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30.6.2005 | Von:
Karin Weiss

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus

Zahlreiche Vietnamesinnen und Vietnamesen wurden in der DDR qualifiziert oder haben dort gearbeitet. Es werden diejenigen Netzwerke geschildert, die diese zwischen Vietnam und Deutschland aufgebaut haben.

Einleitung

Redet man in der Bundesrepublik Deutschland über Zuwanderung aus Vietnam, ist damit meist von den Migrantinnen und Migranten die Rede, die als vietnamesische Kontingentflüchtlinge in den siebziger Jahren unter starker öffentlicher Anteilnahme in der Bundesrepublik aufgenommen wurden.[1] Weit weniger bekannt ist die Einwanderung der Vietnamesen, die als Schüler, Studierende, Auszubildende und Praktikanten seit den frühen fünfziger Jahren in die DDR kamen oder ab Beginn der achtziger Jahre als Vertragsarbeiter in der DDR eingesetzt wurden. Viele von ihnen sind nach Beendigung ihrer Ausbildung bzw. ihres Arbeitseinsatzes nach Vietnam zurückgekehrt und haben Beträchtliches für die Entwicklung Vietnams und der deutsch-vietnamesischen Beziehungen geleistet.[2]




Schon ab 1955 wurden Schülerinnen und Schüler aus Vietnam in der DDR aufgenommen. Sie waren nach einer Gruppe aus Nordkorea die zweite Gruppe von Kindern, die im Rahmen einer Solidaritätsaktion eine schulische und berufliche Ausbildung in der DDR erhielten. 1955/56 reisten die ersten 348 Kinder in die DDR ein und wurden in Dresden und Moritzburg aufgenommen. Viele dieser Kinder, die im Alter von 10 bis 14 Jahren in die DDR gekommen waren, kehrten erst als Erwachsene nach Vietnam zurück. Trotz unterschiedlichster Biographien verbindet sie aber bis heute auch in Vietnam ihr Leben in der DDR, noch heute führen sie den Namen "Moritzburger". Sie treffen sich regelmäßig und haben in ihren unterschiedlichen Berufen und sozialen Positionen die Entwicklung des heutigen Vietnams mit beeinflusst, wie in der Verbleibsstudie von Mirjam Freytag ausführlich dargestellt wird.[3]

Nach den "Moritzburgern" kamen weitere Gruppen von Vietnamesen zur Qualifizierung in die DDR. Insbesondere wurden im Rahmen der Aktion "Solidarität hilft siegen" Mitte der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre viele Studierende, Schüler und Lehrlinge aus Vietnam in der DDR ausgebildet, um das "sozialistische Bruderland" zu unterstützen.[4] Auch nach der Vereinigung der beiden vietnamesischen Staaten gingen weiterhin kontinuierlich Schüler, Studenten, Lehrlinge und Wissenschaftler aus Vietnam zur Qualifizierung in die DDR.

Zuwanderung zu Lehr- und Ausbildungszwecken

Die Zahlen über die Zuwanderung in die DDR zu Qualifizierungszwecken lassen sich derzeit nur ungenau ermitteln. Eva-Maria und Lothar Elsner beziffern die Zahl ausländischer Studierender in der DDR allein bis 1988 auf insgesamt 42 000,[5] allerdings sind hieraus keine genauen Zahlen für Vietnam zu entnehmen. Man kann jedoch aufgrund der hohen politischen Bedeutung der Solidaritätsaktion mit Vietnam davon ausgehen, dass eine beträchtliche Anzahl dieser Studierenden aus Vietnam stammte. Elsner und Elsner belegen darüber hinaus die Zahl von 2 639 vietnamesischen Praktikanten, die in der Zeit von 1966 bis 1972 in der DDR geschult wurden, sowie von 9 400 Lehrlingen für die Jahre 1973 bis 1981.[6] Das Verzeichnis ehemaliger Studenten der Humboldt-Universität Berlin zählt alleine mehr als 800 Absolventen aus dem Großraum Hanoi.[7] Fast alle diese Schüler, Wissenschaftler und Studierenden sind nach Abschluss ihrer Ausbildungszeit in der DDR nach Vietnam zurückgekehrt.

