APUZ Dossier Bild

10.5.2005 | Von:
Sabine Schiffer

Der Islam in deutschen Medien

Zeigen und Ausblenden

Die Wahl eines bestimmten Zeichens - Wort oder Bild - entscheidet darüber, auf welchen Wirklichkeitsausschnitt die Aufmerksamkeit gelenkt wird - und was ausgeblendet bleibt.[3] Mensch und Medien konstruieren unter Verwendung von Zeichen ständig Wirklichkeiten, die nicht dem Erlebten entsprechen - auch wenn nur "Fakten" berichtet werden. Da wir uns alle an dem orientieren, was wir schon zu "wissen" meinen, ergibt sich unbemerkt eine Wiederholung derselben Ausschnitte, was den Eindruck von Authentizität noch verstärkt. Auf diese Weise entstehen Stereotype, die pars pro toto für die ganze Wahrheit gehalten werden. Werden etwa im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt allein die Gewaltakte erwähnt, die von beiden Seiten verübt werden, dann entfällt die Wahrnehmung der gewaltfreien Initiativen zur Überwindung des Konflikts sowie der Alltag der Menschen.

1,2 Milliarden Individuen auf der Welt sind Muslime. Sie sind in verschiedenen Ländern und Erdteilen zu Hause und leben in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Differenzierte soziokulturelle Faktoren machen deutlich, dass es innerhalb der muslimischen Bevölkerungen eine Vielzahl von verschiedenartigen Lebensrealitäten gibt. Dennoch lässt sich feststellen, dass in deutschen Medien "die" Muslime zunehmend als homogene Masse wahrgenommen werden, die bedrohlich oder zumindest rückständig erscheint.

Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach hat in den vergangenen Jahren die Islamophobie in Deutschland deutlich zugenommen - vor allem durch äußere Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder die Geiselnahme von Beslan in Tschetschenien, die fast ausschließlich in der Kategorie "Islam" präsentiert und wahrgenommen wurden.[4] In der Berichterstattung bleiben Entwicklungen ausgeblendet, beispielsweise wie es zu der aktuellen Situation in Tschetschenien gekommen ist, ohne die der Vorgang nicht verstanden werden kann. In Krisenzeiten lassen sich solche Informationen jedoch nicht mehr "nachschieben", weil sie dann allein vor dem Hintergrund der Betroffenheit und des Skandals rezipiert werden.

So stehen wir unvermittelt immer wieder vor Ereignissen, die mit islamistischen Tendenzen erklärbar scheinen. Dieses so genannte Framing[5] drängt sich geradezu auf, wenn sich z.B. Attentäter explizit auf den Islam berufen. Die tatsächlichen Zusammenhänge zu durchschauen wird für Journalisten eine wichtige Herausforderung und keine leicht zu erfüllende Aufgabe der Zukunft sein. Denn aus diesem Material entstehen Feindbilder: Schwarzweiß- und Worst-Case-Denken, Messen mit zweierlei Maß, Projektionen, Homogenisierung vielschichtiger Gruppen von außen und eine Fehlbeurteilung sich selbst erfüllender Prophezeiungen.[6] Als besonders tückisch erweist sich in diesem Zusammenhang, dass ein direkter Kontakt nur bedingt einmal etablierte Vorstellungen auflösen kann.[7] Unser erster Eindruck, unser "Wissen" bildet eine unbewusste Erwartungshaltung, welche alles filtert, was wir schon kennen. So nehmen wir schnell und effektiv die Realitätsausschnitte wahr, die unserer Erwartung entsprechen, und übersehen allzu leicht die vielleicht zahlenmäßig größere Menge von Gegenbeispielen. Ein Beweis für das jeweilige Vorurteil ist schnell erbracht, denn ein geeignetes Beispiel wird man immer finden. Da ergeht es Journalistinnen und Journalisten nicht anders.

