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30.6.2005 | Von:
Karin Weiss

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus

Arbeitszuwanderung

Mit Beginn der achtziger Jahre kam es zu einer weiteren Form der Migration in die DDR, zur Migration zu Arbeitszwecken. Im Rahmen von Staatsverträgen zwischen der DDR und Vietnam, Kuba, Algerien, Angola und Mosambik wurden seit Beginn der achtziger Jahre[9] Vertragsarbeiter aufgenommen.[10] Die ersten Vertragsarbeiter aus Vietnam kamen bereits 1980. Bis Mitte der achtziger Jahre war ihre Zahl allerdings relativ klein. Almut Riedel spricht für die Zeit von 1980 bis 1984 von insgesamt 8 840 Arbeitskräften.[11] Diese Vertragsarbeiter sollten zum einen den zunehmenden Arbeitskräftebedarf der DDR decken, zum anderen während ihres Arbeitseinsatzes gleichzeitig eine Berufsausbildung erhalten: Etwa 75 Prozent aller in dieser Zeit eingereisten Vertragsarbeiter durchliefen während ihres Arbeitseinsatzes eine berufliche Qualifizierung.[12]

Ab 1987 stieg die Zahl der Vertragsarbeiter sprunghaft an. Allein 1987 wurden 20 446 Arbeiter aufgenommen, 1988 folgten weitere 30 552. Noch 1989 begannen 8 688 vietnamesische Arbeitskräfte ihren Arbeitseinsatz in der DDR.[13] Die später kommenden Arbeiterinnen und Arbeiter erhielten jedoch überwiegend keine Ausbildung mehr, sondern arbeiteten als reine Arbeitskräfte - zu 85 Prozent in der Industrie.[14] Insgesamt wurden nach DDR-Quellen mehr als 68 000 vietnamesische Arbeitskräfte eingesetzt. Vom Ministerium für Arbeit, Invalide und Soziales der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) wird eine etwas höhere Zahl genannt. Danach sind zwischen 1980 und 1990 insgesamt 71 965 vietnamesische Vertragsarbeiter in die DDR gegangen.[15]

Der Arbeitseinsatz in der DDR war nicht nur für die DDR-Wirtschaft von Bedeutung, auch für Vietnam hatte das Arbeitskräfteabkommen große Vorteile. Vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit im eigenen Land hatten die Auslandseinsätze eine gewisse Entlastungsfunktion. Zudem waren sie für die, welche mit Beginn des Abkommens in die DDR kamen, in der Regel mit einer Facharbeiter- oder Teilfacharbeiterausbildung verbunden. Aber auch jene, die nicht mehr qualifiziert wurden, profitierten durch Wissenserwerb vom Aufenthalt in der DDR: Sie erhielten Einblicke in die europäische Kultur und in industrielle Fertigungstechniken. Darüber hinaus ging der Arbeitsaufenthalt der Vietnamesen mit dem Transfer wichtiger Devisen und Gebrauchsgüter nach Vietnam einher. Die DDR zahlte pauschal pro Kopf 180 DDR-Mark pro Jahr an Sozialversicherungsbeiträgen an die SR Vietnam, und jeder Arbeiter hatte 12 Prozent seines Arbeitseinkommens als Beitrag zum Aufbau des Landes direkt an die SR Vietnam abzuführen.[16] Nach Nguyen Van Huong erhielt Vietnam dadurch in den letzten Jahren von seinen Arbeitskräften in der DDR jährlich über 200 Millionen DDR-Mark.[17]

Hinzu kamen die Devisen, die Vietnamesen privat nach Vietnam sandten, um ihre Familien zu unterstützen. So durfte jeder Vertragsarbeiter 60 Prozent seines Nettoarbeitseinkommens, das monatlich 350 DDR-Mark überstieg, nach Vietnam transferieren. Fast alle Familien der Vertragsarbeiter waren vom Verdienst ihrer Angehörigen in der DDR abhängig. Auch konnten diese Waren aus der DDR nach Vietnam schicken, pro Arbeiter zwölfmal jährlich ein Warenpaket im Wert von 100 DDR-Mark, sechsmal jährlich eine Postsendung ohne Wertbegrenzung und am Ende des Aufenthaltes Gegenstände in einer Holzkiste von zwei Kubikmetern. Auf diese Weise gelangten Mopeds und Fahrräder, Nähmaschinen und andere Elektrogeräte, Stoffe, Zucker, Seifen und viele andere Waren nach Vietnam.[18] Für die unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidende SR Vietnam waren diese Wareneinfuhren von volkswirtschaftlicher Bedeutung. So berichtet 1989 das Ministeriums für Staatssicherheit der DDR: "Schon mehrmals betonten Regierungsvertreter der SRV in bilateralen Gesprächen mit der DDR, dass der Einsatz vietnamesischer Werktätiger in der DDR 'eine strategische Linie der Außenwirtschaft bilde, deren Effekte es zu erhöhen' gilt. Die Ausfuhr von Konsumgütern in die Heimat wird als der wichtigste Auftrag ihrer Werktätigen in der DDR gesehen".[19]


Fußnoten

9.
Erste Arbeitskräfte kamen bereits Anfang der siebziger Jahre aus Algerien, allerdings nur in geringer Zahl. Erst ab Anfang der achtziger Jahre kann deshalb von Arbeitsmigration in größerem Umfang geredet werden.
10.
Zur Geschichte der Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen vgl. u. a. K. Weiss/M. Dennis (Anm.8); Helga Marburger (Hrsg.), "Und wir haben unseren Beitrag zur Volkswirtschaft geleistet": eine aktuelle Bestandsaufnahme der Situation der Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR vor und nach der Wende. Werkstattberichte, Interkulturelle Forschungs- und Arbeitsstelle der TU Berlin, Frankfurt/M. 2003; Andreas Müggenberg - Der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für die Belange der Ausländer, Die ausländischen Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR - Darstellung und Dokumentation, Berlin 1996; Almut Riedel, Algerische Arbeitsmigranten in der DDR. "... hatten doch ooch Chancen, ehrlich!", Opladen 1994; Uli Sextro, Gestern gebraucht - heute abgeschoben. Die innenpolitische Kontroverse um die Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 1996.
11.
Vgl. A. Riedel, ebd.
12.
Vgl. Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Zwischen Nationalismus und Internationalismus. Über Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR 1949 - 1990, Rostock 1994, S. 5.
13.
Vgl. A. Riedel (Anm. 10), S. 5.
14.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 16.
15.
Ministerium für Arbeit, Invalide und Soziales der SR Vietnam/Friedrich-Ebert-Stiftung, Zur Situation ehemaliger vietnamesischer Gastarbeiter. Eine Studie über die aus der einstigen DDR vorzeitig zurückgekehrten Arbeiternehmer/Innen in der SR Vietnam, Hanoi-Bonn 1991, S. 5.
16.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 20ff.
17.
Vgl. Nguyen Van Huong, Die Politik der DDR gegenüber Vietnam und den Vertragsarbeitern aus Vietnam sowie die Situation der Vietnamesen in Deutschland heute, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit", Band VII/2, Baden-Baden-Frankfurt/M. 1999, S. 1301 - 1363, S. 1329.
18.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 21.
19.
Zitiert nach M. Dennis, ebd.