Die Zusammenarbeit zwischen der DDR und Vietnam hatte zunächst vornehmlich politische Gründe. Mike Dennis beschreibt, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit Vietnams und der DDR von Horst Sindermann, dem Vorsitzenden der Volkskammer in der DDR und SED-Politbüromitglied, hervorgehoben wurde: "... als er 1973 einer Delegation aus Vietnam erklärte: 'Sie haben dem USA-Imperialismus eine Niederlage beigebracht, dem selben USA-Imperialismus, der einige Kilometer von uns entfernt steht.' Bevor Südvietnam 1975 mit Nordvietnam vereinigt wurde, stellten die DDR und andere sozialistische Staaten Nordvietnam beachtliche militärische, finanzielle und wirtschaftliche Hilfe zur Verfügung. Dies geschah im Rahmen von Solidaritätsaktionen mit Völkern und Staaten, die um 'Freiheit und nationale Unabhängigkeit von Kolonialherrschaft und Imperialismus' kämpften."[8]

Arbeitszuwanderung

Mit Beginn der achtziger Jahre kam es zu einer weiteren Form der Migration in die DDR, zur Migration zu Arbeitszwecken. Im Rahmen von Staatsverträgen zwischen der DDR und Vietnam, Kuba, Algerien, Angola und Mosambik wurden seit Beginn der achtziger Jahre[9] Vertragsarbeiter aufgenommen.[10] Die ersten Vertragsarbeiter aus Vietnam kamen bereits 1980. Bis Mitte der achtziger Jahre war ihre Zahl allerdings relativ klein. Almut Riedel spricht für die Zeit von 1980 bis 1984 von insgesamt 8 840 Arbeitskräften.[11] Diese Vertragsarbeiter sollten zum einen den zunehmenden Arbeitskräftebedarf der DDR decken, zum anderen während ihres Arbeitseinsatzes gleichzeitig eine Berufsausbildung erhalten: Etwa 75 Prozent aller in dieser Zeit eingereisten Vertragsarbeiter durchliefen während ihres Arbeitseinsatzes eine berufliche Qualifizierung.[12]

Ab 1987 stieg die Zahl der Vertragsarbeiter sprunghaft an. Allein 1987 wurden 20 446 Arbeiter aufgenommen, 1988 folgten weitere 30 552. Noch 1989 begannen 8 688 vietnamesische Arbeitskräfte ihren Arbeitseinsatz in der DDR.[13] Die später kommenden Arbeiterinnen und Arbeiter erhielten jedoch überwiegend keine Ausbildung mehr, sondern arbeiteten als reine Arbeitskräfte - zu 85 Prozent in der Industrie.[14] Insgesamt wurden nach DDR-Quellen mehr als 68 000 vietnamesische Arbeitskräfte eingesetzt. Vom Ministerium für Arbeit, Invalide und Soziales der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) wird eine etwas höhere Zahl genannt. Danach sind zwischen 1980 und 1990 insgesamt 71 965 vietnamesische Vertragsarbeiter in die DDR gegangen.[15]

Der Arbeitseinsatz in der DDR war nicht nur für die DDR-Wirtschaft von Bedeutung, auch für Vietnam hatte das Arbeitskräfteabkommen große Vorteile. Vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit im eigenen Land hatten die Auslandseinsätze eine gewisse Entlastungsfunktion. Zudem waren sie für die, welche mit Beginn des Abkommens in die DDR kamen, in der Regel mit einer Facharbeiter- oder Teilfacharbeiterausbildung verbunden. Aber auch jene, die nicht mehr qualifiziert wurden, profitierten durch Wissenserwerb vom Aufenthalt in der DDR: Sie erhielten Einblicke in die europäische Kultur und in industrielle Fertigungstechniken. Darüber hinaus ging der Arbeitsaufenthalt der Vietnamesen mit dem Transfer wichtiger Devisen und Gebrauchsgüter nach Vietnam einher. Die DDR zahlte pauschal pro Kopf 180 DDR-Mark pro Jahr an Sozialversicherungsbeiträgen an die SR Vietnam, und jeder Arbeiter hatte 12 Prozent seines Arbeitseinkommens als Beitrag zum Aufbau des Landes direkt an die SR Vietnam abzuführen.[16] Nach Nguyen Van Huong erhielt Vietnam dadurch in den letzten Jahren von seinen Arbeitskräften in der DDR jährlich über 200 Millionen DDR-Mark.[17]

