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10.5.2005 | Von:
Emanuel Richter

Die Einbürgerung des Islams – Essay

Die Nationalstaaten in Europa pflegen die Fiktion einer homogenen nationalen Kultur. Die Migration seit 40 Jahren belehrt sie darüber, dass alle Gesellschaften mit Verschiedenartigkeit umzugehen haben.

Einleitung

Die Nationalstaaten in Europa zehren seit Mitte des 17. Jahrhunderts von der Fiktion, dass sich in ihnen Gesellschaft, Territorium und Staatsgewalt harmonisch und homogen zusammenfügen. Seit dem Westfälischen Frieden hat sich ein beharrliches Selbstbild der westlichen Europäer festgesetzt: Die Bürger sind durch ihre kulturelle Zusammengehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft verbunden, und die Grenzen des Territorialstaats entsprechen den ethnischen Scheidelinien benachbarter Völker. Karl W. Deutsch hat diese Vorstellung einmal ironisch zugespitzt: "Eine Nation ist ein Volk in Besitz eines Staates."[1]




Der Traum von der nationalen Einheit ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Dieses Land hat über lange historische Zeiträume hinweg um seine Konturen als Nationalstaat gerungen und gilt im Vergleich zu europäischen Nachbarländern bis heute als "verspätete Nation" - verspätet übrigens auch in Hinblick auf die demokratische Legitimation ihrer wechselhaften politischen Gestalt.[2] Allen nationalen Sehnsüchten, Mythen und Visionen im westeuropäischen Raum bleibt jedoch nüchtern entgegenzuhalten: Die Gesellschaften, die in den modernen Territorialstaaten in Europa zusammenleben, sind keine homogenen Gebilde. Die Völker waren immer schon vielgliedriger und disparater, als es die Idee der nationalen Einheit suggeriert. Die Bürgerinnen und Bürger der Staaten Europas bleiben in Hinblick auf ihren rechtlichen und sozialen Status, auf ihre politische und kulturelle Identität, auf ihre ethnische und religiöse Zugehörigkeit verschiedenartig. Diesen Befund gilt es, als Einsicht von historischer Tragweite zu akzeptieren - in Europa, und besonders in Deutschland.

Freilich lässt sich eine wechselhafte Dynamik im Hinblick auf den Zusammenhalt der nationalen Gesellschaften erkennen. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts breitet sich eine Welle wachsender sozialer und kultureller Heterogenität in den europäischen Nationalstaaten aus, die in eine weltweite Bewegung eingebettet ist: Das Stichwort lautet Migration. Verursacht von verschärften weltwirtschaftlichen Verteilungskämpfen, aber auch von vielen anderen Faktoren, strömen Arbeitssuchende und Flüchtlinge in die Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre. Es ist gar die Rede von einer "neuen Völkerwanderung"[3]. Die eingesessenen Bürgerinnen und Bürger der europäischen Nationalstaaten erleben diese "Völkerwanderung" als kollektive Erschütterung ihres bisherigen Zusammenhalts. Die alten, geschönten Selbstbilder von nationaler Homogenität zerbröckeln, neue tragfähige Identitäten sind nicht in Sicht. Die Aussicht, man könnte ein "Einwanderungsland" werden oder gar schon eines sein, führt zu angstvoller Realitätsverleugnung oder zu panischen Abwehrreaktionen. Die Indizien sind scheinheilige Platitüden über den nationalen Zusammenhalt und plumpe Reflexe einer verschärften Fremdenfeindlichkeit.

Weil Religionen im Allgemeinen und die monotheistischen Glaubenssysteme im Besonderen viel zur gesellschaftlichen Integration beitragen, machen sich die Ressentiments gegenüber der wachsenden Migration vor allem am religiösen Bekenntnis derjenigen fest, die in die vermeintlich fest gefügten nationalen Gesellschaften vordringen. Viele der hinzugekommenen ausländischen Staatsbürger, der Arbeitssuchenden, Asylbewerber oder Flüchtlinge stammen aus muslimisch bestimmten Kulturen. Deshalb wird der Islam zur weltanschaulichen und vor allem kulturellen Herausforderung der christlich geprägten "Nationen" stilisiert - wobei das in Europa noch immer marginalisierte Judentum zwischen alle Fronten gerät und sich einem beschämenden Antisemitismus von beiden Seiten ausgesetzt sieht. Der Antagonismus zwischen Christentum und Islam spült alte Überlieferungen und kollektive Traumata von kriegerisch ausgetragenen Glaubenskämpfen in Europa ins öffentliche Bewusstsein - symbolisiert im historischen Menetekel der "Türken vor Wien".

Der kulturelle Glaubensgegensatz wird angestachelt durch eine Reihe von fatalen Entwicklungen und globalen Verkettungen. Ein islamistischer Fundamentalismus, der den Kulturkampf gegen die dekadente christliche - und kapitalistische - Welt ausgerufen hat, gewinnt in vielen Regionen an Bedeutung; der transnational agierende Terrorismus bauscht die Glaubensgegensätze zu kriegerischen Frontlinien auf; politisch und kulturell motivierte Morde - wie der spektakuläre "Ritualmord" an Theo van Gogh in den Niederlanden im November vergangenen Jahres - bekunden die Bereitschaft zum schrankenlosen religiösen Fanatismus.

Diese fatalen Rahmenbedingungen heizen umgekehrt pauschale Ressentiments gegenüber andersgläubigen Migranten im eigenen Land bis zur offenen Ausgrenzung oder gar zum Ruf nach Vertreibung an.[4] Das Bekenntnis zum Islam wird zum "Ausschlusskriterium" gesellschaftlicher Integration - und spiegelt sich übrigens in den fast unüberwindlichen Hürden für die Türkei wider, den Anschluss an das als "christlich" deklarierte System der supranationalen europäischen Kooperation zu erlangen. Verfolgungswahn breitet sich auf beiden Seiten aus. Ein so harmloses Identitätsmerkmal wie der symbolische Ausdruck, den man einer Kopfbedeckung verleiht, spitzt sich in einem Anfall von Hysterie in vielen europäischen Gesellschaften zum skurrilen Symbol eines erbitterten Glaubensstreits zu. Deutlich zeichnet sich die Tendenz ab: Die Integration von Muslimen in die europäischen Gesellschaften scheint zu misslingen.


Fußnoten

1.
Karl W. Deutsch, Nationenbildung - Nationalstaat - Integration, Düsseldorf 1972, S. 204.
2.
Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. VI, Frankfurt/M. 1982.
3.
Alf Mintzel, Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde, Passau 1997, S. 95.
4.
Vgl. Mehmet Mihri Özdogan, Das rauschhafte Ende von Multikulti, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, (2005) 2, S. 6.