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10.5.2005 | Von:
Rainer Brunner

Zwischen Laizismus und Scharia: Muslime in Europa

Für einen laizistischen Islam?

Auf der anderen Seite des Spektrums steht der in vielerlei Hinsicht radikalste Versuch seitens eines "offiziellen" Vertreters von Muslimen in Europa, Islam und Säkularismus zusammenzubringen. Er stammt von Soheib Bencheikh, dem Mufti von Marseille. Der 1961 in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda geborene Spross einer algerischen Gelehrtenfamilie studierte an der Azhar-Universität in Kairo und an der Ecole Pratique des Hautes Etudes in Paris und ist mit beiden Gesellschaften vertraut. 1998 publizierte er ein Buch mit dem provokanten Titel "Marianne et le Prophète", in dem er nichts weniger fordert, als laizistisches Denken zum Eckpfeiler nicht nur des europäischen Islams zu machen. Es gehe, so Bencheikh, nicht um blinde Nachahmung westlicher Strukturen oder Lebensformen, sondern um eine Reform des Islams im Lichte der Erfordernisse der französischen Gesellschaft. Sein erklärtes Ziel ist die "harmonische Integration des Islams, und die Suche nach der Vereinbarkeit seiner ursprünglichen Botschaft mit der wohlverstandenen und klar definierten französischen laïcité".[10]

Für Bencheikh ist Laizismus weder der Übergang zu einer rein rationalen und positivistischen Metaphysik noch der Kampf des Staates gegen alles Religiöse. Vielmehr sieht er als das Wesen des Laizismus die positive Neutralität des Staates den Gläubigen gegenüber sowie die juristische Garantie freier Glaubensentfaltung. Eben deshalb müsse dieses Konzept auch Muslimen offenstehen, da es Pluralismus fördere, totalitären Tendenzen entgegenwirke und insofern auch eine Schutzvorrichtung für den Islam darstelle, ihn beispielsweise gegen den saudischen Archaismus schütze.[11] Bencheikhs Verständnis von Moderne ist ein ganz und gar französisches und beruht darauf, den Laizismus als Privileg aufzufassen. Die Trennung von Religion und Politik sei unerlässlich, schreibt er, weil "der moderne Staat, der nach vernünftigen und nachvollziehbaren Kriterien funktionieren will, nicht die Kriterien der Religion zugrunde legen kann, deren Authentizität und Zweckmäßigkeit rational nicht beweisbar sind"[12].

Nirgends wird sein Bildersturm deutlicher als in der in Frankreich besonders heiklen Frage des Kopftuchs. Zwar sei dieses vom Koran vorgeschrieben, dennoch handle es sich nicht um ein religiöses Symbol, da der Islam jede Symbolik ablehne. Im Falle eines Konflikts zwischen einem Kleidungsstück und den Erfordernissen des Laizismus hätten grundsätzlich die Letzteren zu obsiegen. Schließlich gebe es angemessenere Formen, die moralische Integrität von Frauen zu bewahren: "Heute ist der Schleier der Muslimin in Frankreich die laizistische, freie und obligatorische Schule."[13]

Bencheikhs Anliegen geht über diese unmittelbaren Streitfragen hinaus. Auffallend hart geht er mit dem Erscheinungsbild der islamischen Theologie ins Gericht, die er für dringend reformbedürftig hält.[14] Gerade von Europa ausgehend müssten die Muslime begreifen, dass sie eine Minderheit unter vielen sind, und eine entsprechende Minderheitentheologie mit den Schwerpunkten Menschenrechte, Glaubensfreiheit und Laizismus entwickeln, um nicht von der globalen Ordnung ausgeschlossen zu werden. Sein vordringlichstes Ziel ist daher die Schaffung eines theologischen und pädagogischen Forschungsinstituts in Frankreich. Von diesem Schritt verspricht er sich nicht nur die Ausbildung des religiösen Personals in geregelten und kontrollierbaren Bahnen, womit zahllosen selbsternannten Predigern das Wasser abgegraben werden solle. Darüber hinaus wären die französischen Muslime autonomer und unabhängiger von der weltweiten Gemeinde (umma) - ein Anliegen, das sich unausgesprochen hauptsächlich gegen die Aktivität diverser saudischer wahhabitischer Organisationen richtet. Das Institut, das ihm vorschwebt, soll der Pariser Ecole Pratique des Hautes Etudes angegliedert sein und von herausragenden muslimischen Intellektuellen wie Mohammed Arkoun sowie bedeutenden französischen Orientalisten geleitet werden.[15]

Bencheikh weiß selbst, dass ein derart elitäres Ansinnen keine Chance hat, verwirklicht zu werden. Vorbehalte existieren nicht nur auf dem Gebiet des christlich-islamischen Dialogs,[16] sondern nicht minder seitens der Mehrzahl der Muslime, die gleichermaßen distanziert zur westlichen Islamforschung und zu jenen Intellektuellen aus den eigenen Reihen stehen, die in ihren Augen viel zu verwestlicht sind.


Fußnoten

10.
Soheib Bencheikh, Marianne et le Prophète. L'Islam dans la France laïque, Paris 2000(2), S. 14.
11.
Vgl. ebd., S. 57, 77.
12.
Ebd., S. 71.
13.
Ebd., S. 145; demgegenüber ist mitunter sogar in der Sekundärliteratur politisch korrekte Apologie zu lesen, etwa in W. Shahid/P. S. van Koningsveld (Anm. 3), wo vom "Islamic modest dress" die Rede ist: S. 35, 36, 39.
14.
Vgl. S. Bencheikh (Anm. 10), S. 183ff.
15.
Ebd., S. 219ff.; vgl. a. Mohammed Arkoun, L'Islam. Approche critique, Paris 1992; die anderen von ihm vorgeschlagenen Personen sind Jean Baubérot, Ali Merad, Daniel Gimaret, Guy Monnot und Pierre Lory.
16.
Vgl. S. Bencheikh (Anm. 10), S. 256f.