Hinzu kamen die Devisen, die Vietnamesen privat nach Vietnam sandten, um ihre Familien zu unterstützen. So durfte jeder Vertragsarbeiter 60 Prozent seines Nettoarbeitseinkommens, das monatlich 350 DDR-Mark überstieg, nach Vietnam transferieren. Fast alle Familien der Vertragsarbeiter waren vom Verdienst ihrer Angehörigen in der DDR abhängig. Auch konnten diese Waren aus der DDR nach Vietnam schicken, pro Arbeiter zwölfmal jährlich ein Warenpaket im Wert von 100 DDR-Mark, sechsmal jährlich eine Postsendung ohne Wertbegrenzung und am Ende des Aufenthaltes Gegenstände in einer Holzkiste von zwei Kubikmetern. Auf diese Weise gelangten Mopeds und Fahrräder, Nähmaschinen und andere Elektrogeräte, Stoffe, Zucker, Seifen und viele andere Waren nach Vietnam.[18] Für die unter erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidende SR Vietnam waren diese Wareneinfuhren von volkswirtschaftlicher Bedeutung. So berichtet 1989 das Ministeriums für Staatssicherheit der DDR: "Schon mehrmals betonten Regierungsvertreter der SRV in bilateralen Gesprächen mit der DDR, dass der Einsatz vietnamesischer Werktätiger in der DDR 'eine strategische Linie der Außenwirtschaft bilde, deren Effekte es zu erhöhen' gilt. Die Ausfuhr von Konsumgütern in die Heimat wird als der wichtigste Auftrag ihrer Werktätigen in der DDR gesehen".[19]

Neuorientierung im vereinten Deutschland

Mit der Vereinigung beider deutscher Staaten verblieben die Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter zunächst in einem rechtlich ungeklärten Raum. Im Gegensatz zu den ausländischen Arbeitnehmern in der Bundesrepublik Deutschland wurden sie nicht als reguläre Arbeitnehmer, sondern als Werkvertragsarbeiter eingestuft und erhielten damit lediglich eine befristete Aufenthaltsbewilligung für die Zeit des ursprünglich vereinbarten Arbeitsvertrages. Viele dieser Arbeitsverträge wurden jedoch im Zuge der "Wende" aufgelöst, da die zusammenbrechende ostdeutsche Wirtschaft die (Staats-)Verträge zwischen der DDR und Vietnam nicht mehr erfüllen konnte.[20] Es kam zu Änderungsverhandlungen mit den Entsendestaaten, denen allerdings durch den am 18. Mai 1990 unterzeichneten Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten enge Grenzen gesetzt waren. Vertragsarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, erhielten eine Entschädigung von 3 000 DM und freien Rückflug. Da eine Vielzahl der Betriebe der DDR geschlossen wurde, sahen sich auch die Vertragsarbeiter kurz nach der Wende ganz überwiegend der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Viele nahmen aus diesem Grunde das Angebot war, in ihre Heimat zurückzureisen.

