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10.5.2005 | Von:
Jytte Klausen

Europas neue muslimische Elite

Religiös, nicht fundamentalistisch

Muslime, die öffentliche Ämter im europäischen politischen System bekleiden, sind keine religiösen Fundamentalisten. Sie bestehen nicht darauf, den Koran wörtlich zu nehmen, und sie wollen auch kein europäisches Kalifat errichten. Die meisten Angehörigen von Europas neuer muslimischer politischer Elite haben mit Theologie wenig im Sinn. "Die meisten von uns sind Ingenieure oder Geschäftsleute", so ein deutscher Muslim, Christdemokrat und Vorsitzender einer interreligiösen Organisation. "Wie kann ich mit einem Pastor oder einem Theologieprofessor über Deutungen des Koran diskutieren?" Er erklärte, wie sich seine Ansichten über den Koran und den Islam geändert hatten, als er an interreligösen Workshops teilnahm, und er wünschte sich, dass es ausgebildete Gelehrte gäbe, die den Islam in solchen Debatten besser vertreten könnten.

Eine Mehrheit der muslimischen Elite betrachtet den Islam als sehr wichtig für ihr persönliches Leben, aber wenn sie ihre politischen Werte beschreiben, heben sie die Menschenrechte hervor und Vorstellungen wie Respekt, Anerkennung und Parität. Diese sind weit von jenem Radikalismus entfernt, der oft mit islamistischen Revolutionären verbunden wird. Auf die Frage, was ihrer Meinung nach getan werden müsste, um den Islam in Europa zu integrieren, antworteten viele der Befragten übereinstimmend, dass die engen Verbindungen zu den islamischen Staaten gekappt und Wege gefunden werden müssten, um Imame an europäischen Universitäten auszubilden und die Rechtslage der Glaubensgemeinschaften entsprechend den nationalen Gesetzen zu normalisieren. Hingegen gibt es widersprüchliche Ansichten darüber, wie weit man die Gleichheit mit den christlichen Kirchen vorantreiben sollte. Viele betonten ihren Widerstand gegenüber einer "Christianisierung" des Islam, wie sie es formulierten, und argumentierten, dass die Regierungen besser "Hilfe zur Selbsthilfe" zur Verfügung stellen sollten. Andere argumentierten geradewegs für die völlige rechtliche und institutionelle Gleichstellung: "Was für den Pastor gilt, gilt auch für den Imam", sagte ein dänischer Stadtrat.

Viele der in dieser Studie Befragten klagen darüber, dass sie sich durch das breite Misstrauen ihren Motiven gegenüber in den europäischen Bevölkerungen beleidigt fühlten und dass sie es leid seien, ständig ihre Bereitwilligkeit zu beteuern, den Islam reformieren zu wollen, damit er mit westlichen demokratischen Werten kompatibel ist. Aus ihrer Sicht haben sich die Medien und die Extremisten gemeinsam gegen den Islam verschworen. Andere beklagen sich darüber, dass die Repräsentanten der nationalen muslimischen Vereinigungen "Fundamentalisten" seien und dass man sich viel entschiedener von den Konservativen absetzen müsse, indem man liberale Versionen des Islam unterstütze.

Der neue politische Aktivismus von Muslimen in Europa leitet sich von zwei unabhängigen, aber aufeinander einwirkenden Faktoren ab: der verspäteten, aber kollektiven Erkenntnis seitens der europäischen Muslime, dass sie "hier sind, um hier zu bleiben", und den gleichermaßen verspäteten Bemühungen seitens der Regierungen, den Muslimen mit politischen Maßnahmen entgegenzukommen. Regierungstätigkeit stimuliert ironischerweise den muslimischen Aktivismus, aber meistens misslingen Versuche seitens der Regierungen, Möglichkeiten für die muslimischeSelbstrepräsentation zur Verfügung zu stellen.