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10.5.2005 | Von:
Rainer Brunner

Zwischen Laizismus und Scharia: Muslime in Europa

Ein Fatwa-Rat für Europa

Unter den Muslimen fehlt es nicht an Wortmeldungen zum Thema, und nicht immer stammen sie von denen, die seit langem in Europa leben. Institutionen und einzelne Gelehrte aus den islamischen Kernländern versuchen, auf die Diskussion Einfluss zu nehmen. Das ist nichts Neues, denn die Islamische Weltliga ist bereits seit ihrer Gründung 1962 auf diesem Gebiet im Westen sehr aktiv.[4]

Der zurzeit vermutlich bekannteste Wortführer auf diesem Gebiet ist Yusuf al-Qaradawi, einer der einflussreichsten Theologen des zeitgenössischen Islams und eine Galionsfigur des modernen Islamismus, der auch im Internet präsent ist. Vor beinahe dreißig Jahren schrieb er ein schmales, aber vielbeachtetes Buch über die Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft.[5] Heute tritt der bald 80-Jährige zunehmend als juristische Autorität für Muslime in westlichen Gesellschaften auf. So veröffentlichte er 2001 im Auftrag der Islamischen Weltliga in Mekka ein Buch über die rechtlichen Aspekte islamischen Lebens im Westen. Qaradawi zielt darin auf eine Interpretation des islamischen Rechts ab, die auf die lokale Situation von Muslimen in Europa Rücksicht nimmt und zugleich die Bewahrung der Prinzipien der Scharia garantiert.[6] Damit stellte er sich an die Spitze einer in den letzten Jahren entstandenen Literaturgattung im islamischen Recht, deren Autoren - häufig außerhalb Europas ansässig - die Schaffung eines spezifischen muslimischen Minderheitenrechts vorschlagen. Im Gegensatz zu seinem Buch über die Situation von Nichtmuslimen unter dem Islam hält sich Qaradawi hier nicht lange mittheologisch-juristischen oder historischen Exkursen auf, um die Überlegenheit und den Herrschaftsanspruch des Islams zu beweisen. Stattdessen konzentriert er sich auf Alltagsprobleme von Muslimen in einer andersgläubigen Umgebung. In erster Linie sind das familienrechtliche Bestimmungen sowie die Frage des Hauskaufs. Gerade Letztere ist vor dem Hintergrund des islamischen Zinsverbots einerseits und eines Bankenwesens, in dem Zinsen eine Selbstverständlichkeit sind, andererseits von zentraler Bedeutung.[7]

Auf europäischer Ebene bemüht sich seit einigen Jahren der Europäische Fatwa-Rat (Majlis Uruba li-l-ifta' wa-l-buhuth) um eine institutionalisierte Anwendung dieses Minderheitenrechts. Das 1997 gegründete Gremium, dessen Präsident Qaradawi ist, hat seinen Sitz in Dublin und besteht gemäß seiner Webseite aus 32 Mitgliedern, von denen 20 aus verschiedenen europäischen Ländern kommen.[8] In den vergangenen Jahren ist der Rat mit mehreren Fatwa-Sammlungen in Erscheinung getreten, in denen es nicht mehr in erster Linie um althergebrachte Prinzipienreiterei geht, etwa ob ein Muslim überhaupt unter "Ungläubigen" leben dürfe oder ob Glaubensabtrünnige zu töten seien. Im Vordergrund stehen Fragen eines islamgemäßen Lebens (was Speise- oder Kleidungsvorschriften einschließt), das Familienrecht und vor allem Aspekte vermögensrechtlicher Natur: Kreditkartennutzung, Spendenverwaltung, Zinsverbot.[9]

Auf seiner Webseite widmet der Fatwa-Rat den verstorbenen saudischen Muftis Ibn Baz und Muhammad al-'Uthaimin sowie deren klassischen Vorbildern Ibn Taimiya und Ibn Qayyim al-Jauziya große Aufmerksamkeit. Auch wenn das wahhabitische Regime in Saudi-Arabien offiziell nicht in Erscheinung tritt, zeigt sich darin doch die konservative Grundhaltung dieses Gremiums.


Fußnoten

4.
Vgl. Reinhard Schulze, Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur Geschichte der Islamischen Weltliga, Leiden 1990, S. 408ff. Einflussnahme von außen ist per se noch nicht problematisch, jedenfalls solange man dem Vatikan dasselbe für die afrikanischen oder lateinamerikanischen Katholiken zugesteht.
5.
Yusuf al-Qaradawi, Ghayr al-muslimin fi l-mujtama' al-islami, Kairo 1977; engl. Übers.: Non-Muslims in the Islamic Society, Indianapolis 1985; zu seiner Biographie siehe Janet Kursawe, in: Orient, 44 (2003), S. 523 - 530; vgl. ferner seine Website www.qaradawi. net.
6.
Vgl. Fi fiqh al-aqalliyyat al-muslima. Hayat al-muslimin wasta al-mujtama'at al-ukhra, Kairo 1422 (2001), S. 30ff.
7.
Vgl. ebd., S. 87ff., 154ff.; vgl. dazu Alexandre Caeiro, The Social Construction of Shari'a: Bank Interest, Home Purchase, and Islamic Norms in the West, in: Die Welt des Islams, 44 (2004), S. 351 - 375.
8.
Vgl. www.e-cfr.org/eng.
9.
Vgl. A. Caeiro (Anm. 7); Mathias Rohe, Ifta' in Europa, in: H.G. Ebert/T. Hanstein (Hrsg.), Beiträge zum islamischen Recht III, Frankfurt/M. 2003, S. 33 - 53.