Nach Angaben des Ministeriums für Arbeit, Invalide und Soziales der SR Vietnam kehrten bis 1995 45 000 bis 50 000 vietnamesische Vertragsarbeiter in ihre Heimat zurück.[21] Da fast alle Devisen mit nach Hause brachten, hatten die Rückkehrer für Vietnam eine wirtschaftliche Bedeutung. Sie führten im Schnitt 5 000 bis 7 000 Dollar Devisen mit.[22] Do Huang Phu, Handelsrat an der Vietnamesischen Botschaft in Ost-Berlin, nennt eine Summe zwischen 30 000 bis 40 000 DDR-Mark, die jeder Vertragsarbeiter im Durchschnitt während eines fünfjährigen Arbeitseinsatzes in der DDR sparte.[23] Neben diesen privaten Transfers kam es im Juni 1992 zu einem Abkommen zwischen Deutschland und Vietnam über Finanzierungshilfen zur Existenzgründung und beruflichen Eingliederung der ehemaligen Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen. Die Bundesrepublik stellte dafür insgesamt zehn Millionen DM zur Verfügung. Bis 1996 wurden im Rahmen dieses Abkommens 997 Projekte gefördert und 225 Lehrgänge bzw. 76 Existenzgründerseminare durchgeführt.[24] Vietnam war sich der Bedeutung der Rückkehrer für die Entwicklung des Landes durchaus bewusst. So sah das Ministerium schon 1991 in der Rückführung der Arbeitskräfte die Chance, einerseits mit Hilfe dieser Arbeitskräfte Joint-Venture-Projekte mit Deutschland zu initiieren und andererseits mit dem bereits in der DDR geschulten Personal neue Arbeitskräfteabkommen einzugehen, um weitere Devisen zu erhalten.

Die Netzwerke der Rückkehrer

Zwei unterschiedliche Personenkreise kehrten also aus der DDR nach Vietnam zurück: Das sind zum einen seit Beginn der siebziger Jahre Schüler, Lehrlinge und Wissenschaftler, die in der DDR eine Qualifizierung erhalten hatten. Viele von ihnen haben nach ihrer Rückkehr über Jahre hinweg Verbindungen sowohl untereinander als auch nach Deutschland unterhalten. Die Reintegration in Vietnam Mitte der siebziger Jahre war aus sozialen wie ökonomischen Gründen teilweise schwierig, der Zusammenhalt mit den anderen bot hier materielle wie immaterielle Unterstützung. Mit der Öffnung Vietnams nach Westen ("Doi Moi") gewannen viele der in der DDR gesammelten Kenntnisse an Bedeutung: Rückkehrer sind ebenso im aufstrebenden Tourismus tätig wie als Mittler und Dolmetscher für deutsche Investoren und Institutionen. Die Ergebnisse der Studie von Mirjam Freytag wie auch meine Interviews 2004 in Hanoi verweisen auf eine hohe Vernetzung ehemaliger Studierender aus der DDR.[25] Sie haben die seit Anfang der neunziger Jahre beginnende Öffnung Vietnams nach Westen mitgetragen und durch ihre in der DDR gewonnenen Erfahrungen als kulturelle Mittler fungieren können.

Fast alle werteten ihren Aufenthalt in Deutschland als eine positive Zeit; gemessen an den Lebensbedingungen im damaligen Vietnam war die DDR - trotz aller Beschränkungen - ein "Paradies", wie manche sie in den Interviews bezeichneten. Sowohl die Studie von Freytag über die "Moritzburger" als auch eigene Interviews liefern eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass die gemeinsame Vergangenheit in der DDR und die positive Bindung an Deutschland für sie auch nach ihrer Rückkehr nach Vietnam eine bedeutende Rolle im weiteren Leben spielte.

Die zweite Gruppe der Rückkehrer waren die Vertragsarbeiter, die mit der "Wende" nach Vietnam zurückkehrten. Schon zu DDR-Zeiten hatten diese gut funktionierende Netzwerke aufgebaut. Eine Reihe von Gründen begünstigte die Netzwerkbildung. Die Vertragsarbeiter wurden in separaten Wohnheimen untergebracht und waren auch in eigenen "Arbeitskollektiven" tätig.[26] Die Bedingungen am Arbeitsplatz wie im Wohnheim unterschieden sich erheblich von denen der DDR-Bevölkerung. Private Beziehungen zu Deutschen waren unerwünscht. Arbeitseinsatz, Unterbringung, alle Rechte und Pflichten der Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter wurden im Staatsvertrag bzw. in Jahresprotokollen zwischen der DDR und der SR Vietnam festgelegt; die Arbeiter selbst verfügten über keinen individuellen Arbeitsvertrag mit einklagbaren Rechten. Der Aufenthalt in der DDR war von vornherein zeitlich begrenzt, eine Integration in die DDR-Gesellschaft nicht erwünscht. Vor dem Hintergrund der sehr schwierigen Lebensbedingungen im Heimatland war der Aufenthalt in der DDR für die Vietnamesen - ungeachtet aller Einschränkungen und Repressionen - trotzdem sehr erstrebenswert.[27] Die Arbeit sicherte nicht nur die eigene Existenz, sondern ermöglichte es den Vertragsarbeitern auch, ihre in Vietnam zurückgebliebenen Familien zu unterstützen.[28]

