APUZ Dossier Bild

10.5.2005 | Von:
Rainer Brunner

Zwischen Laizismus und Scharia: Muslime in Europa

Ein islamisches Grundgesetz?

Die Situation in Frankreich, wo der Staat den Religionsgemeinschaften mit einem nahezu kompromisslosen Laizismus begegnet, mag einzigartig in Europa sein.[36] Aber das heißt nicht, dass anderswo die Dinge weniger kompliziert wären.

Ein Beispiel dafür ist die seit Jahren intensiv geführte Debatte über muslimischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Deutschland. Da der Religionsunterricht als einziges Schulfach vom Grundgesetz geregelt wird (Art. 7,3 und 141), hat diese Frage notwendigerweise auch Auswirkungen auf die in Deutschland lebenden Muslime - und auf deren Haltung gegenüber dem in dieser Frage gar nicht so säkularen Staat.[37] Ein Versuch, dieses Verhältnis zu definieren, ist die Islamische Charta, die der Zentralrat der Muslime in Deutschland im Februar 2002 veröffentlichte. Ihre 21 Artikel erheben keinen geringeren Anspruch als den einer "Grundsatzerklärung (...) zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft" und erlauben Einblicke in muslimisches Selbstverständnis in westlicher Umgebung.

Die Charta entstand erkennbar unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 und sollte nicht zuletzt positiv auf die öffentliche Meinung einwirken. Zugleich jedoch lässt sie, nolens volens und zwischen den Zeilen, einige der Schwierigkeiten erkennen, die dem muslimisch-westlichen Verhältnis innewohnen.[38] So heißt esin den Artikeln 3 und 4 der Charta, der Koran als das unverfälschte Wort Gottes habe "den reinen Monotheismus nicht nur Abrahams, sondern aller Gesandten Gottes wiederhergestellt und bestätigt". Das läuft auf eine Bekräftigung der schon erwähntentraditionellen Behauptung muslimischer Gelehrter hinaus, Juden und Christen hättendie Botschaft Gottes absichtlich verfälscht, weshalb ihre Schriften von Muhammads letztgültiger Offenbarung berichtigt worden seien.

Die Mehrdeutigkeit der Wortwahl setzt sich, jenseits theologischer Spekulation, auch bei Fragen fort, die direkt mit der Integration des Islams in westlichen Gesellschaften zu tun haben. Artikel 13 besagt, dass "zwischen den im Koran verankerten, von Gott gewährten Individualrechten und dem Kernbestand der westlichen Menschenrechtserklärung (...) kein Widerspruch" bestehe - was die Frage nach Rechten aufwirft, die jenseits dieses wie auch immer zu definierenden Kernbestands lägen. Artikel 14 wiederum bejaht den "vom Koran anerkannten religiösen Pluralismus" - der freilich auf Christen und Juden beschränkt ist, und auch das nur unter bestimmten Voraussetzungen (Koran 9/29). Und schließlich heißt es in Artikel 6 mit Blick auf die Rolle von Mann und Frau, diese hätten "die gleiche Lebensaufgabe", nämlich "Gott zu erkennen, Ihm zu dienen und Seinen Geboten zu folgen" - was nicht notwendigerweise gleiche Rechte einschließt.

Selbst diese moderate Form einer Loyalitätsbekundung ging jedoch einigen Mitgliedern des Zentralrats zu weit. Die deutlichste Kritik kam vom Ahmad von Denffer vom Islamischen Zentrum in München, das ideologisch den Muslimbrüdern nahe steht. Er wandte sich vehement gegen die in der Charta geäußerten Beteuerung, man ziele "nicht auf Herstellung eines klerikalen 'Gottesstaates' ab" (Art. 12). Von Denffer nannte das einen Versuch, die westliche Öffentlichkeit zu täuschen, denn "an der Forderung des Korans, danach zu streben, dass nach Allahs Wort zu entscheiden ist (Koran 5:44 - 50 u.a.), kann kein Zweifel bestehen". Im Endeffekt habe der Zentralrat mit dieser Charta nur "in eigenem Namen" gehandelt und "das Gesamtinteresse der Muslime in Deutschland außer Acht gelassen".[39]


Fußnoten

36.
Vgl. Alexandre Escudier u.a. (Hrsg.), Der Islam in Europa. Der Umgang mit dem Islam in Frankreich und Deutschland, Göttingen 2003; Haut Conseil à l'intégration (Hrsg.), L'Islam dans la République. Rapport au Premier Ministre, Paris 2001.
37.
Vgl. Mathias Rohe, Der Islam - Alltagskonflikte und Lösungen. Rechtliche Perspektiven, Freiburg i. Br. 2001, S. 155 - 174.
38.
Vgl. ausführlich Rainer Brunner, Beitrag zur Integration oder Mogelpackung? Die "Islamische Charta" des Zentralrats der Muslime in Deutschland, www.bpb.de / veranstaltungen / NTGHNT,0,0,Die _ Islamische _ Charta _ des _ Zentralrats _ der _ Muslime _ in _ Deutschland.html; Johannes Kandel, Die Islamische Charta. Fragen und Anmerkungen, in: www.fes-online-akademie.de / download / pdf / KANDEL _ ISLAMCHARTA.PDF; Tilman Nagel, Zum schariatischen Hintergrund der Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland, in: H. Lehmann (Hrsg.), Koexistenz und Konflikt von Religionen im vereinten Europa, Göttingen 2004, S. 114 - 129; die Charta ist abrufbar auf der Webseite des Zentralrats (www.zentralrat.de); vgl. zum Zentralrat: U. Spuler-Stegemann (Anm. 1), S. 107 - 110.
39.
Al-Islam. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland (herausgegeben vom Münchner Zentrum), 2002, Nr.2, S. 7f., 10 - 16; das Münchner Zentrum ist Mitglied im Zentralrat.