APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Das System der Vereinten Nationen


23.5.2005
Durch viele neue Mitglieder und die Zunahme der Aufgabenvielfalt hat sich das System der Vereinten Nationen enorm ausgeweitet. Eine Vereinfachung der Struktur ist angesagt.

Einleitung



Sowohl in den Dokumenten der Vereinten Nationen (VN) als auch in der Fachliteratur hat sich der Begriff "System der Vereinten Nationen" bzw. "VN-System" durchgesetzt. Damit wird zunächst deutlich, dass die VN nicht identisch sind mit dem VN-System, zu dem außer den VN einschließlich ihrer sechs Hauptorgane und deren Nebenorgane sowie den von der Generalversammlung eingesetzten Spezialorganen auch die Sonderorganisationen gehören. Das VN-System stellt ein komplexes System dar. Der größte Teil dieses diffizilen Geflechtes von Organen, Gremien, Organisationen und anderen Einrichtungen bleibt unsichtbar und kann nur durch zusätzliche Klassifikationen zumindest annäherungsweise beschrieben, auf keinen Fall aber in einer einzigen Abbildung dargestellt werden. Es bleibt daher festzuhalten, dass das heutige VN- System aus einem Dickicht von höchst verschiedenartigen, teils abhängigen, teils unabhängigen Institutionen besteht. Es handelt sich um ein Institutionengeflecht, das im Laufe der 60-jährigen Geschichte immer undurchschaubarer geworden ist, dessen Grenzen immer weniger zu bestimmen sind.

Beginnen wir zunächst mit der Identifizierung der Vielzahl der Institutionen, die das VN-System heute ausmachen. Dies ist einerseits ein Problem der horizontalen Abgrenzung des Systems, d.h. ein Problem der Definition von System und Umwelt, das im Falle einzelner VN-Institutionen einfacher zu beschreiben ist als für das Gesamtsystem der VN. Andererseits ist es ein Problem der vertikalen Abgrenzung des Systems, d.h. der Systemhierarchie bzw. -tiefe. Abbildung 1 ist insofern eine ungleichgewichtige Darstellung, als nur die VN mit ihren sechs Hauptorganen und 19 Spezialorganen sowie durch unterschiedlich spezifizierte Hinweise auf den keinesfalls vollständig aufgeführten "Unterbau" der Hauptorgane Generalversammlung, Sicherheitsrat und Wirtschafts- und Sozialrat in einer "Systemtiefe" dargestellt werden, die im Falle der 17 autonomen Sonderorganisationen völlig fehlt. In den meisten Fällen verfügen die Sonderorganisationen über sogenannte funktionale Äquivalente, wie z.B. drei "Hauptorgane" (Versammlung, Rat, Sekretariat) und deren "Nebenorgane" sowie über zahlreiche "Spezialorgane".

Ebenfalls "unsichtbar" bleibt - mit Ausnahme der Nennung von Regionalkommissionen des Wirtschafts- und Sozialrats, die ihrerseits jedoch noch etwa 50 Nebenorgane haben - die regionale Ausdifferenzierung; dies gilt sowohl für die VN und ihre Spezialorgane (das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) verfügt über mehr als 140 Standorte "im Feld") als auch für die Sonderorganisationen mit ihrer Vielzahl von Regionalbüros (im Falle der UNESCO etwa 50). Neben der formalrechtlichen Zuordnung der einzelnen VN-Institutionen können funktionale Unterscheidungen vorgenommen werden, nämlich: - in Institutionen mit allgemeiner Ausrichtung, wie die VN mit der Vielzahl ihrer Spezialorgane und die vier "großen" Sonderorganisationen FAO für Ernährung und Landwirtschaft, ILO für Arbeit, UNESCO für Bildung, Wissenschaft und Kultur, UNIDO für Industrialisierung und WHO für Gesundheit, die - obwohl mit der selektiven Wahrnehmung bestimmter ökonomisch-sozialer Probleme beauftragt - tendenziell alle Aspekte behandeln; - in die sogenannten technischen Sonderorganisationen mit sehr hohen Mitgliederzahlen sowie relativ kleinen Haushalten, die in Bereichen des weltweiten Interesses allgemeine Regeln aufstellen und überwachen (UPU für den Weltpostverkehr, ITU für die Telekommunikation, IMO für die internationale Schifffahrt, WMO für die Wettervorhersagen, WIPO für das geistige Eigentum sowie die IAEA für die Atomenergie); und - in die sogenannten Währungs- und Finanz-Organisationen mit ihren Besonderheiten hinsichtlich Mitgliedschaft, Finanzierung und internen Entscheidungsregeln (IMF, IBRD, IDA, IFC, ferner auch IFAD).

Wenn von der Vielzahl der Institutionen des VN-Systems die Rede ist, dann handelt es sich in den meisten Fällen um zwischenstaatliche Organisationen, in denen die Vertreter von Regierungen mitwirken. Aber es gibt auch Ausnahmen, wie z.B. Experten-Ausschüsse, zu denen auch der Rat der UNU gehört. Auch die "Grenzen" des VN-Systems lassen sich keinesfalls eindeutig festlegen, wenn man z.B. an das weltweite Netzwerk der Universitäten und Forschungseinrichtungen denkt, die der UNU angeschlossen sind.

Im Jahre 1945, als die Charta der Vereinten Nationen verabschiedet und innerhalb kurzer Zeit ratifiziert wurde, ging man von einer recht einfachen Struktur aus, bestehend aus einem Innen- und Außenbezug. Im Innenverhältnis befinden sich die sechs Hauptorgane (Artikel 7, Absatz 1 der Charta), die je nach Bedarf Nebenorgane einsetzen können (Artikel 7, Absatz 2 der Charta). Umgeben werden sollten die Hauptorgane von einem Schirm von Sonderorganisationen, mit denen sehr enge Beziehungen bestehen (vgl. Artikel 57, 58 und 63 der Charta).

Im Folgenden sollen zunächst die sechs Hauptorgane mit ihren Nebenorganen kurz beschrieben werden. Ein weiterer Abschnitt ist den Spezialorganen gewidmet, einer weiteren Kategorie von Nebenorganen der Generalversammlung. Dann folgt eine Übersicht zu den Sonderorganisationen. Im abschließenden Teil soll auf die Koordinierungsprobleme und Reformbemühungen eingegangen werden.