Trotz der ständigen Aufsicht und Überwachung entwickelten sich informelle Netzwerke, mit denen sowohl soziale als auch ökonomische Ziele verfolgt wurden und die sogar über überregionale Strukturen verfügten. Neben der Funktion, die restriktiven Lebensbedingungen in den Wohnheimen zu erleichtern und dringend benötigte Nebenerwerbsquellen zu erschließen, boten sie sowohl die Möglichkeit zur Pflege der eigenen Kultur als auch Schutz vor ablehnenden Reaktionen von Seiten der deutschen Bevölkerung, die es trotz der offiziellen Freundschafts- und Solidaritätserklärungen immer wieder gab.[29] Die Netzwerke gaben damit nicht nur emotionalen Rückhalt; sie fungierten auch als handfeste Hilfe im Alltag, sie waren für die soziale Situation und die Identität der Vertragsarbeiter unerlässlich.

Die in der DDR geknüpften Netzwerke blieben auch in der Wendezeit bestehen. Während für die in Deutschland verbliebenen Vertragsarbeiter die Bindung an die ethnische Community im Chaos der Wendezeit überlebenswichtig war, da fast alle Arbeitsverträge aufgelöst wurden, die staatlichen Institutionen für einen Verbleib in Deutschland zunächst jedoch keinerlei Hilfestellung boten,[30] hielten auch die Vertragsarbeiter, die - freiwillig oder eher unfreiwillig - nach Vietnam zurückkehrten, die Vernetzung untereinander nach Möglichkeit aufrecht. Diese Netzwerke dienten sowohl der gegenseitigen wirtschaftlichen Hilfe als auch dem sozialen Austausch; sie halfen, den Kulturbruch zwischen der vietnamesischen und der DDR-Kultur zu überbrücken. Viele der Zurückgekehrten unterhalten dabei auch heute noch regelmäßigen Kontakt zu ehemaligen Vertragsarbeitern, die nach dem Zusammenbruch der DDR in Deutschland verblieben waren. Auch diese pflegen bis heute ethnische Netzwerke. Der Kampf um die Existenz und das Überleben im Nachwendedeutschland hat zu einem engeren Zusammenrücken der in Deutschland lebenden Vietnamesen geführt; bis heute leben viele der ehemaligen Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter eng auf die eigene Community bezogen.

So haben sich die in der DDR aufgebauten Netzwerke bis heute erhalten. Sie haben sich in dem Sinne sogar ausgebreitet, als heute wieder engere Verbindungen nach Vietnam bestehen, da durch die Bleiberechtsregelung von 1997 die Aufenthaltsfrage geklärt ist und Reisen in die Heimat somit ohne Schwierigkeiten möglich sind. Viele der ehemaligen Vertragsarbeiter haben inzwischen ihre damals in Vietnam verbliebenen Kinder nach Deutschland geholt, und kulturelle und wirtschaftliche Querverbindungen haben sich zwischen den Netzwerken der Ehemaligen aus der DDR in Vietnam und den vietnamesischen Netzwerken in Deutschland nach der Wende herausgebildet.

