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10.5.2005 | Von:
Jytte Klausen

Europas neue muslimische Elite

Der politische Aktivismus von Muslimen in Europa leitet sich von der späten kollektiven Erkenntnis ab, dass sie bleiben werden, sowie von den verspäteten Integrationsbemühungen der Regierungen.

Einleitung

Farah Karimi ist aus politischen Gründen aus dem Iran geflohen und wurde 1998, zehn Jahre nachdem sie in die Niederlande gekommen war, für die Grünen (Groen Links) ins niederländische Parlament (die Tweede Kamer) gewählt. Als Studentin hatte sie 1979 an der Islamischen Revolution teilgenommen, aber als die neue Regierung begann, einschneidende religiöse Gesetze zu beschließen, sah sie ihre Hoffnungen auf eine nationale und demokratische Revolution enttäuscht. Frauen wurden von Männern an den Universitäten und in der Öffentlichkeit getrennt. Das Tragen des hijab, des islamischen Kopftuchs, welches die Revolutionäre aus Protest gegen die vom Schah erzwungene Verwestlichung angelegt hatten, wurde verpflichtend. Heute denkt Karimi, dass sie naiv gewesen ist, als sie sich der Studentenbewegung anschloss. "Wir glaubten, dass der Islam gut sei", sagt sie, "weil er aus unserer eigenen Kultur stammte."[1] Sie ist sehr besorgt über den Konservatismus der muslimischen Gemeinschaft in den Niederlanden und verweist darauf, dass die Einwanderungsorganisationen durchweg von alten Männern geleitet würden.




Zugleich verzweifelt sie darüber, dass die niederländischen Politiker nicht den Mut aufbringen, der Öffentlichkeit zu erklären, warum es notwendig ist, auch unpopuläre Maßnahmen zu finanzieren. Man benötige öffentlich finanzierte Islamschulen, in denen Imame ausgebildet werden, um zu verhindern, dass aus Ländern wie Saudi-Arabien oder der Türkei Einfluss auf die muslimische Gemeinschaft in den Niederlanden ausgeübt wird. Doch die Bedingungen für eine rationale Debatte haben sich verschlechtert. Karimi hat einen dramatischen Wandel der öffentlichen Einstellungen gegenüber Muslimen beobachtet. Das belegen auch die Erfahrungen ihres 20-jährigen Sohnes: "Für sie bin ich ein Moslem", sagt er, "also muss ich auch einer sein." Karimi glaubt, dass das gegenwärtige politische Klima in den Niederlanden den Extremismus auf beiden Seiten ermutige.

Fatih Alev war zur Zeit meines Interviews Vorsitzender einer muslimischen Studentenorganisation in Kopenhagen. Er diente einer kleinen Gemeinschaft in einem innerstädtischen Kulturzentrum als Imam und bezeichnete sich als "Bindestrich-Däne". Er wurde in Dänemark als Sohn türkischer Arbeitsmigranten geboren und hat die Universität besucht. Er begegnet allen Menschen, Männern und Frauen, in der leichten, egalitären Art, welche bei Dänen so häufig anzutreffen ist. Er predigt auf Dänisch und ist Däne aus voller Überzeugung - mit einer Ausnahme: Alev glaubt, dass die Dänen ihre Spiritualität verloren haben und dass dieser Verlust der Hauptgrund dafür ist, dass sie so intolerant gegenüber Einwanderern geworden sind. "Die dänischen Vorratslager für Glauben und Spiritualität sind leer; stattdessen füllen sie sie mit Furcht vor dem übermächtigen 'Ausländer'." Seine Hoffnung ist es, dass die Anwesenheit von überzeugten Muslimen die Dänen herausfordern werde, ihre Einstellung zur Religion zu überdenken.

Alev verbringt viel Zeit mit dem interreligiösen Dialog, mit Gruppen, die sich mit islamischer Erziehung und theologischer Erneuerung beschäftigen. Er befürwortet eineverschärfte Antidiskriminierungspolitik, denn dadurch würde es Muslimen erleichtert, eine gewisse Gleichstellung mit Christen zu erreichen. Er ist jedoch entrüstet, als ich ihm erkläre, dass neue europäische Gesetze gegen Diskriminierung religiösen Organisationen verbieten könnten, Homosexuelle zu benachteiligen. Er steht dem Vorschlag skeptisch gegenüber, dass Frauen Imame werden können, und verweist darauf, dass der Koran eindeutig bestimme, dass Frauen nur andere Frauen beim Gebet anleiten könnten. Zwei junge Frauen seiner Studentenorganisation widersprechen in seiner Anwesenheit: Natürlich können Frauen Imame sein, sagen sie.[2] Die Frage nach der Eignung von Frauen, auch Männer im Gebet anzuleiten, ist seit unserem Gespräch zu einer öffentlichen Kontroverse geworden, und der Streit dürfte mindestens so engagiert geführt werden wie die Kontroversen über homosexuelle episkopale Bischöfe und in früheren Zeiten über lutheranische Pastorinnen.[3]

Karimi und Alev, eine linke Parlamentarierin und ein Student und Imam, gehören zur wachsenden neuen muslimischen Elite in Europa. Sie sind gut ausgebildet und talentiert; aufgrund ihres Engagements und ihrer Fähigkeiten sind sie an die Spitze von politischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen gelangt. Ihr Engagement und ihre gemäßigten Ansichten deuten darauf hin, dass das Schlagwort von der "Islamisierung Europas" unbegründet ist.


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Hans-Georg Golz, Bonn.

Interview, Amsterdam, 1.12. 2003. Im Herbst erscheinen die Ergebnisse der Studie auf Englisch (Oxford University Press), im nächsten Jahr auch auf Deutsch: Die muslimische Elite in Europa, Frankfurt/M. 2006 (im Campus Verlag). Mein Forschungsprojekt wird vom United States Institute of Peace, der British Academy und dem Danish Social Science Research Council unterstützt.
2.
Interview, Kopenhagen, 5.9. 2003. Per E-Mail bezweifelte Alev meine Version des Gesprächs und behauptete, dass die Frauen nicht widersprachen. Meine Notizen belegen jedoch das Gegenteil.
3.
Eine Gruppe amerikanischer Feministinnen hat den Zorn von muslimischen Führern provoziert, sowohl von konservativen wie von gemäßigten, weil sie öffentlich angekündigte Gebetsstunden organisiert haben, die von Aminah Wadud geleitet wurden, Professorin für Islamstudien an der Virginia Commonwealth University. Vgl. Muslim Group Is Urging Women to Lead Prayers, in: The New York Times vom 18.3. 2005.