In Bezug auf die mediale Wahrnehmung des Islams liegt genau in der Vielfalt der so genannten islamischen Welt die Tücke - je größer der Fundus, umso zuverlässiger lässt sich finden, was man sucht. Die Beispiele mutieren nach mehrmaliger Wiederholung zum Beweis. Wenn bereits wenige Beispiele als ultimative Beweise genügen, dann wird das Erwartete bestätigt und somit "wahr". Teilwahrheiten haben das Potenzial, eine diffuse Ablehnungshaltung zu begründen, deren Basis keine Sachkenntnis ist, sondern ein Konglomerat aus zusammenhanglosen Informationsfetzen. Beim heutigen Medienkonsum kann man eine unkritische Übernahme solcher Informationsbruchstücke beobachten. Die nächste Information ersetzt ein Nachdenken oder gar eine Nachfrage, wenn ein Zusammenhang nicht verstanden wurde - und vielleicht gar nicht vorhanden war.

In der Islamberichterstattung lässt sich dieser Mechanismus ebenso nachweisen wie bei anderen Themen. Ausgeblendet bleibt meist das Normale, Unspektakuläre, denn only bad news are good news, und wer würde schon ein unspektakuläres Medium kaufen? Dinge, die wir in Bezug auf den Islam auf Grund unserer kulturspezifisch eingeschränkten Sicht übersehen, sind etwa der hohe Anteil weiblicher Professoren in Ägypten und der Türkei (ca. 30 Prozent gegenüber zehn Prozent in Deutschland), die Diskussion um eine Männerquote an iranischen Universitäten, da dort die weiblichen Studierenden in der Überzahl sind, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Frauen erst nach der Islamischen Revolution dort das Wahlrecht erhielten. Wie sehr Zeigen und Ausblenden unsere Wahrnehmung trüben, belegt auch das folgende Beispiel: Immer wieder können wir lesen, dass muslimische Mädchen nur die Hälfte dessen erben, was ihre Brüder erben. Das stimmt, es bleibt jedoch ausgeblendet, dass muslimische Männer damit traditionell die Verpflichtung übernehmen, für ihre unverheirateten Schwestern und andere Verwandte zu sorgen, während Frauen dieses Geld zur eigenen Verfügung erhalten. In den modernen islamischen Gesellschaften spielt diese Aufteilung inzwischen keine so große Rolle mehr, da die Grundsituation familiären Zusammenlebens sich gewandelt hat. In den betroffenen Ländern passen sich die Gesetze der Situation an. Mit einem einzigen Satz kann jedenfalls die Schilderung nie komplett sein.


Fußnoten

3.
Vgl. Sabine Schiffer, Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder, Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen, Diss., Erlangen-Nürnberg 2004, S. 27f.
4.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Der Kampf der Kulturen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 15.9. 2004; Renate Köcher, Die Herausforderung durch den Islam als Chance, in: FAZ vom 15.12. 2004. Natürlich ist auch hier die Art der Datenerhebung von entscheidender Bedeutung, um die Verlässlichkeit der Ergebnisse nachzuweisen. In Verbindung mit dem Nachbarschaftsranking des Instituts, das jährlich eine Tabelle von Minderheiten erstellen lässt, die man als Nachbarn "gerne" bzw. "nicht gerne" hätte, und dem man eine neutrale Fragestellung bescheinigen kann, bewegt sich das Ansehen der muslimischen Minderheit im unteren Drittel der Skala. Dies stützt die oben genannten Umfrageergebnisse. Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie, München 1998 - 2002.
5.
D. h. das vermehrte und vorschnelle Einordnen eines Sachverhalts in einen vorgefassten Kontext; vgl. Bertram Scheufele, Frames - Framing - Framing-Effekte. Theoretische und methodische Grundlegung sowie empirische Befunde zur Nachrichtenproduktion, Wiesbaden 2003.
6.
Vgl. Anne Katrin Flohr, Feindbilder in der internationalen Politik, Münster 1991, S. 71.
7.
Vgl. S. Schiffer (Anm. 3), S. 42f.