Der Nutzen der Netzwerke

Die Netzwerke der ehemaligen Studenten und Schüler wie auch die der Vertragsarbeiter basieren dabei auf einer positiven emotionalen Bindung an Deutschland, die nahtlos von der DDR auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen wurde. Sie können als stabile Basis für positive Beziehungen auch zum vereinten Deutschland gesehen werden. Die Netzwerke waren bei der individuellen, sozialen und wirtschaftlichen Reintegration sehr hilfreich und fungieren bis heute als ökonomische Stütze. Sie haben bei Existenzgründungen geholfen und nicht zuletzt durch deutsche Kredite Arbeitsplätze in Vietnam geschaffen. In der bereits zitierten Studie des Sozialministeriums in Vietnam (1996) werden alleine ca. 14 000 Arbeitsplätze erwähnt, die durch das Rückkehrerprogramm der Bundesrepublik Deutschland in Vietnam entstanden seien.[31] Einer der Rückkehrer begann beispielsweise damit, in Hanoi sehr erfolgreich Thüringer Bratwurst zu produzieren; er beschäftigt heute eine Vielzahl von Arbeitskräften.

Gleichzeitig dienen die Netzwerke auch den sich inzwischen in Deutschland etablierenden vietnamesischen Unternehmern als Basis etwa beim Aufbau deutsch-vietnamesischer wirtschaftlicher Beziehungen.[32] Auch deutsche Investoren nutzen die Netzwerke und die Kompetenzen der ehemaligen Vertragsarbeiter. Die Rückkehrer, durch die zu DDR-Zeiten Devisen nach Vietnam flossen, sind auch heute von wirtschaftlichem Nutzen für ihr Land: Sie treiben die Entwicklung voran und unterstützen die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zur Bundesrepublik. Nicht wenige der ehemaligen Vertragsarbeiter versuchen heute, ihre Kinder zur Ausbildung nach Deutschland zu schicken, wofür sie teilweise erhebliche finanzielle Mittel aufwenden.

Auch in anderer Form wird Entwicklung unterstützt. Als Beispiel sei ein vietnamesischer Unternehmer in Deutschland genannt, der 1986 ohne eigene finanzielle Mittel von seiner Dorfgemeinschaft zum Studium in die DDR geschickt worden war. Er brachte es nach der Wende im Herbst 1998 zu einem erfolgreichen Unternehmer und Mediator zwischen Deutschland und Vietnam. Er sieht es heute als seine Pflicht an, seinerseits begabte Schülerinnen und Schüler seines Heimatdorfes ebenso wie soziale Einrichtungen durch Spenden zu unterstützen. Von der Dorfgemeinschaft, die ihm den Weg in die DDR ermöglicht hatte, wird dies auch erwartet. Dies ist sicherlich kein Einzelfall, sondern Ausdruck der Verbindung traditioneller vietnamesischer sozialer Stützungsstrukturen mit westlicher Qualifizierung.

Die Netzwerke der Rückkehrer haben noch eine weitere Funktion: Sie bilden ein nicht zu unterschätzendes Reformpotenzial. So sind etwa die ehemaligen "Moritzburger" fast alle in mittleren bis leitenden Positionen tätig und nehmen damit Einfluss auf die Entwicklung des Landes. Mehrere Minister und Vizeminister haben ihr Studium in der DDR absolviert, ihr Wissen fließt in ihre Arbeit mit ein; ihre in der DDR geknüpften Verbindungen sind ihnen heute nützlich. Auch die Vertragsarbeiter hatten bei ihrer Rückkehr europäisches Know-how und die Kenntnis westlicher Mentalität im Gepäck, was ihnen und ihrem Heimatland nützlich ist: Vietnam ist heute aufnahmebereit für diese Einflüsse. Waren die Kompetenzen, welche die Absolventen der DDR-Universitäten mitbrachten, Mitte der siebziger Jahre im Land oft nicht nutzbar, so werden solche Kenntnisse heute - infolge des Aufbaus und der Öffnung des Landes nach Westen - dringend gesucht und genutzt. Die vietnamesische Regierung hat die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich durch die Rückkehr der Schüler und Schülerinnen, Studierenden und Arbeitskräfte bieten, frühzeitig erkannt. So formulierte das Sozialministerium bereits 1993: "Die Gemeinschaft der Vietnamesen, die im Ausland eingesetzt waren, speziell in Deutschland, sind soziale Arbeitskräfte mit hoher Qualität, besitzen technisch-fachliches Können in vielen ökonomischen Branchen. Das sind Arbeitskräfte, die sehr wichtig für die sozial-ökonomische Entwicklung in den lokalen Orten und Entwicklungen sind."[33]

