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10.5.2005 | Von:
Sabine Schiffer

Der Islam in deutschen Medien

Symbole statt Information

Die Beispiele aus dem Umfeld "der" muslimischen Frau dienen hier ebenso der plakativen Illustration, wie dies umgekehrt in Bezug auf die Unterdrückung der Musliminnen geschieht. Allzu häufig dienen Teilwahrheiten aus dem Leben muslimischer Frauen als Beleg für die Unterdrückungsmechanismen "des" Islams. Häufig muss die Situation der Musliminnen für die Beurteilung des Islams insgesamt herhalten, etwa wenn das Thema allein durch das Zeigen einer Kopftuchträgerin repräsentiert wird. Das Bild erfüllt die Funktion eines Verdichtungssymbols - eines doppelt besetzten Symbols.

Denn auch der so genannte Islamismus wird durch das Kopftuch symbolisiert, zum Beispiel, wenn der Wahlausgang in der Türkei kommentiert wird: "Schleier wieder Mode?"[8] Da sich hier die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte religiös orientierte Gruppe richtet, übernehmen die Begriffe Schleier undKopftuch Bedeutungskomponenten wie "Zeichen für Islamismus". Dieser Bedeutungswandel spiegelt sich in aktuellen Beiträgen wider. Zum Wahlausgang im Irak hieß es in den "Nürnberger Nachrichten" unter dem Titel "Demokratie oder Gottesstaat?" unter anderem: "Werden sich Frauen komplett verschleiern müssen, oder wird es ihnen erlaubt sein, sich schick zu kleiden?"[9] Die Symbolträchtigkeit der Verschleierung erklärt, warum die Kopftuchdebatte so viele Ängste hervorruft.

Diese Stereotypisierung wird aber auch durch Vorlagen aus der islamischen Welt bedient. Dazu trug etwa die Kampagne Nawal el Saadawis in Ägypten bei, die über die "Entschleierung des Bewusstseins" die Situation im Land verbessern wollte. Dabei wird ihr politisches Engagement häufig stark verkürzt wiedergegeben. Ihre Kritik an den hierarchischen Wirtschaftsstrukturen weltweit, die dazu führen, dass mehr Geld von der "dritten" in die "erste" Welt fließt als umgekehrt, bleibt ausgeblendet. Die Reduktion auf die Frauenrechtsthematik führt zu dem Fehlschluss, dass el Saadawi den Islam für die Benachteiligung der Frauen verantwortlich mache - mitnichten, wie sie auf ihren Vortragsreisen betont.[10]

Der Differenziertheit steht die Karriere des Kopftuchs gegenüber, die es ermöglicht, dass vielschichtige Informationen durch vereinfachende Teilinformationen ersetzt werden. Was sagt das Tragen eines Kopftuchs über das Denken der Menschen aus, die es tragen? Die Konzentration auf ein Kleidungsstück hat viele Ursachen, die unter anderem in unserer Kultur begründet liegen. Für westlich Sozialisierte wird die Wichtigkeit der visuellen Wahrnehmung auf die Situation der Muslime übertragen. Als Folge der Industrialisierung und der damit verbundenen Trennung der Sphären (Arbeitswelt, privater Bereich usw.) entwickelte sich in der westlichen Welt die Vorstellung einer Öffentlichkeit. Die Möglichkeit, sich in diesem Außenraum frei zu bewegen, bedeutet, Macht zu haben. Deshalb ging die Emanzipation der Frau in Europa mit der Eroberung dieses Bereichs einher. Damit waren Frauen in der Öffentlichkeit visuell wahrnehmbar und mächtiger als solche, die allein Hausarbeit oder andere, nicht so leicht wahrnehmbare Tätigkeiten verrichteten. "Heim an den Herd" wurde zur Metapher für Rückschritt. Und "arbeiten" bedeutet inzwischen fast ausschließlich "außer Haus arbeiten" (in einem Beruf, der immer höher bewertet wird als Hausarbeit). Dies erklärt, warum sich der Feminismus häufig mit der Berufstätigkeit von Frauen als Emanzipationsindikator zufrieden gibt - ohne Reflexion darüber, ob diese Schwerpunktsetzung nicht etwa den Mann zur Norm deklariert, an dem sich die Frau orientieren soll.

Die Anerkennung des Außenraums als Machtsektor ist in der Kopftuchdebatte auf einen anderen Kulturraum übertragen worden, und deshalb widerspricht eine wenig sichtbare, verschleierte Frau hiesigen Emanzipationsvorstellungen. Und tatsächlich gibt es ja dieVerschleierungsdogmen extremistischer Gruppen, welche die Frauenkleidung ebenfalls zum Symbol stilisieren. Zu einfach macht man es sich jedoch, wenn Freiheit und Emanzipation mit Kleidungsfreiheit gleichgesetzt werden. Übrigens handelt es sich oft nicht um wirkliche Kleidungsfreiheit, wenn gefordert wird, bestimmte Kleidungsstücke nicht zu tragen. Wenn eine verschleierte Frau auf dem Bildschirm zu sehen ist, werden jahrelang bediente Assoziationsketten ausgeschöpft. Kaum eine Islamthematisierung kommt ohne Kopftuch aus, wobei erfolgreiche Frauen zumeist ohne ein solches gezeigt werden, etwa die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Darüber hinaus wird das Thema "Ausländer" sowohl in Nachrichtensendungen als auch in Zeitungen seit Jahren immer wieder mit Bildern kopftuchtragender Frauen unterlegt, so dass das Konzept "Islam ist Fremdheit" noch verstärkt wird. All dies kommt der Integration muslimischer Frauen gerade nicht zugute, die sich häufig eher unverstanden statt "gerettet" fühlen.


Fußnoten

8.
Der Spiegel vom 28.2. 1994, S. 155.
9.
Nürnberger Nachrichten vom 14.2. 2005, S. 2.
10.
Wenn Saadawi das Patriarchat in Ägypten kritisiert, benennt sie natürlich Imame und andere Muslime als Unterdrücker - so wie anderswo andere zu benennen wären. Außerdem kritisiert sie immer wieder die Übersetzungstätigkeit von Verlagen, die etwa aus ihrem Buchtitel "Die Frau mit dem nackten Gesicht" im Deutschen "Ich spucke auf Euch" machten.