das hätten die Rechteinhaber zwar gern gesetzlich verboten gesehen, aber die Regierungen weigerten sich: Es wäre unmöglich gewesen, ein solches Verbot zu kontrollieren. Und damit wäre es "ebenso effektiv gewesen wie ein Verbot des Nasebohrens", wie es Elmar Hucko, ehemals als Ministerialdirektor im Bundesjustizministerium zuständig für das Urheberrecht, ausdrückte.[5]

Doch heute wittern die Rechteinhaber die Chance, die Rechte der Kunden zu kontrollieren. Denn die Digitalisierung der Daten ist der Albtraum, der den Managern der großen Unterhaltungskonzerne den Schlaf raubt: Jede Kopie ist so gut wie das Original, Inhalte sind nicht mehr als Nullen und Einsen, die sich umso schneller an jeden Ort der Welt übertragen lassen, je höher die Bandbreite der Internetanschlüsse ist - und die wächst mit einem gewaltigen Tempo. Eigentlich ein fantastisches Mittel, um vor allem die Vertriebskosten für die nunmehr körperlosen Güter zu verringern. Keine CD muss mehr gepresst, kein Booklet gedruckt werden, kein Lastwagen muss die Ware ausliefern an Ladengeschäfte, für die Miete und Lohnkosten anfallen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Da die Manager der großen Unterhaltungskonzerne jahrelang auf sie starrten wie das Kaninchen auf die Schlange, kamen ihnen diejenigen zuvor, die keine Rücksicht nahmen auf Unternehmensstrukturen, Hierarchien und Entscheidungsabläufe der multinationalen Großunternehmen. Stattdessen entwickelten sie Software, mit der es möglich ist, die digitalisierten Songs und Filme sekundenschnell auffind- und abrufbar zu machen. In diesen peer-to-peer-Tauschbörsen, in denen Nutzer direkt miteinander kommunizieren, tummeln sich seitdem Millionen von Menschen, die Milliarden von Texten und Filmen, vor allem aber Musikstücke vervielfältigen, ohne die Rechteinhaber um Erlaubnis zu fragen.

Und dagegen könne man auch nichts tun - so lautet noch immer das Credo vieler Digerati, Netzbürger, die mit Stewart Brand die Ansicht vertreten, dass "Information frei sein will" und es nichts gibt, was den Geist der Digitalisierung in der Flasche halten könne.[6] Egal, welchen Schutz das Urheberrecht biete: In einer Welt digitaler Güter könne auf lange Sicht kein Mensch mehr ausgeschlossen werden von der Teilhabe an ihnen. Denn von nun an sei es möglich, Bücher, Filme, Fotos, Musik und vieles andere mehr nahezu kostenlos zu vervielfältigen und zu vertreiben. Ganz im Sinne von John Perry Barlows " Cyberspace Manifesto", in dem er das Ende der Regierungen der industrialisierten Welt, den "müden Giganten aus Fleisch und Stahl", ausrief, sei auch das Ende der industriellen Inhalteanbieter gekommen.[7] Wissen sei ein öffentliches Gut, von dem niemand ausgeschlossen werden könne, vor allem dann nicht, wenn alle Inhalte in unkörperlicher Form vorliegen.


Fußnoten

5.
Das Urheberrecht kennt kein Recht auf Privatkopie, in: c't, Nr. 16 vom 26.7. 2004.
6.
Stewart Brand wurde durch die Gründung des Online-Diskussionsforum "The Well" zu einem der Pioniere der Internetkommunikation.
7.
Vgl. John Perry Barlow, A Declaration of the Independence of Cyberspace, http://homes.eff.org/~barlow/Declaration-Final.html (5.6. 2005).