Auch politisch werden die Beziehungen Vietnams zu den im Ausland lebenden Vietnamesen heute als bedeutsam eingeschätzt und von der Regierung bewusst gefördert. Nach einem Bericht der Viêt Nam News von 2005 wird dem Ausbau der Beziehungen zu im Ausland lebenden vietnamesischen Wissenschaftlern, Künstlern, Wirtschaftsleuten und Akademikern für die wirtschaftliche Entwicklung Vietnams eine hohe Bedeutung zugemessen, sie soll in der Zukunft stärker gefördert werden. Es gibt dem Bericht zufolge sogar Überlegungen, die doppelte Staatsangehörigkeit zu ermöglichen, um diese Beziehungen flexibler gestalten zu können. Der Bericht benennt private Geldtransfers von Auslandsvietnamesen im Wert von derzeit mehr als drei Milliarden US-Dollar jährlich, die nicht nur den Familienangehörigen zugute kommen, sondern auch die Entwicklung der Ökonomie und der Gesellschaft in Vietnam vorantreiben. Und der stellvertretende Außenminister Nguyên Phú Bình formuliert abschließend: "We highly value the overseas Vietnamese community's contribution to their fatherland."[34]

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Fußnoten

1.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird der Plural bei Personen männlichen und weiblichen Geschlechts im Text nicht immer korrekt gebraucht. Männliche Formen sollen im Folgenden aber immer auch weibliche Personen mit einschließen.
2.
Die folgenden Aussagen über ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter(innen) und Studierende in der DDR stützen sich zum einen auf die vorliegenden Materialien und Schriften, einschließlich "grauer" Literatur. Zum anderen basieren sie auf Interviews mit Vertretern der Büros der Ausländerbeauftragten, vietnamesischen Vereinen. Die Daten wurden im Rahmen des Forschungsprojektes "From Foreignness to Social Citizenship - the History of Former Contract Workers in East Germany 1980 - 2000" an der Universität Wolverhampton, Großbritannien, erhoben. Leiter des Projektes waren Mike Dennis und Eva Kolinsky.
3.
Vgl. Mirjam Freytag, Die "Moritzburger" in Vietnam: Lebenswege nach einem Schul- und Ausbildungsaufenthalt in der DDR - Vermitteln in interkulturellen Beziehungen, Frankfurt/M. 1998.
4.
Vgl. Günter Wernicke, "Solidarität hilft siegen!" - Zur Solidaritätsbewegung mit Vietnam in beiden deutschen Staaten. Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre, Hefte zur DDR-Geschichte, Nr. 72, Berlin 2001.
5.
Vgl. Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR. Hefte zur DDR-Geschichte, Nr. 2, Berlin 1992, S. 16 - 18.
6.
Vgl. ebd.
7.
Angaben aus Gesprächen mit Vertretern der HU Berlin.
8.
Mike Dennis, Die vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR, 1980 - 1989, in: Karin Weiss/Mike Dennis (Hrsg): Erfolg in der Nische? Die Vietnamesen in der DDR und in Ostdeutschland, Münster 2005, S. 16.
9.
Erste Arbeitskräfte kamen bereits Anfang der siebziger Jahre aus Algerien, allerdings nur in geringer Zahl. Erst ab Anfang der achtziger Jahre kann deshalb von Arbeitsmigration in größerem Umfang geredet werden.
10.
Zur Geschichte der Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen vgl. u. a. K. Weiss/M. Dennis (Anm.8); Helga Marburger (Hrsg.), "Und wir haben unseren Beitrag zur Volkswirtschaft geleistet": eine aktuelle Bestandsaufnahme der Situation der Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR vor und nach der Wende. Werkstattberichte, Interkulturelle Forschungs- und Arbeitsstelle der TU Berlin, Frankfurt/M. 2003; Andreas Müggenberg - Der Bundesbeauftragte der Bundesregierung für die Belange der Ausländer, Die ausländischen Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR - Darstellung und Dokumentation, Berlin 1996; Almut Riedel, Algerische Arbeitsmigranten in der DDR. "... hatten doch ooch Chancen, ehrlich!", Opladen 1994; Uli Sextro, Gestern gebraucht - heute abgeschoben. Die innenpolitische Kontroverse um die Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 1996.
11.
Vgl. A. Riedel, ebd.
12.
Vgl. Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Zwischen Nationalismus und Internationalismus. Über Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR 1949 - 1990, Rostock 1994, S. 5.
13.
Vgl. A. Riedel (Anm. 10), S. 5.
14.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 16.
15.
Ministerium für Arbeit, Invalide und Soziales der SR Vietnam/Friedrich-Ebert-Stiftung, Zur Situation ehemaliger vietnamesischer Gastarbeiter. Eine Studie über die aus der einstigen DDR vorzeitig zurückgekehrten Arbeiternehmer/Innen in der SR Vietnam, Hanoi-Bonn 1991, S. 5.
16.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 20ff.
17.
Vgl. Nguyen Van Huong, Die Politik der DDR gegenüber Vietnam und den Vertragsarbeitern aus Vietnam sowie die Situation der Vietnamesen in Deutschland heute, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit", Band VII/2, Baden-Baden-Frankfurt/M. 1999, S. 1301 - 1363, S. 1329.
18.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 21.
19.
Zitiert nach M. Dennis, ebd.
20.
Vgl. dazu u. a. U. Sextro (Anm. 10).
21.
Vgl. Ministerium für Arbeit, Invalide und Sozialwesen des SR Vietnam, Konferenz zur Auswertung der Durchführung des vietnamesisch-deutschen Rückkehrerprogramms, Übersetzung durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Hanoi, Hanoi 1996, S. 1.
22.
Vgl. ebd..
23.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8), S. 29.
24.
Vgl. Ministerium für Arbeit, Invalide und Sozialwesen des SR Vietnam (Anm. 21), S. 4 ff.
25.
Vgl. M. Freytag (Anm. 3).
26.
Zur Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen vgl. K. Weiss/M. Dennis (Anm. 8).
27.
Über die positive Bewertung der Lebensbedingungen in den Wohnheimen vgl. auch M. Dennis (Anm. 8); Wilhelm Breuer, Ausländerfeindlichkeit in der ehemaligen DDR. Studie zu Ursachen, Umfang und Auswirkungen von Ausländerfeindlichkeit im Gebiet der ehemaligen DDR und zu den Möglichkeiten ihrer Überwindung. Eine Untersuchung des ISG im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Köln 1990.
28.
So heißt es z.B. in einem von mir im Oktober 2003 geführten Interview: "Ich finde das schön, wir waren jung und fast alle ohne Familienangehörige da, auch viele sind verheiratet, waren verheiratet, aber die sind, die waren alleine da, in der DDR. ... die Familien waren in Vietnam ...
War das nicht schwierig?
Na, für viele schon, aber die nahmen alles in Kauf, weil die möchten was für die Familien tun, weil das Leben in Vietnam, das Leben nach dem Krieg war sehr schwierig ..."
29.
Vgl. M. Dennis (Anm. 8); Marianne Krüger-Potratz, Anderssein gab es nicht - Ausländer und Minderheiten in der DDR, Münster 1991.
30.
Vgl. Karin Weiss, Nach der Wende: Vietnamesische Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen in Ostdeutschland heute, in: K. Weiss/M. Dennis (Anm. 8), S. 77 - 98.
31.
Vgl. Sozialministerium Vietnam (Anm. 21).
32.
Vgl. auch Dao Minh Quang, Wirtschaftliche Strukturen der ehemaligen Vertragsarbeiter/innen in Deutschland, in: K. Weiss/M. Dennis (Anm. 8), S. 119 - 128.
33.
Ministerium für Arbeit, Invaliden und Soziales, Zusammenfassender Bericht über die Studie der vietnamesischen Rückkehrer aus Deutschland, Hanoi 1993, S. 20.
34.
Zitiert nach Viêt Nam News, 2. April 2005, S. 5.